Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
Nicht registriert?
11.11.2015, 11:53

Herthas Coach im Portrait

Pal Dardai - der Spieler-Trainer

Kurze Wege, lange Leine: Hertha-Coach Pal Dardai (39) mixt Härte mit Humor. Seine Art tut manchen weh - dem Klub tut sie gut. Ein Portrait des Ungarn.

Als Spieler wie Trainer: Pal Dardai ist Antreiber und Anführer der Hertha.
Als Spieler wie Trainer: Pal Dardai ist Antreiber und Anführer der Hertha.
© imagoZoomansicht

Das ist eine Geschichte, in der es um Milchreis geht und eine durch die Kabine fliegende Taktiktafel, um Größe im Kleinen und das Kleine im Großen. Um halb drei in der Nacht zum Samstag ist der Hertha-Bus zurück in Ber­lin, die Mannschaft an Bord, selig nach dem 3:1 in Hannover, aber auch müde. Pal Dardai überlegt, das Auslaufen noch in der Nacht abzuhalten. Er denkt auch daran, die Spieler am nächsten Morgen erneut einzubestellen. Schließlich verwirft er beide Varianten und gibt den Profis bis Montag frei.

Er selbst kommt am Samstag­morgen trotzdem aufs Gelände des Olympiaparks, Aufarbeitung des Spiels, Presserunde, danach schaut er der U17, in der Palko (16), der älteste seiner drei Söhne, spielt, gegen Eintracht Braunschweig zu. Kurze Wege, lange Leine: Dardai, unter dessen Führung Herthas Spiel an Struktur, Attraktivität und Ge­schwindigkeit gewonnen hat, ge­lingt seit seinem Amtsantritt Anfang Februar die Symbiose aus Prinzipi­entreue und Pragmatismus. "Ab­seits des Platzes" gesteht der Trai­ner "den Jungs gewisse Freiheiten" zu, "aber wenn wir trainieren, bin ich sehr empfindlich - das wissen sie." Er hat nach seiner Inthronisie­rung das Musikverbot in der Kabi­ne aufgehoben, die Handynutzung wieder erlaubt und ein paar Essens­regeln gelockert. Das Büffet bietet wieder mehr Auswahl, darunter den von den Profis geschätzten und von Dardais Vorgänger Jos Luhukay ver­botenen Milchreis. Das Frühstück vor Auswärtsspielen erstreckt sich jetzt wieder über einen Zeitkorridor von 8 Uhr bis 9.30 Uhr, während zuvor alle zur selben Zeit begin­nen mussten. "Er war lange genug selbst Profi, um zu wissen, wann sich ein Spieler am wohlsten fühlt", sagt Manager Michael Preetz. Sein früherer Mitspieler schafft beides: eine Wohlfühlatmosphäre - und auf dem Platz ein leistungsförderndes Reizklima. "Kein Spieler", sagt Dardai, "hat mich bisher enttäuscht oder mein Vertrauen ausgenutzt."

Ein Mann mit Temperament

Die Profis kennen ihre Grenzen - und ihren Trainer. Individuelle Feh­ler spricht er intern meist moderat an, bei mann­schaftstaktischen Versäumnissen wird es in der Kabine oft lau­ter. Nicht immer sind die Ausbrü­che des temperamentvollen Un­garn spontan, gelegentlich bringt er seine zornigen Botschaften auch mit Kalkül an. Als im Heimspiel gegen Schalke (2:2) im März zwei, drei Spieler gegen Ende der ersten Halbzeit einige Wege nach hinten auslassen und sich Torschütze Änis Ben-Hatira für Dardais Empfinden ein bisschen zu sehr mit seiner Spiderman-Maske, mit der er den eigenen Jubel zelebriert hat, be­schäftigt, schleudert der Trainer in der Halbzeitpause die Taktiktafel durch die Kabine. Auch nach au­ßen teilt er seine Meinung bisweilen nicht nur mit, sondern aus.

Warum verarschst du mich?Coach Pal Dardai zu einem TV-Reporter nach einer Frage nach dem Kampf um den Platz im Tor entgegen der Absprache.

