Die Lehren aus der 0:5-Klatsche

Eintracht Frankfurt: Vier Sorgen nach dem Supercup

Bundesliga - 13.08. 16:15

Der peinliche Supercup-Auftritt gegen Bayern München (0:5) legte einige Probleme offen, die Frankfurts neuer Coach Adi Hütter, Sportvorstand Fredi Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner bis zum Bundesligaauftakt in Freiburg beheben müssen. Der kicker analysiert die vier größten Sorgen des neuen Trainers.

Bedröppelte Mienen bei den Eintracht-Akteuren nach der Blamage im Supercup, rechts Frederik Rönnow. © imago

"Vielleicht ist das zum richtigen Zeitpunkt ein Schuss vor den Bug", sagte Hütter auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Diesen Satz wiederholte Hübner am Montag, der Sportdirektor stellte außerdem fest: "Das Spiel kam 14 Tage zu früh, deshalb waren wir kein Gegner für Bayern München. Wir haben im Vorfeld erwartet, dass so ein Spiel herauskommen kann, wenn auch nicht in dieser Höhe." Wichtig ist, dass Spieler und Verantwortliche aus dem ersten Pflichtspiel die richtigen Schlüsse ziehen und nicht allein darauf vertrauen, dass ein paar Trainingseinheiten die Probleme schon beheben werden. "Die ganze Mannschaft ist gefordert. Man muss sich einfach anders verkaufen, das haben die Spieler in der Analyse aufgezeigt bekommen. Die Fans und das Umfeld können sich darauf einstellen, dass sie in Ulm eine ganz andere Mannschaft sehen werden", kündigt Hübner an. Der kicker benennt die vier größten Sorgen vor dem Pokalspiel in Ulm und dem Liga-Auftakt in Freiburg.

Frederik Rönnow: Der aus Bröndby gekommene Torhüter erwischte einen rabenschwarzen Tag, verschuldete das 0:2 maßgeblich, sah beim 0:4 schlecht aus, hatte keine Ausstrahlung und offenbarte Schwächen im Aufbau (kicker-Note 6). Da er wegen der WM-Teilnahme mit Dänemark und Knieproblemen kein einziges Vorbereitungsspiel bestreiten konnte, gelten für ihn zwar mildernde Umstände. Einen weiteren Auftritt dieser Art darf er sich nun allerdings nicht mehr erlauben. "Er kann noch gar nicht so weit sein. Das ist ein Tormann mit Talent, auf den wir uns verlassen und auf den wir vertrauen", sagt Hütter. Hübner sprach am Montag von "unglücklichen Situationen" und stärkte Rönnow den Rücken: "Er hat gezeigt, dass er ein guter Torwart ist. Es liegt mir fern, nur ihm die Schuld zu geben." Der Sportdirektor verwies außerdem darauf, dass auch Kevin Trapp und Lukas Hradecky so angefangen hätten. Doch da trügt ihn die Erinnerung zumindest teilweise. Zwar sah Trapp 2012 in der ersten Pokalrunde in Aue (0:3) wegen einer Notbremse die Rote Karte, in der Liga hielt er aber ab dem 1. Spieltag wie eine Granate. Auch Hradecky spielte nach seiner Verpflichtung 2015 von Beginn an stark. Natürlich tun die Verantwortlichen gut daran, Rönnow starkzureden. Sie wären aber auch gut beraten, einen Plan B in der Hinterhand zu haben, sollte der 26-Jährige beim Pokalspiel in Ulm oder am ersten Spieltag in Freiburg ein weiteres Mal patzen. Denn eine dauerhafte Torhüterdiskussion wäre angesichts des großen Umbruchs und der zusätzlichen Spiele in der Europa League pures Gift.

