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27.11.2018, 14:07

Hoffenheim und Donezk brauchen beide einen Sieg

Fonseca: "Gewinnen reicht mir nicht"

Seit 2016 führte Paulo Fonseca (45) Hoffenheims Gegner Schachtar zweimal zum Double. Vor dem Duell am Dienstag (21 Uhr, LIVE! auf kicker.de und im Stream bei DAZN) steht er mit seinem Team auf dem letzten Platz der Gruppe F. Der Portugiese über Vorbilder, Spielstil und seine Maskerade.

Paulo Fonseca
"Ich will keine Kopie sein": Donezk-Trainer Paulo Fonseca.
© imagoZoomansicht

Pacos de Ferreira führte er 2013 sensationell in die Qualifikation der Champions League, mit Braga holte er 2016 den Pokal. Bei den kleinen Vereinen in Portugal wurde Paulo Fonseca zum Vorkämpfer, bei Topklub FC Porto klappte es 2013/14 nicht wie gewünscht: Noch vor Ablauf der Saison verließ er aus eigenem Antrieb den Verein. Vor fast einem Jahr sorgte der Trainer für Aufsehen, als er als Coach von Schachtar Donezk nach dem 2:1 über Pep Guardiolas Manchester City und der Qualifikation für das Achtelfinale der Königsklasse als Zorro vor die Medien trat.

kicker: Sehen Sie sich als Kämpfer für Gerechtigkeit wie die legendäre Romanfigur Zorro, Herr Fonseca?
Paulo Fonseca: Was könnte es Besseres geben? Aber ich wollte weder damals noch jetzt politisieren. Zorro ist eine Figur, die mir als Kind schon immer gefallen hat. Wir haben damals im Klub gewettet: Wenn es doch noch klappt mit dem Achtelfinale, dann mache ich das. Weil es ein Highlight war und ist, gegen City zu gewinnen.

kicker: Es heißt, das sei eine geplante Marketing-Aktion gewesen, um Schachtar weltweit in den Fokus zu rücken.
Fonseca: Das war es nicht. Natürlich habe ich das mit dem Klub abgesprochen, aber es steckte keine Marketing-Kampagne dahinter. Es war aus der Freude heraus, dass wir eine schwere Gruppe mit City, Napoli und Feyenoord gemeistert hatten.

kicker: Werden Sie sich wieder als Zorro verkleiden, wenn es doch noch was wird mit dem Achtelfinale?
Fonseca: Nein, dieser Gag ist durch.

Paulo Fonseca verkleidete sich nach dem Weiterkommen im letzten Jahr als Zorro.
Paulo Fonseca verkleidete sich nach dem Weiterkommen im letzten Jahr als Zorro.
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kicker: Hoffenheim hat drei Punkte, Schachtar ist mit zwei Zählern Tabellenletzter. Selbst bei einem Remis sind Sie raus aus der Königsklasse. Ein Endspiel...
Fonseca: Wir haben zwei Endspiele. Erst gegen Hoffenheim, dann zu Hause gegen Lyon. Aber zu Hoffenheim: Für beide ist es wichtig, zu gewinnen. Ohne Sieg geht es nicht. Hoffenheim ist stark, eine sehr spielstarke Mannschaft. Aber dennoch werden wir versuchen, zu gewinnen. Das ist immer unser Ansatz. Auch auswärts.

kicker: Letztes Jahr scheiterten Sie im Achtelfinale nur knapp am AS Rom. Wäre nun Platz 3 und das Überwintern in der Europa League zumindest ein Trost?
Fonseca: Wir empfangen am letzten Spieltag Lyon, Hoffenheim muss nach Manchester. Es könnte ein Fotofinish geben. Aber noch haben wir die Chance, das Achtelfinale zu erreichen. Das Maximale ist immer unser Ziel.

kicker: Wie werden Sie das Spiel angehen: abwartend oder offensiv, weil ein Sieg hermuss?
Fonseca: Wir werden an unserer grundlegend offensiven Ausrichtung nichts ändern. Ballbesitz, Dominanz, der Zug zum Tor, das ist meine und unsere Philosophie. Wir versuchen immer, die Initiative zu übernehmen.

kicker: Das ging bei den beiden Niederlagen gegen City, 0:3 und 0:6, daneben.
Fonseca: Aber unser Ansatz ist erstens, es zu versuchen. Und zweitens, es zu schaffen. Wir stellen uns nie per se hinten rein. Es sei denn, dass uns der Gegner dies aufgrund seiner Stärke aufzwingt. Wir wollen bestimmen, dominieren, antreiben, machen. Das ist immer so. Auch gegen City, jetzt gegen Hoffenheim.

