Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
24.08.2017, 10:44

Dr. Tobias Freyer im Interview mit dem kicker

Depression im Spitzensport - "ein Spießrutenlauf"

Dr. Tobias Freyer ist Ärztlicher Direktor der Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad und Spezialist in der Behandlung von Depressionen, Angststörungen und Zwangserkrankungen. Gemeinsam mit Valentin Markser, Robert Enkes damaligem Therapeuten, ist er Gründungsmitglied des Referats für Sportpsychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). In Zusammenarbeit mit der Robert-Enke-Stiftung engagiert sich die Initiative für eine bessere Versorgung psychisch erkrankter Profisportler.

Robert Enke
In der harten Welt des Fußballs regte sein Suizid zum Nachdenken an: Nationaltorhüter Robert Enke.
© imagoZoomansicht

kicker: Was ist eine Depression, Herr Dr. Freyer?

Dr. Freyer: Das ist eine psychische Erkrankung. Also nicht ein Zustand wie etwa ein Burnout. Eine Depression verläuft in den meisten Fällen episodisch, das heißt sie wechselt sich ab mit meistens viel länger andauernden gesunden Phasen. Mindestens zwei Wochen am Stück müssen bestimmte Symptome vorliegen, um eine Depression zu diagnostizieren. Hier gibt es verschiedene Schweregrade.

kicker: Welche Symptome sind das?

Dr. Freyer: Die Hauptsymptome sind vor allem eine ausgeprägte Freudlosigkeit, ein sogenannter Interessenverlust und daraus resultierend eine Vernachlässigung von Dingen, die einem früher mal Spaß bereitet haben. Das geht einher mit einem sozialen Rückzug und einer Antriebsstörung. Veränderte Schlafgewohnheiten und frühes Erwachen sind keine Seltenheit. Tagsüber fühlen sich Betroffene schnell erschöpft. Appetitlosigkeit und Suizidgedanken können ebenfalls auftreten.

kicker: Ein Burnout-Zustand könnte aber zu einer Depression führen?

Dr. Freyer: Richtig. Das ist aber nicht die einzige Möglichkeit. Ein Burnout kann auch in einer Angsterkrankung, körperlichen Erkrankung oder in einer Suchterkrankung enden.

Die Betroffenen haben immer das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen - auch, weil man vielen ihre Krankheit nicht ansieht.Dr. Tobias Freyer über das Tabuthema "Psychische Erkrankungen"

kicker: Warum sind aus Ihrer Sicht psychische Erkrankungen in der Gesellschaft mehr tabu als Beinbrüche, Erkältungen oder gar Krebs?

Dr. Freyer: Die Betroffenen haben immer das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen - auch, weil man vielen ihre Krankheit nicht ansieht. Hier bei uns in der Klinik sind 80 Prozent der Patienten depressiv. Allerdings würden Sie als Besucher den meisten Patienten ihre Erkrankung von außen nicht ansehen. Beim Betroffenen bleibt das Gefühl: Eigentlich kann ich ja zur Arbeit gehen, eigentlich kann ich ja funktionieren. Das Umfeld sieht das auch so. Ein Beinbruch wäre eine gute, offensichtliche Legitimation, um sich um sich selbst zu kümmern.

kicker: Sind Leistungssportler mehr gefährdet, weil sie die Leistung in der Öffentlichkeit erbringen müssen?

Dr. Freyer: Das könnte man so meinen. Aber es gibt auch die Ansicht, dass nur derjenige als Leistungssportler erfolgreich sein kann, der auch fit im Kopf ist, also psychisch ganz besonders robust ist. In der Mitte liegt die Wahrheit: Die Studien, die es gibt, deuten darauf hin, dass die psychischen Erkrankungen im Leistungssport nicht häufiger und auch nicht seltener sind als in der Allgemeinbevölkerung. Ob nun Spitzensportler oder nicht: Wir sind in unserer Gesellschaft auf Leistungsfähigkeit getrimmt. Feedback, Belohnung, Zuwendung läuft meist über Leistung. Wenn ich die nicht mehr erbringen kann, ist das ein großes Problem. Wenn dann auch noch die Psyche und nicht der Körper krank ist, wird die Rechtfertigung schwierig.

kicker: Wie viel Prozent der Bevölkerung sind denn in Deutschland von einer Depression betroffen?

Theresa Enke
Rief die Robert-Enke-Stiftung zur Förderung von Maßnahmen der Aufklärung von Depression ins Leben: Theresa Enke.
© imagoZoomansicht

Dr. Freyer: Die Zahlen liegen zwischen 5 und 10 Prozent. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Über die gesamte Lebensspanne hinweg erkranken etwa 15 Prozent aller Menschen an einer Depression. Zusammen mit den Angststörungen und den Suchterkrankungen zählt sie damit zu den häufigsten psychischen Störungen.

kicker: Diese Zahlen lassen eine hohe Dunkelziffer im Profifußball vermuten.

