Der Mainzer NLZ-Chef Volker Kersting im Interview

"Brauchen typische Mainz-05-Spieler"

Bundesliga - 12.09. 19:16

In der kicker-Montagsausgabe sprach der Mainzer NLZ-Leiter Volker Kersting über den Bildungsauftrag sowie das Scouting im Nachwuchsbereich und die Problematik mit unqualifizierten Beratern ("Ein Teil der Berater sind Deutschlands größte Talentvernichter"). Nun erzählt der 46-Jährige, wie beim FSV die Zusammenarbeit mit den Profis funktioniert, welche Philosophie vorgegeben ist, wie Trainer gefördert werden und welchen Einfluss Coach Sandro Schwarz hat.

Der Mainzer NLZ-Leiter: Volker Kersting. © imago

Wie läuft im NLZ die Zusammenarbeit mit den Profis, Herr Kersting? Sie ist sehr eng. Das resultiert daraus, dass die letzten Trainer in Mainz alle aus dem NLZ kamen - ausgenommen Kasper Hjulmand, der allerdings sehr interessiert war am Nachwuchsfußball. Sandro Schwarz hat sich extrem tief in diese Thematik hineinbegeben. Zudem trainieren wir auf demselben Trainingsgelände, wir sitzen in derselben Etage und nutzen dieselbe Kaffeemaschine. So können viele Dinge auf kürzestem Weg erledigt werden.

Das heißt: Kommunikation ist die halbe Miete? Ich denke, dass unsere Trainer im Profibereich ein sehr offenes Ohr haben, weil sie das NLZ eben kennen. Rouven Schröder spielt da eine wichtige Rolle, weil er sehr ebenfalls interessiert und tief drin ist. Das tut gut.

Sie sagen, Coach Schwarz hat viel angeschoben im NLZ... ...das macht er auch heute noch. Wir haben in der abgelaufenen Saison zusammen an Trainingsplänen, Spielformen und Spielprinzipien gearbeitet. Wir wollen, dass er sein Wissen einbringt, und er weiß, dass er davon profitieren kann, wenn Spieler aus dem NLZ eines Tages zu ihm stoßen. Das ist ein Geben und Nehmen.

"Schwarz versucht nun, sich wieder dem Stil unter Tuchel anzunähern"

Volker Kersting

Wie überzeugt man Spieler von dieser Philosophie? Und wie bringt man sie ihnen bei? Das Beibringen liegt an den Trainingsformen. Wie will man spielen? Ob Ballbesitz, Umschalten oder Zehnerkette (grinst) ... Man muss gewisse Übungsformen konzipieren, um die Spieler damit zu begeistern. Aber: Ich glaube, dass zuvor erst einmal auf die Spielerauswahl geachtet werden muss. Man muss Spieler holen, die dazu passen. Man darf nicht nur wahllos 22 Spieler holen, die man überzeugen muss. Wir brauchen typische Mainz-05-Spieler, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert. Das ist letztlich wieder eine Aufgabe des Scouting.

Das Ziel von Trainer Schwarz ist es, im eigenen Ballbesitz spielerische Lösungen zu finden. Dabei soll jedoch deutlich unterschieden werden vom reinen Ballbesitz-Fußball, weil es einerseits für einen Verein wie Mainz nahezu utopisch wäre, andererseits der Mainzer Stil eingehalten werden soll. Ganz genau. Wir können ja nicht sagen, dass wir weiterhin so spielen, wie wir unter Jürgen Klopp gespielt haben. Auch er hat seinen Stil erweitert. Wir in Mainz haben Fußball mit Ballbesitz für uns unter Thomas Tuchel weiterentwickelt. Kasper Hjulmand war eine Mischung draus - Christian Heidel sagte einst, er hätte mit dieser Personalie womöglich etwas geduldiger sein müssen. Hjulmand war inhaltlich top. Martin Schmidt hat den Fokus auf Umschaltfußball gelegt, nun versucht Sandro sich wieder dem Stil unter Tuchel anzunähern. Wir werden, und das muss jedem klar sein, nie wie Bayern München spielen, aber die Leute sollen ein Gefühl dafür bekommen, was wir in Ballbesitz machen wollen.

Wolfgang Frank, der vor fünf Jahren verstorben ist, hat in Mainz einst eine Philosophie eingeführt. Beim DFB gibt es seit geraumer Zeit gewisse Leitplanken. Ist bei Mainz 05 eine Spielphilosophie auf Papier niedergeschrieben? Ja. Wir haben eine Spiel- und Ausbildungsphilosophie schriftlich festgehalten, genauso Spielprinzipien. Das alles wird streng eingehalten, daran arbeiten wir ständig und danach ist bei uns alles ausgerichtet, auch die Trainer. Alle zwei Wochen findet dafür ein Jour-Fix mit allen Trainern statt, wo es ausschließlich um inhaltliche Weiterentwicklung geht.