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Die Qualität der Neuzugänge: Es war keine Überraschung, dass Spieler wie Allan, Goncalo Paciencia, Francisco Geraldes oder Evan Ndicka nicht mal in Kader standen. Keiner aus dem Quartett erweckte in der Vorbereitung den Eindruck, die Mannschaft in nächster Zeit verstärken zu können. Auch hinter Nicolai Müller steht ein Fragezeichen. Der Rechtsaußen pausierte zuletzt drei Wochen wegen einer muskulären Verletzung und verpasste beinahe die komplette letzte Saison (Kreuzbandriss). Lucas Torro war gegen den FC Bayern der einzige neue Feldspieler im Kader, in den 90 Minuten wurde aber deutlich, dass er Omar Mascarell noch nicht das Wasser reichen kann. Dass junge Spieler aus dem Ausland Zeit brauchen, ist nicht ungewöhnlich. Aufgrund des großen Substanzverlustes benötigt die Eintracht aber auch Profis, die eine Soforthilfe darstellen. Hütter drückt sich diplomatisch aus: "Die neuen Spieler müssen sich noch an das Tempo und das Spiel gewöhnen. Sie sind noch nicht so weit, das sieht man auch im Training. Aber das sind Spieler, die hier eine Zukunft haben und sicher zum Einsatz kommen werden." Bobic und Hübner sind gefragt, den Kader schnellstmöglich aufzurüsten.

Das Fehlen von Führungsfiguren: "Boateng hat uns gutgetan, weil er die Mannschaft wachgerüttelt hat. Jemand muss die Verantwortung übernehmen, und wenn es kein einzelner ist, ist die ganze Mannschaft gefordert", stellt Hübner fest. Kapitän David Abraham, der gegen die Bayern außer Rand und Band war (kicker-Note 6), ist kein geborener Anführer. Auch sonst sah man im Supercup keinen Lautsprecher auf dem Platz. Danny da Costa analysiert: "Es hat vielleicht ein bisschen die Kommunikation gefehlt: Dass man sich schneller und klarer Kommandos gibt, damit man weiß, wann man gemeinsam an einem Strang zieht, und nicht einer losläuft, während der Rest gerade eine andere Idee hat." Da kein zweiter Boateng in Sicht ist, wird sich das Team gegenseitig besser unterstützen und antreiben müssen.

Die Spielidee: Spätestens nach dem 0:2 war der Ofen aus. Doch im Grunde wirkte schon der erste Gegentreffer wie ein Knockout. Die Spieler zeigten anschließend nicht mehr ansatzweise das, was Hütter sehen will. Die Kompaktheit ging zunehmend verloren, Balleroberungen durch Pressing hatten Seltenheitswert. Die Mannschaft attackierte die Bayern nicht entschlossen genug, nicht aggressiv genug, nicht schnell genug, nicht kompakt genug. Mit einer solchen Performance droht Frankfurt sogar in Freiburg ein Waterloo. "Die Mannschaft gibt vor, welches System umsetzbar ist", meint Hübner. Wenn der Trainer merke, dass die Spieler den von ihm geforderten Fußball nicht "über eine gewisse Distanz leisten" könnten, müsse das Spiel anders aufgebaut werden. Das ist eine interessante Feststellung. Klar ist: Bobic und Hübner wussten ganz genau, für welchen Fußball Hütter steht. Nun sind sie in der Pflicht, ihm das passende Spielermaterial zur Verfügung zu stellen. Mindestens ein offensiver, schneller Flügelspieler fehlt noch, außerdem wäre es ratsam, einen schnellen Mann fürs defensive Mittelfeld zu verpflichten. Gegen die Bayern standen zu viele langsame Spieler auf dem Feld. Hübner wendet ein: "Die Abstände waren zu groß, und der Mut ging nach 20 Minuten verloren. Die größte Schnelligkeit nützt nichts, wenn du nicht eng am Mann bist. Wir müssen aggressiver sein, wehtun, nickelig sein – wie uns das in der letzten Saison ausgezeichnet hat. Einer muss dem anderen helfen." Dass Hütter für schnellen Umschaltfußball mehr schnelle Spieler braucht, liegt allerdings auf der Hand.

Julian Franzke

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