Dr. Freyer: Das ist richtig. Die Fälle, die an die Öffentlichkeit dringen, sind natürlich viel, viel geringer. Das ist aber in der Allgemeinbevölkerung auch so. Wir haben versucht, den Suizid von Robert Enke zum Anlass zu nehmen, in der Fachwelt Netzwerke zu etablieren. Um die Behandlungsmöglichkeiten für psychisch kranke Leistungssportler - auch die, die in der Öffentlichkeit stehen - zu verbessern. Es gibt Anlaufstellen in Universitätskliniken aber auch niedergelassene Ärzte. Wir versuchen, das immer wieder publik zu machen, damit die Hemmschwelle, sich zu melden, niedrig ist. Das wird leider immer noch sehr zurückhaltend nachgefragt. Bei den Zahlen, von denen wir eigentlich ausgehen, müssten sich eigentlich viel mehr Leistungssportler an uns wenden.

kicker: Haben Sie das Gefühl, dass sich bei den Bundesliga-Vereinen seit dem Tod von Robert Enke etwas getan hat?

Dr. Freyer: Es bestehen immer noch große Berührungsängste bei dem Thema. Enke war ein sehr tragischer Fall, der auf der einen Seite zu Betroffenheit, Beschäftigung mit dem Thema psychische Erkrankung im Leistungssport und dem Ruf nach besserer Unterstützung für die Sportler geführt hat. Andererseits verstärkte die Tatsache, dass er ja in kontinuierlicher und guter Behandlung war und der Kampf gegen die Depression trotzdem verloren ging eventuell den Eindruck, dass psychische Erkrankungen insgesamt schwer behandelbar und mit Profisport nicht vereinbar seien.

kicker: Was können die Vereine konkret tun?

Dr. Freyer: Es müsste meines Erachtens eine feste Zusammenarbeit zwischen Mannschaftsärzten, Sportpsychologen UND Sportpsychiatern etabliert werden. Dafür wäre es notwendig, die Mannschaftsärzte für das Thema psychische Gesundheit stärker zu sensibilisieren und Netzwerke zu schaffen. Auch in der Trainerausbildung und in den Sportinternaten werden diese Inhalte zu wenig beachtet.

kicker: Sehen Sie da die DFL beziehungsweise den DFB mehr in der Verantwortung?

Dr. Freyer: Durchaus. Da wurden auch schon Gespräche geführt. Es braucht aber auch ein bisschen Zeit. Erst mit dem Tod von Robert Enke hat sich die Psychiatrie versucht, im Leistungssport zu professionalisieren.

Ralf Rangnick
Machte 2011 seine Burnout-Erkrankung öffentlich und trat zurück: Ralf Rangnick.
© imago

kicker: Ist das nicht traurig, dass es so einen Fall wie Robert Enke erst dafür braucht?

Dr. Freyer: Ja. Und es wird weitere Fälle geben. Ich denke an den Fall Andreas Biermann. Die Depression ist eine Risiko-Erkrankung. Doch die Gesellschaft ist sicher offener für das Thema psychische Krankheiten geworden. Und man muss auch die positiven Fälle sehen: Ein Ralf Rangnick etwa ist sehr offen mit seinem Burnout umgegangen.

kicker: Der Spitzensport definiert sich über Leistung - wäre Robert Enke noch am Leben, wenn er einen anderen Beruf ergriffen hätte?

Dr. Freyer: Kann sein. Auf der anderen Seite definieren sich die meisten anderen Berufe auch über Leistung. Es wäre aber weniger Öffentlichkeit da gewesen, es wäre wohl auch eine andere Sozialisierung gewesen. Ihm hätte ein früheres Ansetzen in den Jugendauswahlen vielleicht geholfen.

kicker: Ist Profifußball mit einer Depression überhaupt dauerhaft möglich?

Dr. Freyer: Ja! Zunächst gilt es, diese Erkrankung zu beheben und dann dafür zu sorgen, dass die Stress-Auslöser identifiziert werden. Die Therapie funktioniert in den meisten Fällen sehr gut. Wenn das so ist, zielt die Behandlung darauf ab, die Gesundheit zu erhalten. Oft haben Betroffene das Stigma, das sie insgesamt labilere Menschen wären - dem muss ich widersprechen.

kicker: Therapie heißt in der Regel auch Medikamente. Kollidiert das mit dem Leistungssport?