kicker: Schachtar ist laut CIES Football Observatory die Mannschaft in Europas Ligen, die mit einem Schnitt von 67 Prozent den meisten Ballbesitz in seiner heimischen Liga aufweist. Spricht das für Schachtar oder ist das der international eher schwachen Liga in der Ukraine geschuldet?
Fonseca: Mit Dynamo Kiew haben wir einen sehr starken Rivalen, zudem sind die Gegner gegen uns immer besonders motiviert, und dann haben wir ja im Prinzip keine Heimspiele, da wir aufgrund der politischen Situation seit Jahren nicht in Donezk spielen. Und wir sind gerade in dieser Saison nach vielen Abgängen in der Umbruchphase. Aber der Fakt des Ballbesitzes war mir immer wichtig.

Ballbesitz, Dominanz, der Zug zum Tor, das ist meine und unsere Philosophie.Paulo Fonseca

kicker: Haben Sie ein Vorbild für diesen Stil, Barcelona etwa oder Pep Guardiola?
Fonseca: Keine speziellen Vorbilder. Ich will keine Kopie sein! Mir imponieren seit jeher Mannschaften, die mit Passspiel und Ballbesitz dominieren. So will ich spielen. Dabei geht es mir nicht um den Selbstzweck.

kicker: Dass der Ballbesitz alleine nichts bringt, zeigte die WM deutlich.
Fonseca: Ich wollte immer dominieren, schon als Jugendlicher, als Fan. Weil ich Fan eines im Wortsinn guten Fußballs war. Auch später als Trainer kleinerer Mannschaften beschränkte ich mich nie auf das Konterspiel. Meine Teams werden nie mit diesem Ansatz ins Spiel gehen. Das ist mir zu eindimensional. Gewinnen allein reicht mir nicht. Es soll auch ein Spektakel sein.

kicker: Das sind hehre Worte.
Fonseca: Vielleicht, aber es ist richtig. Natürlich weiß auch ich, dass Tore und Punkte für viele das Wichtigste sind, den Erfolg bringen. Wenn man das Spiel dominiert und den Ball hat, sind die Chancen größer, zu gewinnen. Aber nur, wenn man es richtig macht. Das zeigte die WM. Doch dass nun ein deutscher Vize-Weltmeister indirekt Guardiola für die schlechten Ergebnisse der Nationalelf verantwortlich macht, ist für mich unverständlich.

kicker: Hans-Peter Briegel sagte der italienischen Zeitung Repubblica, man folge dem Grundsatz nicht mehr, wonach das Ergebnis wichtiger sei als die Spielkontrolle. Seit Guardiolas Zeit bei Bayern habe sich etwas verändert.
Fonseca: Ist Guardiola etwa gescheitert, hat er keine Titel gewonnen? Mit Bayern zwar nicht die Champions League, aber das ist auch extrem schwierig und hängt oft an Details.

kicker: Zurück zu Schachtar: Beim 2:2 gegen Hoffenheim vergab Ihr Team gute Möglichkeiten zum Sieg. Konditionierte dies die gesamte Gruppenphase?
Fonseca: In der ersten Halbzeit war Hoffenheim viel besser als wir. Nach der Pause war es dann ausgeglichen, am Ende hatten wir diese Chancen, aber auch Hoffenheim hatte mehrere Möglichkeiten zum Sieg gehabt. Am Ende war es ein gerechtes Remis.

Hoffenheims Kerem Demirbay (li.) gegen Donezks Taras Stepanenko.
Hoffenheims Kerem Demirbay (li.) gegen Donezks Taras Stepanenko.
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kicker: Das 0:9 in zwei Spielen gegen City klang bereits an: Haben Sie für das 2:1 2017 und ihren Zorro-Auftritt bezahlt?
Fonseca: Wir haben im Sommer wichtige Spieler verloren, Kapitän Srna an Cagliari, Fred ging zu Manchester United, er war ein superwichtiger Spieler, Bernard ging nach Everton, er fehlt uns sehr, Facundo Ferreyra ging zu Benfica. Natürlich besteht ein Unterschied zwischen dem Kader von Schachtar und dem Citys. City ist viel stärker, und im Vergleich zum Vorjahr haben Citys Spieler noch mehr Erfahrung unter Guardiola. Es sind unterschiedliche Voraussetzungen. Wir werden zwei bis drei Jahre brauchen, um wieder auf das Niveau der Voraison zu kommen.