Als ein TV-Reporter entgegen der Abspra­che eine Frage nach dem Kampf um den Platz im Tor anbringt, zischt Dardai, als die Kamera aus ist: "Warum verarschst du mich?" Als ihn nach dem couragierten Auftritt beim 1:3 in Dortmund Ende August WDR-Reporterin Anne van Eickels fragt, ob sein Team zu wenig Risiko gegangen sei, poltert Dardai: "Ich weiß nicht, welches fehlende Risiko Sie meinen. Vielleicht haben Sie ein falsches Spiel geguckt oder müssen Ihre Brille tauschen."

Dardai gibt es nur pur, nicht light, sein Auftreten hat nie etwas Verkniffenes oder Künstliches. Er mischt Charme mit Dreistigkeit, Härte mit Humor, Wärme mit Ent­schlossenheit. Als Preetz und Dar­dai nach dem Klassenerhalt im Mai jene Profis zu Gesprächen bitten, die trotz laufender Verträge gehen sollen, hält der Coach mit seiner kritischen Expertise nicht hinterm Berg. In der Vorsaison, bei einem ähnlich gelager­ten Gespräch mit Christoph Janker (jetzt Augsburg), ist der damalige Trainer Luhu­kay eher stiller Beobachter. Als sich im Sommer der geplante Verkauf von Peter Niemeyer und Sandro Wagner hinzieht, nimmt Dardai beide aus dem Mannschaftstraining, um den Druck zu erhöhen - das Duo wechselt schließlich entnervt nach Darmstadt. "Da", sagt einer, der je­den Tag mit ihm arbeitet, "ist er knallhart." Dardais Botschaften sind unmissverständlich, Ansprachen an die Profis beginnt er bevorzugt mit dem Satz: "Bin ich immer ehrlich." Das kommt nicht bei allen an, aber alle wissen, woran sie sind.

Pal Dardai
Schon als Spieler ein Leader bei Hertha: Pal Dardai.
© imago

"Er fühlt und denkt oft immer noch wie ein Spieler, er ist - auch in der Art der Ansprache - nah dran an der Mann­schaft und immer authentisch", sagt Preetz. Dardai war früher ein Trai­ner-Spieler: einer, der nicht nach Szenenapplaus gierte, sondern die Mannschaft besser machte. Er legte als Mittelfeld-Arbeiter den Teppich aus, auf dem die Künstler Marcelin­ho, Deisler, Wosz tanzen konnten. Er war ein Trainer-Spieler, jetzt ist er auf seine Art ein Spieler-Trainer. "Ich bin zur Hälfte Spieler und zur Hälfte Trainer", sagt er. "Das wird so bleiben. Ich werde mich nicht ändern, ich will mich auch nicht ändern. Ich lebe von der Ehrlich­keit." Und von Ehrgeiz, Fleiß, Intui­tion. Im Frühjahr hat er es geschafft, Schaden abzuwenden; seit Sommer gestaltet er. Fitness, Ballbesitz, Kurzpass-Spiel, Kommunikation: Das ist sein Mantra. Er holt sich viel Feedback: im Trainerstab, beim Manager, bei den Führungsspielern. Aus Fehlern, die ihm im laufenden Betrieb passieren - das misslunge­ne Experiment mit Ronny auf der 6 oder die zu hohe Trainingsbelas­tung -, lernt der Novize schnell.

Er ist auch in der Ansprache nah dran an der Mannschaft.Hertha-Manager Michael Preetz über Pal Dardai

Dem Kader, dem Hertha im Sommer vier Verstärkungen beimischt (Darida, Weiser, Stark, Ibisevic), hätte der Ungar gern noch mehr Schnelligkeit und ei­nen Standardspezialisten hinzu­gefügt. Mit dem Ruf nach seinem Wunschspieler Balazs Dzsudzsak, der schließlich von Dynamo Mos­kau zu Bursaspor wechselt, liegt er Preetz über Wochen in den Ohren. Den Trainer-Posten bei der ungari­schen Nationalelf, von dem ihn der Manager dank einer Vertragsklausel im Sommer abzieht, gibt Dardai nur widerwillig auf. "Bis zum Ende der EM-Qualifikation", sagt er noch im­mer, "hätte ich die Doppelbelastung aus meinem Körper rausgepresst." Er ist ungeduldig, unbequem, über­zeugt von seiner Spielidee, aber zugleich offen für Neues und nie unbelehrbar. Er arrangiert sich stets mit den Umständen - und wächst wie schon als Spieler an seiner Aufgabe. Als Profi ist er weiter gekom­men, als ihm viele zugetraut haben.

