Weltmeister wäre der mit Abstand teuerste Bundesliga-Einkauf

Torlos, teuer, Weltmeister: Wer ist Lucas Hernandez?

Bundesliga - 20.12. 14:34

Lucas Hernandez (22) ist dem FC Bayern womöglich so viel Geld wert wie kein Spieler zuvor. Warum? Der Blick auf einen Franzosen, der kaum Französisch spricht.

Ein Weltmeister für die Bayern? Lucas Hernandez mit Kylian Mbappé. © Getty Images

"Wer kam noch hierher wegen der Bayern-Gerüchte?", fragt ein User unter einem Youtube-Video von Lucas Hernandez. Dort heißen noch weitere FCB-Fans, die am Mittwochabend vernommen haben, dass der Rekordmeister bereit sei, die 80-bis-85-Millionen-Euro-Ausstiegsklausel zu zahlen , den Abwehrspieler von Atletico Madrid beim FC Bayern willkommen. Sie haben den Youtube-Skill-Video-Weg gewählt, um zu erfahren, wen ihr Verein da holt. So wie schon bei Ali Karimi oder Edson Braafheid.

Also, wer ist Lucas Hernandez? Und wie gut ist Lucas Hernandez? Und warum kostet er fast doppelt so viel wie Corentin Tolisso, der bisherige Rekordeinkauf der Bundesliga? Das Ende am Anfang: Weil Hernandez erst im Sommer einen neuen Sechsjahres-Vertrag bei Atletico unterschrieben hat, müssten die Münchner die dort verankerte Ausstiegsklausel bezahlen.

Argumente für München und Pass-Probleme

Das hätten, so schreibt es die "Marca", auch Real Madrid und Manchester United gerne getan. Doch die Bayern, berichtet das in Madrid ansässige Blatt weiter, sollen Hernandez, der nach kicker-Informationen gerne wechseln würde, vom eigenen "sportlichen Projekt" überzeugt haben: In München soll der Weltmeister, der bei der WM in Russland in jedem Spiel zu Frankreichs Startelf zählte und im Finale als Vorbereiter glänzte, der Anführer einer verjüngten Defensive werden.

Also nochmal, wer ist Lucas Hernandez? Dass der Franzose nach eigener Aussage "besser Spanisch als Französisch" spricht, liegt daran, dass Hernandez, Sohn des ehemaligen Atletico-Verteidigers Jean-François Hernandez, zwar in Marseille geboren ist, seit seinem fünften Lebensjahr aber in Spanien lebt. "Spanien hat mir alles gegeben", hat Hernandez deshalb mal gesagt und sich auf den Anruf des damaligen spanischen Nationaltrainers Julen Lopetegui vorbereitet. "Wenn mein spanischer Pass bald da ist, wäre es eine Ehre, für die Nationalmannschaft zu spielen. Ich sehe mich als Spanier." Aber so weit kam es nie.

Plötzlich spielt Hernandez für Frankreich: "Nicht mal 30 Sekunden überlegt"

Stattdessen nahm die Debatte, für welche Nationalelf der hochbegabte Verteidiger denn spielen werde oder wolle, absurde Züge an. Wenige Tage, nachdem Hernandez sich öffentlich für einen Kaderplatz im spanischen WM-Aufgebot beworben hatte, verkündete der französische Verband die Berufung von Atleticos Eigengewächs für die WM-Generalproben gegen Kolumbien und Gastgeber Russland. Und Hernandez sagte: "Als mich (Didier) Deschamps angerufen hat, musste ich keine Minute überlegen. Nicht mal 30 Sekunden. Ich habe sofort ja gesagt und werde dieses Trikot bis zu meinem Tod verteidigen."

Der Franzose, der zwar besser Spanisch spricht, aber nicht mal einen spanischen Pass besitzt und sämtliche Nachwuchsteams der Equipe Tricolore durchlaufen hat, fuhr also mit Frankreich zur Weltmeisterschaft. Überraschung. Oder auch viel Lärm um Nichts.

In Russland überraschte Deschamps mit Hernandez auf der linken Abwehrseite alle, sogar den Spieler selbst. "Ich hatte mit einem Bankplatz gerechnet", erzählte er während des Turniers. "Aber nun zahlt sich die harte Arbeit eben aus. Ich bin niemand, der viel redet, sondern sich den Arsch aufreißt." Es hat funktioniert. Hernandez überzeugte mit Zweikampfstärke und Geschwindigkeit, sowohl in der Defensive als auch in der Offensive, lief die linke Seite auf und ab. So hatte er schon bei Atletico Madrid Urgestein Filipe Luis verdrängt, der seitdem gelegentlich laut über einen erneuten Abschied vom Europa-League-Sieger nachdenkt. Ob er es sich jetzt nochmal anders überlegt?

Häusliche Gewalt? Hochzeit!

In vier Profijahren bei den Rojiblancos wechselte Hernandez hin und her zwischen Innen- und Außenverteidigung. Der richtige Durchbruch gelang ihm erst im vergangenen Jahr, nachdem sich Filipe Luis verletzt hatte. Zuvor war Hernandez bereits aus weniger sportlichen Gründen in die Schlagzeilen geraten: Er und seine damalige Freundin Amelia hatten sich Anfang Februar 2017 zuhause nicht nur verbal gestritten. Die Polizei rückte an, beide wurden zu 31 Tagen gemeinnütziger Arbeit verurteilt, dazu verhängte das Gericht ein sechsmonatiges Kontaktverbot. Vier Monate später heiratete das Paar in Las Vegas.

Auf dem Platz (und offensichtlich auch daneben) verkörpert Hernandez jene Attribute, die Diego Simeone an der Seitenlinie zu einer Extremform von Jürgen Klopp werden lassen. Vorsichtig ausgedrückt: Wilde Entschlossenheit. In La Liga hat in dieser Saison nur Piqué (74,2 Prozent) eine bessere Zweikampfquote als Hernandez (72,6). Im Prinzip also genau ein Spieler, mit dem Niko Kovac als Frankfurt-Trainer die Liga aufgemischt hatte. Andererseits hat Hernandez noch kein einziges Profi-Tor erzielt, kommt in 105 Einsätzen für Atletico auf lediglich vier Vorlagen.

Wenn Hernandez kommt: Was bedeutet das für Hummels und Boateng?

Und bei den Bayern? Ein Wechsel des Weltmeisters würde unter anderem David Alaba auf seine Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld schielen lassen. Genauso gut könnte Hernandez, dessen Passgenauigkeit (82 Prozent) deutlich schlechter ist als die der meisten Münchner, mit Niklas Süle das Innenverteidiger-Duo der Zukunft bilden. Was würde dann aus Mats Hummels und Jerome Boateng werden?

Noch fehlt eine offizielle Bestätigung, Karl-Heinz Rummenigge konnte (oder wollte) nach dem späten 1:0 gegen RB Leipzig am Mittwoch "weder etwas dementieren noch bestätigen". Das hat man irgendwo schon mal gehört. Genau wie Hernandez, der immer noch auf seinen spanischen Pass wartet.

Mario Krischel

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