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11.12.2015, 12:27

Porträt zum 60. Geburtstag

Ehrmantraut: Die "Trainer-Denke" lässt ihn nicht los

Einst machte er den weißen Plastikstuhl berühmt und führte Meppen fast in die Bundesliga, inzwischen fährt er Trecker: Horst Ehrmantraut feiert heute seinen 60. Geburtstag, er will ihn "in allerster Stille" genießen - in Einöd. Ein Comeback als Trainer kann er sich aber gut vorstellen.

Horst Ehrmantraut
Wenn der Trainerstuhl wackelte, konnte das bei ihm auch am Material liegen: Horst Ehrmantraut in berühmter Pose.
© imagoZoomansicht

Was sich Horst Ehrmantraut am allerwenigsten wünscht zu seinem Ehrentag, wäre Rummel um die eigene Person. Seinen 60. Geburtstag am heutigen 11. Dezember will er deshalb "in aller Stille" verbringen. Oder, noch besser, "in allerster Stille, wenn es diese Steigerung gäbe".

Ehrmantraut sagt das keineswegs verbittert, sondern lachend und mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Er weiß, dass es ins Bild passt vom kauzigen Fußballlehrer, der sich einst bei Eintracht Frankfurt auf einem weißen Plastikstuhl an die Seitenlinie hockte, um einen Kontrapunkt zu setzen gegen die Großmannssucht in der Bankenmetropole. Als er die Eintracht 1998 zurück in die Bundesliga führte, wurde Ehrmantraut Kult in Frankfurt - und mit ihm der weiße Plastikstuhl, der heute im Klubmuseum zu bestaunen ist.

Um Ehrmantraut selbst, der nach wie vor in seinem saarländischen Geburtsort Einöd wohnt, einem Homburger Gemeindebezirk mit dreistelligen Telefonnummern, ist es derweil schon seit geraumer Zeit still geworden. Der Entlassung beim 1. FC Saarbrücken im August 2005 folgte bis heute kein Trainerengagement mehr. Das, so Ehrmantraut, "habe ich selbst so gewollt. Ohne überheblich klingen zu wollen: Angebote waren immer wieder da." Doch der jeweilige Zeitpunkt passte nie.

Wenn ich mittags am Ackerrand den Trecker abstelle, eine Stulle auspacke, in die Landschaft schaue und über mir die Vögel zwitschern - Sie können sich gar nicht vorstellen, wie herrlich das ist.Horst Ehrmanntraut

"Ich genieße mein Leben und die völlig freie Zeiteinteilung", sagt der Jubilar, "wenn ich gesund bleibe, ist das fantastisch." Nach wie vor verbringt er ein Gutteil seiner Zeit in Berlin, wo er in den 80ern sechs Jahre lang für die Hertha spielte, später Blau-Weiß 90 trainierte und noch eine Zweitwohnung besitzt. Galopprennen sind ebenso eine Leidenschaft geblieben wie die Tätigkeit als Hobbylandwirt. "Wenn ich mittags am Ackerrand den Trecker abstelle, eine Stulle auspacke, in die Landschaft schaue und über mir die Vögel zwitschern - Sie können sich gar nicht vorstellen, wie herrlich das ist."

"Es könnte sein, dass ich von heute auf morgen irgendwo einsteige"

Allerdings: Mit dem Fußball abgeschlossen hat "Ehre" keineswegs. "Fußball war mein Leben und ist es weiterhin", betont er. An den Wochenenden besucht er regelmäßig Stadien und Sportplätze von der 3. Liga abwärts ("Erste und zweite Liga bekommt man ja komplett im Fernsehen mit"), die "Trainer-Denke" hat ihn dabei nicht losgelassen: "Wenn man eine Mannschaft häufiger sieht und die Spieler entsprechend einschätzen kann, macht man sich schon Gedanken: Wie passt das System, was könnte man ändern, was ließe sich entwickeln? Das finde ich sehr spannend, gerade weil es mit keinerlei Druck verbunden ist." Der Reiz, selbst noch einmal etwas zu gestalten, klingt da unüberhörbar durch. Und so sagt Ehrmantraut denn auch: "Es könnte sein, dass ich von heute auf morgen doch noch einmal irgendwo einsteige. Aber natürlich unterklassig, ich bin ja kein Träumer."

Ob er im Nachhinein nicht doch bereut, im vergangenen Jahrzehnt sämtliche Offerten ausgeschlagen zu haben? Bei dieser Frage wird Ehrmantraut zumindest nachdenklich: "Es waren ein, zwei Dinge dabei, wo etwas Fruchtbares hätte entstehen können", sagt er. "Aber das ist jetzt müßig, ich habe damals nein gesagt." So bleibt es für den Mann, der 1980 beim UEFA-Cup-Sieg mit Eintracht Frankfurt seinen größten Erfolg als Spieler feierte, aller Voraussicht nach bei einer vergleichsweise kurzen Laufbahn als Profitrainer.

In Frankfurt wurde er zu einer Art Märtyrer

Spuren hat Ehrmantraut dennoch hinterlassen, vor allem auf zwei Stationen. Beim SV Meppen bildete er von 1991 bis 1996 eine Institution, mit dem Zweitliga-"Kultklub", den er beinahe sogar sensationell ins Oberhaus geführt hätte, bleibt sein Name untrennbar verbunden. Die wohl größte Verehrung genießt er freilich bis heute in Frankfurt, wo ihn die von vereinspolitischen Intrigen begleitete Entlassung nur wenige Monate nach dem Aufstieg 1998 für viele Anhänger zu einer Art Märtyrer machte.

"Eines Tages, und dieser Satz steht fest, wird es wieder einen Trainer Horst Ehrmantraut bei der Frankfurter Eintracht geben" - dieser damals gesprochene Satz wird von manchem Fan nach wie vor leidenschaftlich-rührselig zitiert. "Vielleicht klappt das ja wirklich nochmal - bei der Traditionsmannschaft", schmunzelt Ehrmantraut. "Aber ganz im Ernst: Dass solch ein Satz überhaupt so lange haften geblieben ist, gibt mir unheimlich viel."

Thiemo Müller

 

kicker

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