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19.03.2016, 10:35

Bayer Uerdingen - Dynamo Dresden: "Wunder von Grotenburg"

Bommer: "Wir wussten nicht, ob das 7:3 reicht"

Er zählt zur Uerdinger Erfolgself: Rudi Bommer verewigte sich mit einem Eigentor zum zwischenzeitlichen 1:3 im Rückspiel; durfte nach 180 Minuten dann umso ausgelassener jubeln. Im kicker-Interview blickt der 58-Jährige nochmals zurück auf "Das Wunder von Grotenburg", das nun 30 Jahre zurückliegt. Er erzählt von der Kabinenansprache, den Schwächen des gegnerischen Ersatztorwarts, der unglaublichen Stimmung im Stadion und der Flucht Frank Lippmanns.

Rudi Bommer
Erinnert sich gerne daran: Rudi Bommer gewann mit Bayer Uerdingen beim "Wunder von Grotenburg".
© imagoZoomansicht

Das Hinspiel verlor Bayer Uerdingen 0:2 in Dresden. Im Rückspiel soll dann die Wende gelingen, um doch noch ins Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger einzuziehen. Doch die ersten 45 Minuten im Grotenburg-Stadion verlaufen aus Uerdinger Sicht katastrophal, sodass die Marschroute hieß: Nur nicht blamieren. Was dann im letzten Viertel dieses Viertelfinals geschehen sollte, gleicht einem Wunder - Uerdingen fegt wie ein Tornado über Dresden hinweg.

kicker: Ihr Trainer Karl-Heinz Feldkamp sagte damals nach der Partie, "das kann man fußballerisch nicht erklären". Können Sie uns weiterhelfen, Herr Bommer?

Bommer: Ich weiß es nicht; zu erklären ist es jedenfalls wirklich nicht. In der zweiten Hälfte spielten wir uns einen Rausch und begriffen selbst nicht, was gerade passiert.

kicker: 0:1 in der ersten Minute; im Gesamtklassement also 0:3 nach 91 Minuten. Traumhafter Start, oder?

Bommer: Unglaublich, ja (lacht). Nach einem 0:2 im Hinspiel, einem Gegentor in der 1. Minute im Rückspiel und einem Halbzeitstand von 1:3 nochmals zurückzukommen, daran hatte niemand geglaubt.

kicker: Was dachten Sie, als Sie kurz vor dem Pausenpfiff per Eigentor das 1:3 machten?

Bommer: Gar nichts. Ich stand nur da am Fünfereck, der Ball ging eigentlich in Richtung Eckfahne, hatte aber einen sehr seltsamen Schnitt, trifft mich am Knöchel und prallt davon ins Tor. Das war für mich kein typisches Eigentor, wo man den Ball blöd ins Tor schießt, sondern Pech. Ich konnte nichts machen, das betrachte ich auch nicht als einen Bock von mir.

kicker: Dann ging es in die Kabine. Was passierte in der Halbzeitpause?

Bommer: Karl-Heinz Feldkamp, unser Trainer, sagte nur, dass wir Schadenbegrenzung betreiben sollten; bloß keine Blamage. Zudem musste Dresden den Torwart wechseln, weil sich Bernd Jakubowski schwer verletzt hatte. Friedhelm Funkel wies auf den Ersatzkeeper hin, dem wir etwas Angst machen sollten. Unsere Marschroute hieß: den Anschluss zu schaffen.

Auf einmal merkten wir, wie sich die Tribünen in den letzten 20 Minuten wieder füllten.Rudi Bommer zur Stimmung in der zweiten Hälfte

kicker: Was im zweiten Durchgang folgte, wird als "Das Wunder von Grotenburg" betitelt.