Ist bei Mainz 05 ebenfalls vorgeschrieben, welche fußballerischen und menschlichen Charaktereigenschaften ein Trainer haben soll oder muss? Ja. Darauf legen wir großen Wert, das beginnt schon in den U-Teams.

"Das birgt die Gefahr, dass derjenige dem Nächsthöheren den Job trachtet"

Volker Kersting

Wie fördert man Trainer intern? Dieser Fußball-Jour-Fix bringt den Trainern schon viel, weil wir uns nur mit Fußball beschäftigen. Da können junge Trainer von den erfahrenen extrem viel mitnehmen. Zudem fördern wir jegliche Fortbildungen unserer Trainer, seien es weitere Trainerscheine oder Fußballkongresse oder Hospitationen. Das hilft, den Blickwinkel zu erweitern. Zusätzlich gibt es interne Fortbildungen und externe Referenten, die auch mal neue Inhalte ansprechen.

Inwiefern unterscheiden sich die Trainer? Gibt es Coaches, die gar nicht in den Erwachsenenbereich wollen, weil sie die Arbeit mit Kindern bevorzugen? In jedem Fall. Ab U15 muss man dann gucken, dass man Potenzialträger findet, die später auch mal weiter nach oben können. Unsere Grundabsicht ist aber, dass wir Trainer verpflichten, denen wir mehr zutrauen als die U15. Das können externe wie interne Trainer sein.

Muss ein U-23-Coach das Potenzial für die Bundesliga besitzen? Es ist schwer abzuschätzen, ob ein Trainer von U-Teams - U15 wie U23 - das Potenzial für die Bundesliga mitbringt. Man muss jedem die Zeit geben, sich im jeweiligen Altersbereich mit unserer Unterstützung auf ein neues Level zu hieven. Das muss man Jahr für Jahr neu analysieren.

Bei Sandro Schwarz hieß schon vor seiner Beförderung im vorigen Sommer, dass er ein künftiger Bundesligacoach sein wird. Schließlich hatte er Gespräche mit Leipzig und Frankfurt geführt. Was macht man, wenn jemand das Potenzial sichtbar in sich trägt? Wichtig ist, dass man damit nicht offensiv umgeht. Man darf nie sagen: 'Wenn das hier schiefgeht, bist du der Nächste.' Das bringt die Gefahr mit, dass derjenige dem Nächsthöheren den Job trachtet. Diese Situation will niemand im Verein haben. Wenn man einen Potenzialträger in seinen Reihen hat, die Chance für ihn auf Bundesliga aber gering ist, dann muss man ihn auch den nächsten Schritt woanders gehen lassen.

"Schwarz hat ein unheimliches Gespür. Das kann man nicht zwingend lernen"

Volker Kersting

Wann hat es sich bei Trainer Schwarz abgezeichnet? Ich denke, dass das schon in der U19 der Fall war. Man hat gemerkt, dass er sehr weit, sehr akribisch und fleißig ist - ein ehrlicher Arbeiter. Und er hat ein unheimliches Gespür für Mannschaften, Spieler und Situation. Das sind Stärken, die man nicht zwingend lernen kann. Wenn man das mitbringt, ist man schon mal einen Schritt weiter als die meisten anderen.

Wie viel Geld steht im Verhältnis zu den Profis dem NLZ zur Verfügung? Das ist schwierig. Ich kann mit dem, was ich habe, sehr gut arbeiten. Wir haben den Etat in den vergangenen Jahren sukzessive erhöht, weil der Verein auch gemerkt hat, da passiert etwas. Aber ich bin nicht derjenige, der sagt, dass ich im nächsten Jahr eine Million Euro mehr brauche. Das wichtige ist - und das hat uns stark gemacht -, dass wir alles auf stabilen Füßen aufgebaut haben. Auch wenn wir mal aus der Bundesliga absteigen sollten, müssten wir nicht sofort den Etat kürzen. Wir brauchen nicht auf jeder Position den besten Individualisten, sondern ein gut funktionierendes Team.

Was kostet ein Spieler, den Mainz durch das NLZ begleitet? Wenn ich einen Spieler in der U15 ins Internat hole, kostet dieser Spieler - Internatskosten, durchschnittliches Taschengeld, plus Jahresfahrkarte für öffentliche Verkehrsmittel, Schulbuchkosten, Trainingsklamotten etc. - rund 30.000 Euro pro Jahr. Die 30.000 Euro treffen in der U18 und U19 dann auch nicht mehr auf jeden Spieler zu.

Was macht das Mainzer NLZ aus? Wir haben uns in den vergangenen Jahren einen ganz guten Ruf erarbeitet, so wie ihn sich Freiburg schon vor 15 Jahren erarbeitet hat. Wir sind für viele Spieler interessant, die nicht in ein Riesenprogramm wie bei Bayern oder Schalke hineinwollen. Die Chancen, bei uns den Sprung zu Profis zu schaffen, sind wahrscheinlicher als bei größeren Klubs.

Interview: Georg Holzner

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