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26.05.2018, 18:17

Preise, Reise, Fans

Über Abzocke und weitere Ärgernisse am Endspiel-Wochenende

Harry und Rick sind aus Washington D.C. eingeflogen. Über Istanbul nach Kiew. Nicht, dass sie als Liverpool-Fans noch einmal in der Stadt zwischenlanden wollten, wo sie 2005 den letzten Champions-League-Triumph (das Comeback gegen den AC Mailand) erlebt hatten. Vor dem großen Finale gegen Real Madrid war es nur so, dass es sie die Hälfte billiger kam, zwei Tickets zu kaufen, als einen Nonstop-Flug zu buchen. Die Fans von Real und Liverpool mussten einfallsreich sein, um für einen einigermaßen erschwinglichen Preis in die ukrainische Hauptstadt zu kommen.

Fans beim CL-Finale in Kiew
Noch liegen sich Fans von Real Madrid und dem FC Liverpool in den Armen.
© ImagoZoomansicht


Aus Kiew berichtet Jörg Jakob

Vor allem die der Reds reisten aus der ganzen Welt an, von Real-Seite wurden 2000 Tickets zurückgegeben, an Liverpool-Freunde dürfen diese jedoch offiziell nicht weitergegeben werden.

Kiewer räumen ihre Couches frei

Harry und Rick und all die anderen, die aus Adelaide, Melbourne oder schlicht Liverpool, Luton, Manchester eingeflogen sind, mussten nach dem Halbfinale auch erleben, wie die Hotelpreise drastisch stiegen. 4000 Euro für eine Nacht in einem Drei-Sterne-Hotel wurden da aufgerufen. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hat den Wucher bei Flug- und Übernachtungspreisen im kicker-Interview als "unfair" und "Missbrauch" gegeißelt. Ukrainische Privatpersonen halfen mit der Aktion "Kyiv Free Couch For Football Fans".

Den Besuchern, die rechtzeitig in Kiew angekommen sind, blieb wenigstens der Schock erspart, den einige Getreue in Liverpool erlebten: Ihr Flug wurde gecancelt, wie es hieß aus Mangel an Slots in Kiew. Die Bürgermeister Vitali Klitschko und Joe Anderson, auch der Klub von der Merseyside setzten sich vehement für Lösungen ein, nicht jeder gefährdete Flug konnte jedoch ermöglicht werden.

Länger reservierte Zimmer versuchten einige Hoteliers, häufig mit Erfolg, zu einem höheren Preis anzubieten, nachdem sie Frühbucher etwa mit dem Hinweis auf Mäusebefall vergrault hatten. Doch am Tag des Endspiels zeigt sich Kiew von einer weitaus freundlicheren Seite. Die Preise für Essen und Getränke sind erstaunlich günstig. Die Stimmung der Einheimischen ist verhalten, aber herzlich. Wer sich am Flughafen mit einer Zufallsbekanntschaft verbündet hat, wie Harry und Rick, kann sich den Preis für die knapp 50-minütige Fahrt ins Zentrum teilen. Aleks, ihr Taxifahrer nimmt 40 Euro, das sind zwar immer noch mehr als 100 Prozent im Vergleich zu normalen Tagen, aber eben auch nicht die 100 Euro, die andere Fahrer verlangen, weil die Shuttle-Busse, angeblich überfüllt sind. Aleks sagt, in anderen Städten würde doch jeder sicher auch die Chance eines solchen Großereignisses auszunutzen versuchen.

Regelt die Nachfrage also das Angebot? Dann ist auch die UEFA über die Jahre kontinuierlich diesen Weg gegangen, was die Eintrittspreise betrifft. In Kiew kostete der günstigste Sitzplatz mehr als 70 Euro (Kategorie 4), die erste Kategorie war über 400 Euro teuer.

Tickets: Der Fan kommt zu kurz

Wenn jeder Endspielteilnehmer nur 16.626 Tickets für das 63.000 Zuschauer fassende Olympiastadion erhält, 23.000 der Tickets aber an Sponsoren, Rechteinhaber und weitere Geschäftspartner der UEFA gehen, dann kommt der "normale" Fan ständig zu kurz. Einerseits die hohen Preise, vor allem aber der Mangel an Plätzen wurde von den beteiligten Klubs, insbesondere vom FC Liverpool, beim Verband beklagt. Zumal viele Eintrittskarten in den Besitz von kommerziellen oder am Rande der Legalität handelnden Drittanbietern gelangen, die zum Teil das 20-fache des eigentlichen Wertes aufrufen. Das ist das größte Ärgernis. Die Reds hätten alleine knapp 50.000 Karten an Frau oder Mann bringen können.

Liverpool-Fans
Die Fans des LFC fiebern dem Endspiel entgegen.
© Imago

Von den Tausenden, die am Nachmittag im Shevchenko Park eine enthusiastische Party in Rot feierten, hatten viele abenteuerliche Wege hinter sich. Vier Länder in vier Tagen - Anhänger der Madrilenen nahmen ähnliche Mühen auf sich. "Einmal in elf Jahren macht man das", sagen Rick und Harry. 2007 unterlag Liverpool dem AC Mailand in Athen.

Schon als das Finale 2005 nach Istanbul vergeben wurde, gab es Diskussionen darüber, wie weit an den Rand Mitteleuropas die UEFA ein solches Ereignis vergeben sollte. Die Infrastruktur und Versorgung der Besucher war damals tatsächlich mangelhaft. Doch grundsätzlich muss die Antwort lauten, dass nicht nur die reichsten UEFA-Verbände Gastgeber eines Europapokalfinales sein dürfen, sondern der Kontinentalverband alle Mitglieder in Betracht ziehen muss. So sie denn für die entsprechenden Bedingungen sorgen können. Unter der Präsidentschaft Ceferins wurde ein für die Zukunft gültiges Bewerbungsverfahren für Endspiel-Schauplätze installiert. Dazu zählen Garantien der lokalen Organisationen, einen derartigen Wucher wie aktuell erlebt, zu unterbinden. Madrid ist 2019 mit dem neuen Atletico-Stadion an der Reihe, das Champions-League-Finale 2020 steigt in Istanbul. Schaun wir mal ...

Ein Champions-League-Finale in New York?

Vorerst ist es also nur ein rein theoretisches Gedankenspiel, dass der wichtigste Wettbewerb des europäischen Klubfußballs in New York ausgetragen werden könnte. Ceferin verweist das noch ins Reich der Fantasie, ohne es jedoch total auszuschließen. Fans aus Übersee wie Harry und Rick würden aus der US-Hauptstadt mit dem Auto nach N.Y. fahren können...

Übrigens: Flüge von Liverpool noch New York waren in den jüngsten Wochen deutlich günstiger als Trips nach Kiew.

 
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