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09.06.2018, 10:40

Sportpsychologe Plessner über Videobeweis und Emotionskontrolle

"Bei Cristiano Ronaldo läuft ein ganzes Programm ab"

Am Video-Assistenten gibt es viel Kritik. Auch Henning Plessner, Professor an der Uni Heidelberg, äußert im kicker-Interview zahlreiche Verbesserungsvorschläge. Gleichzeitig macht er deutlich, wie die Sportpsychologie Sportler auf schwierige emotionale Situationen vorbereitet und wie Weltstars wie Cristiano Ronaldo ticken.

Henning Plessner
Sportpsychologe Henning Plessner fordert mehr Transparenz und Team-Challenges.
© picture allianceZoomansicht

kicker: Herr Plessner, wer leidet aus der Sicht des Psychologen mehr, wenn der Videoschiedsrichter eingreift: der Sportler oder der Zuschauer?

Henning Plessner: Dazu gibt es noch keine Untersuchungen. Es gibt ein paar Berichte über die Situation beim Rugby, wo die Überprüfung durch Video schon vor einiger Zeit eingeführt wurde. Dort stoßen die Videoentscheidungen generell auf eine hohe Akzeptanz bei Zuschauern, Trainern und Sportlern, was allerdings nicht ausschließt, dass es auch dort immer wieder Kritik an dem System gibt. Zudem geschah die Einführung im Rugby auch etwas umsichtiger als in der Fußball-Bundesliga. Beim Spiel Leverkusen gegen Hannover war ich im Stadion und habe selbst registriert, wie plötzlich alle denken: Das kann doch jetzt nicht wahr sein, dass der Videobeweis kommt und Stefan Kießling der Strafstoß verwehrt wird. Auch wenn die Entscheidung vollkommen richtig war.

kicker: Warum ist die Überprüfung durch den Videoassistenten so negativ besetzt?

Plessner: Einen Teil dazu beigetragen hat unter Umständen, dass DFB und DFL zu viel auf einmal gewollt haben. Andere Sportarten haben sehr schnell festgestellt, dass man diese Technik möglichst sparsam einsetzen sollte. In einigen Sportarten wird das Videobild nur hinzugezogen, falls eine Seite gegen eine Entscheidung protestiert. Zudem war es sicher auch unglücklich, dass die Regeln, wann es zum Videoeinsatz kommt, in der laufenden Saison verändert wurden. So war oft nicht klar, wer jetzt warum eine Entscheidung trifft.

"Auch vorher wurden schon Tore aberkannt"

kicker: Zerstört der Videobeweis die Emotionen, die einen Teil der Faszination des Fußballs ausmachen?

Plessner: Wenn man ehrlich ist, muss man auch sagen, dass schon vorher Tore aberkannt wurden. Vielleicht nicht in dieser Häufigkeit, allerdings wurde auch bisher manchmal erst spät realisiert, dass ein Assistent die Fahne wegen Abseits gehoben hat. Das Wechselbad der Emotionen ist jetzt nicht stärker als vorher.

kicker: Welche Strategien kennt die Sportpsychologie für solche Situationen?

Plessner: Die Emotionskontrolle beziehungsweise Emotionsregulation gehört zum Handwerkszeug der sportpsychologischen Betreuung. Es gibt keine Wundermittel, aber man kann lernen, wie man seine Emotionen kontrolliert, zumindest bis zu einem bestimmten Ausmaß. Da gibt es beispielsweise Selbstgesprächstechniken oder auch Entspannungsverfahren, die auf den Punkt eingesetzt werden. So etwas lernt man aber nicht von heute auf morgen, es muss fortlaufend geübt werden.

kicker: Wie groß ist der Unterschied zwischen den Athleten?

Plessner: Es gibt kein einheitliches Emotionsniveau für optimale Leistungsvoraussetzungen, manche brauchen eine höhere Aktivierung, andere ein niedrigere. Es gibt Techniken der Anspannung und der Entspannung. Man kann testen, welches Niveau für einen bestimmten Athleten optimal sind. Auch der Aufbau von Ritualen kann sinnvoll sein, wenn man merkt, man kocht gerade hoch, so genannte Ausweichhandlungen. Diese Maßnahmen müssen langfristig aufgebaut werden.

Cristiano Ronaldo
Cristiano Ronaldo bei der Ausführung eines Freistoßes.
© imagoZoomansicht

kicker: Wie kann so etwas konkret aussehen?

Plessner: Bei Tennisspielern sieht man oft einen ganzen Ablauf von Aktionen, wie an der Hose zu zupfen usw., was dazu dient, in eine gleichmäßige mentale Verfassung zu kommen. Wenn im Fußball einer wie Cristiano Ronaldo zum Freistoß antritt, dann läuft auch ein ganzes Programm ab. Die Schritte und Posen, die er macht, mögen eventuell auch einen technischen Wert haben, sie dienen aber vor allem dazu, sich zu fokussieren und in einen bestimmten Zustand zu kommen, der sich als optimal erwiesen hat, um erfolgreich abschließen zu können.

"Franck Ribery kommt schnell auf ein höheres Erregungsniveau"

kicker: Wo sind die Grenzen?

Plessner: Es gibt einfach auch Spieler, denen es offensichtlich schwerer fällt, ihre Emotionen zu kontrollieren. Franck Ribery scheint beispielsweise jemand zu sein, der schnell auf ein höheres Erregungsniveau kommt und das dann nicht so schnell in den Griff bekommt. Es gibt natürlich Abwehrspieler, die versuchen, so etwas ausnutzen.

kicker: Können die Schiedsrichter etwas dazu beitragen, dass die Gemüter zu beruhigen?

Plessner: Der Fußball könnte sich vom Rugby abschauen, dass viel mehr kommuniziert werden muss. Was die Rugbyschiedsrichter besprechen, wird auf laut gestellt, sodass man mithören kann. Die Entscheidungen werden erklärt, genau das passiert beim Fußball zu wenig. Ich bin überzeugt, dass eine bessere Kommunikation von Entscheidungen auch ihre Akzeptanz bei Aktiven und Zuschauern erhöhen würde.

kicker: Entscheiden die Schiedsrichter jetzt weniger ohne technische Hilfe?

Plessner: Der Eindruck besteht, aber es ist doch auch klar, dass man sich absichern will, wenn die Möglichkeit besteht. Auch deshalb fände ich es besser, wenn nur die Mannschaften Zweifel an der Entscheidung anmelden können, indem sie eine begrenzte Protestmöglichkeit nutzen. Das hätte zudem den Vorteil, dass sich der eventuelle Unmut, wenn ein Videobeweis angefragt wird, nicht gegen den Schiedsrichter, sondern gegen den Protestierenden richtet. Das würde die Unparteiischen entlasten.

Interview: Michael Ebert

 

kicker

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