Bommer: Es ist wirklich wie ein Spielfilm. Wir gingen raus ? das ist nicht zu erklären. Die Zuschauer verließen ja schon frühzeitig das Stadion - und auf einmal merkten wir, wie sich die Tribünen in den letzten 20 Minuten wieder füllten, weil sie im Radio gehört hatten, was passiert war. Am Ende ist das Stadion aus allen Nähten geplatzt. Ganz ehrlich: Das muss man erlebt haben, dieses unbeschreibliche Glücksgefühl.

kicker: Eine unfassbare Kehrtwende, ausgerechnet bei Uerdingens erster Live-Übertragung im Europapokal, in der Sie das ZDF dem FC Bayern vorzog.

Bommer: Wir Spieler hatten uns dieses Spiel hart erarbeitet und während der Partie dann ein schlechtes Gewissen, wegen unserer Leistung. Wir pushten uns zwar in der Halbzeit nochmal, aber dass es so abgeht - dafür finde ich keine Worte. Auch meinen Kollegen, wie beispielsweise Friedhelm Funkel, fehlen die Worte.

Wir sind gerannt und gerannt und gerannt, fühlten uns leer, spielten uns aber in einen Rausch.Rudi Bommer

kicker: Wann kam der Zeitpunkt, an dem Sie an das Weiterkommen glaubten?

Bommer: Ab dem 3:3. Da ging ein Ruck durch die Mannschaft. Wir merkten, dass der Torwartwechsel gut für uns war. Wir schossen aus jeder Position, schlugen viele Flanken in den Strafraum, um ihn zu verunsichern. Und ja, dann war fast jeder Schuss ein Treffer. Wir sind gerannt und gerannt und gerannt, fühlten uns leer, spielten uns aber in einen Rausch.

kicker: Haben Sie nie den Überblick verloren?

Bommer: Doch. Wir wussten nämlich nicht, ob es reicht - also das 7:3 zum Weiterkommen. Sie müssen sich vorstellen: Beim Stande von 7:3 habe ich noch einen Mitspieler geschimpft, weil er seinen Gegenspieler laufen hat lassen, obwohl dieser im Abseits stand (lacht) - ich war völlig verwirrt.

kicker: Nach dem Abpfiff gab es dann aber kein Halten mehr.

Bommer: Das stimmt. Auf der Tribüne sah ich meinen Sohn und meine Frau, die auf Holzbänken standen. Dann marschierten wir in den kleinen Vip-Raum: Alle Menschen freuten sich, applaudierten - ein wunderschönes Gefühl.

Die Flucht wird immer mit diesem Spiel verhaftet sein.Rudi Bommer über Frank Lippmanns Flucht nach Westdeutschland

kicker: Wie oft sprechen Sie über dieses Ereignis?

Bommer: Sehr oft. Privat wie medial. Häufig mit Trainerkollege Friedhelm Funkel - und jetzt, wo es sich jährt, ein Jubiläum ansteht, natürlich mit den Medien. Die Journalisten reagieren momentan sehr rührig. Aber klar, es handelt sich um etwas ganz Besonderes.

kicker: Nach dem Spiel kam es noch zu einem sehr ernsten Zwischenfall: Frank Lippmann flüchtete durch die Tiefgarage. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Bommer: Ich weiß nur noch, dass unser Klub mit dieser Flucht behaftet wurde. Die Medien lösten eine Riesenhektik aus. Aber Lippmann floh zu seinem Cousin nach Nürnberg, spielte später dann ja auch für den Club. Dennoch: Diese Aktion wird immer mit diesem Spiel verhaftet sein.

Interview: Georg Holzner

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© imago/picture alliance/Getty Images

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Grotenburg-Stadion

Stadionkapazität: 34.500

Vereinsdaten

Vereinsname:KFC Uerdingen 05
Gründungsdatum:17.11.1905
Vereinsfarben:Blau-Rot
Anschrift:Krefelder Fußball-Club Uerdingen von 1905 e.V.
Uerdinger Straße 463a
47800 Krefeld
Tel.: (0 21 51) 49 05 05
Fax: (0 21 51) 49 05 55
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Gründungsdatum:12.04.1953
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