kicker: Was können Sie tun außer Maskerade?
Fonseca: Na, die Spiele gegen Hoffenheim und Lyon gewinnen. Das Achtelfinale wäre wichtig, auch finanziell, um im Januar nochmal nachlegen zu können auf dem Transfermarkt. Einen Rechtsverteidiger und einen Linksaußen könnten wir brauchen.

kicker: Sportlich wäre ein Weiterkommen...was, ein Wunder?
Fonseca: Es wäre ein Lerneffekt für unsere weniger erfahrenen Spieler, die im Achtelfinale weitere Topspiele hätten. Nur so können sie lernen. Jungs wie Maycon, Cipriano oder Fernando, alle kaum 20, alle im Sommer aus Brasilien gekommen.

kicker: Immer wieder überzeugen Brasilianer in Donezk. Warum klappt dies so gut?
Fonseca: Zum einen profitieren sie von den vielen Brasilianern, die bereits im Klub sind. Die Aufnahme ist ein wenig, als kämen sie zu Verwandten. Aber vor allem klappt es, weil man sich hier wirklich um sie bemüht.

Tabellenrechner Champions League

kicker: Wie geht das genau?
Fonseca: Auch heutige Stars wie Fernandinho (derzeit ManCity, d. Red.), Willian (Chelsea) oder Douglas Costa (Juve, zuvor Bayern) mussten sich bei uns an den europäischen Spielstil anpassen. Wir müssen das Brasilianern beibringen. Es geht vor allem um defensive Organisation, in Brasilien agieren die Mannschaftsteile oft weit auseinander, hier müssen sie lernen, die Linien eng zu halten, keine Räume entstehen zu lassen.

kicker: Wie verarbeiten Sie es als Trainer, dass Schachtar aufgrund der politischen Lage in der Ukraine keine Heimspiele hat, in Charkiw statt in Donezk spielt und daher im November schon 13.000 Reise-Kilometer zusammenkamen?
Fonseca: Wir versuchen, der Straße so oft wie möglich zu entkommen, zu Hause und im Hotel zu verweilen. Es ist eine mentale Sache. Logistisch sind wir aber in Kiew hervorragend aufgestellt.

kicker: Sie leben und trainieren in Kiew, tragen die Heimspiele aber in Charkiw aus. Wäre es nicht besser, beides an einem Ort zu haben?
Fonseca: Wir haben in Kiew beste Trainingsmöglichkeiten, auch jetzt, wenn der Winter kommt. Der Klub ist dort mittlerweile quasi fest installiert. Ich und viele Spieler, wir fühlen uns dort auch wohl.

kicker: Die Fans offenbar nicht: 6000 bis 8000, mehr sind es oft nicht.
Fonseca: Ja, wir müssen wieder mehr Leidenschaft entfachen, nicht wir allein als Klub. Im ganzen Ligafußball im Land. Auch über die Nationalelf, vielleicht hilft nun der Erfolg in der Nations League, Prestige aufzubauen.

Wir werden zwei bis drei Jahre brauchen, um wieder auf das Niveau der Voraison zu kommen.Paulo Foncesca

kicker: Sie kamen 2016 und gewannen seither zweimal das Double mit Schachtar. Wie schwer war es, auf Trainerlegende Mircea Lucescu zu folgen?
Fonseca: Einen Erfolgstrainer abzulösen, der zwölf Jahre vor Ort war, war nicht einfach. Zumal ich andere Ansätze hatte und die Anspannung groß war, da der Verein seit dem Abzug aus Donezk 2014 nicht mehr Meister war. Aber auch mein nicht so glückliches Jahr in Porto war ein Gewinn an Erfahrung. Man lernt immer.

kicker: Wie sehr half Ihnen als Portugiese die Brasilianer-Fraktion bei Schachtar?
Fonseca: Sehr, das war ein immenser Vorteil, schon der Sprache wegen. Auch wenn ich natürlich einen Dolmetscher habe. Aber vor allem wollten hier alle wieder Meister werden, daher zogen wir alle an einem Strang.

kicker: Noch mal zu Hoffenheim. Wen oder was fürchten Sie am meisten?
Fonseca: Ich individualisiere nicht. Hoffenheims große Waffe ist der Spielstil, es ist schwierig, gegen dieses Team zu agieren, erst recht, es auszuschalten. Mit Julian Nagelsmann haben sie einen Trainer, der eine große Zukunft hat, Alter ist nicht wichtig, was zählt, ist Wissen und Kompetenz. Das zeigen er und dieser Klub beispielhaft.

Interview: Jörg Wolfrum

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weitere Infos zu Paulo Fonseca

Vorname:Paulo Alexandre
Nachname:Rodrigues Fonseca
Nation: Portugal


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