Dr. Freyer: Das kann sein. Es gibt bestimmte Formen von Antidepressiva, die leistungsmindernd wirken. Die moderneren Antidepressiva, die heute erste Wahl sind, sind in der Depression stimmungsaufhellend und antriebs- sowie energiefördernd. Die Frage ist dann: Ist das Medikament noch erlaubt?

Du giltst dann als labil, wenig belastbar, jeder Bock auf dem Spielfeld wird dann zum Spießrutenlauf.Dr. Tobias Freyer über den Umgang mit Depression im Leistungssport

kicker: Robert Enke muss sehr viel Energie in das Verheimlichen seiner Krankheit gelegt haben, damit hat er den Druck wohl erhöht. Wäre outen besser gewesen?

Dr. Freyer: Das sehe ich nach wie vor skeptisch. Es gibt Profis, die höchstwahrscheinlich aufgrund eines offenen Umgangs mit der Erkrankung ihren Vertrag nicht verlängert bekamen. Deshalb ist eine vertrauensvolle, aber auf der ärztlichen Schweigepflicht basierende Zusammenarbeit zwischen Vereinen und Psychiatern notwendig. Therapeutisch wäre es sicher wünschenswert, den Druck durch einen offeneren Umgang abzubauen. Aber heutzutage kann genau das nach hinten losgehen. Du giltst dann als labil, wenig belastbar, jeder Bock auf dem Spielfeld wird dann zum Spießrutenlauf.

kicker: Das ist ein Teufelskreis.

Dr. Freyer: Wie man es macht, kann es falsch sein. Man kann sich nur wünschen, dass das Thema psychische Erkrankung in der Gesellschaft noch mehr echte Anerkennung findet.


Aufklären, forschen, behandeln - zu diesem Zweck gründeten der DFB, der Ligaverband und Hannover 96 zusammen mit Teresa Enke die Robert-Enke-Stiftung. Eine App für depressive Menschen und Angehörige in Notsituationen gehört ebenso zu den Projekten wie eine Roadshow, die bei Bundesligaspielen aufklären soll. Gemeinsam mit der Uniklinik Aachen installierte die Stiftung zudem eine Beratungshotline. In dringenden Fällen wenden sich Betroffene an folgende Telefonseelsorge: Hotline: 0800/111 0111

Interview: Jana Wiske

 

kicker

Lesen Sie die aktuelle kicker-Ausgabe vor allen anderen auf Ihrem Tablet oder Smartphone!
noch vor Verkaufsstart verfügbar: Lesen Sie die Montagsausgabe schon Sonntagabend
mit unserem Abo-Service verpassen Sie garantiert keine Ausgabe
bequeme und sichere Bezahlung über Ihren Appstore-Account
mühelos und in Sekunden-
schnelle geladen!
   

Die aktuellsten Transfers

Verein Name Datum Position
23.06.18
Sturm

Sandhausen: Mittelstürmer unterschreibt bis 2019

 
21.06.18
Mittelfeld

21-Jähriger verlässt Bundesligist Freiburg

 
20.06.18
Torwart

Teil der Olympiamannschaft in Brasilien

 
20.06.18
Abwehr

20-Jähriger gewann schon einmal die Youth League

 
20.06.18
Mittelfeld

Gewinner der Fritz-Walter-Medaille 2017

 
1 von 33

Livescores Live

  Heim   Gast Erg.
23.06. 16:00 - -:- (-:-)
 
23.06. 17:00 - 0:1 (0:1)
 
23.06. 17:45 - -:- (0:1)
 
23.06. 18:00 - -:- (0:0)
 
- -:- (0:0)
 
23.06. 19:00 - -:- (-:-)
 
23.06. 20:00 - -:- (-:-)
 
23.06. 22:00 - -:- (-:-)
 
23.06. 22:30 - -:- (-:-)
 
23.06. 23:00 - -:- (-:-)
 

Schlagzeilen

Community

Die aktuellsten Forenbeiträge
Re: Belgien - Der kommende Weltmeister! von: Suedstern2 - 23.06.18, 17:49 - 0 mal gelesen
Re (4): Belgien - Der kommende Weltmeister! von: Depp72 - 23.06.18, 17:44 - 3 mal gelesen
Re: Belgien - Der kommende Weltmeister! von: larslrob - 23.06.18, 17:39 - 10 mal gelesen

Der Rahmenterminkalender

Bundesliga, Pokal, Champions League, Europa League, Nationalelf etc: Auf einem Blick wissen, was wann stattfindet.

Alle Termine 17/18
Alle Termine 18/19

DIE GANZE WELT DER KICKER APPS!
Informieren Sie sich über unser vielfältiges App Angebot:
Smart TV Tippspiel kicker MeinVerein FußballQuiz eMagazine