Dardai schlägt Offerten aus - und bleibt in Berlin

Die Bayern locken ihn in Herthas Champions-League-Saison im Herbst 1999 ebenso wie italienische Topklubs, Dardai bleibt in Berlin. Der Tod seines jüngeren Bruders Balazs, der im Juli 2002 bei einem Fußballspiel stirbt, wirft ihn über Wochen, Monate aus der Bahn. Er trauert in seiner Heimatstadt Pecs, aber er kommt zurück, mit Trotz und Trauer, mit Wut und Willen.

Er wird mit 286 Bundesliga-Ein­sätzen Herthas Rekordspieler - und bleibt, trotz allem, Optimist und Genussmensch, der den Tag gern mit einem Glas Rotwein ausklingen lässt. Er brennt vor Ehrgeiz, aber er kann auch warten. Zehn Jahre lauert er auf das perfekte Grund­stück im Berliner Westend, keine 3000 Meter von seinem Arbeitsplatz entfernt, dann hat er das Haus. Im Job geht es schneller. Der Plan in seinem Kopf: Trainer im Hertha­ Nachwuchs, dann bei den Profis, zum Schluss bei Ungarns Auswahl. Die Realität kommt dazwischen. "Ich habe", sagt Dardai, "ein paar Jahre übersprungen." Sein Heimat­land braucht und holt ihn im September 2014. Zu Jahresbeginn 2015 hospitiert er im Rahmen seiner Trainerausbildung bei Jos Luhu­kay. Ende Januar führen beide ein langes Gespräch, Dardai - damals U-15-Coach des Klubs - interviewt den Niederländer, um zu lernen. Zehn Tage später wird er sein Nach­folger. "Ein bisschen unangenehm" findet Dardai die zeitliche Nähe noch heute: "Ich hoffe nicht, dass er denkt, ich hätte ihn ausspioniert."

Sie haben seitdem nie wieder mitei­nander gesprochen, Luhukay kappt nach seinem Abschied alle Drähte nach Berlin. Aber er hat lange vorm Krisen-Winter 2014/15 dem Mana­ger den Namen des Mannes gesagt, dem er zutraute, ihn zu beerben: Pal Dardai.

Steffen Rohr

Dardai auf den Spuren großer Namen
Die Spieler-Trainer - Kaiser, Klinsi und Co.
Pal Dardai war nicht nur lange Jahre Spieler bei Hertha BSC, sondern ist bekanntlich auch Coach in Berlin. Und auch für sein Heimatland Ungarn war er sowohl als Spieler wie als Trainer im Einsatz. Das gelang vor ihm erst sechs anderen ehemaligen Spielern, einige illustre Namen finden sich darunter...
Doppelte Karriere

Pal Dardai war nicht nur lange Jahre Spieler bei Hertha BSC, sondern ist bekanntlich auch Coach in Berlin. Und auch für sein Heimatland Ungarn war er sowohl als Spieler wie als Trainer im Einsatz. Das gelang vor ihm erst sechs anderen ehemaligen Spielern, einige illustre Namen finden sich darunter...
© imago

vorheriges Bild nächstes Bild
11.11.15
 
Seite versenden
zum Thema

weitere Infos zu Dardai

Vorname:Pal
Nachname:Dardai
Nation: Ungarn
Verein:Hertha BSC

Vereinsdaten

Vereinsname:Hertha BSC
Gründungsdatum:25.07.1892
Mitglieder:32.500 (01.07.2015)
Vereinsfarben:Blau-Weiß
Anschrift:Hanns-Braun-Straße, Friesenhaus 2
14053 Berlin
Telefon: (0 30) 30 09 28 0
Telefax: (0 30) 30 09 28 94
E-Mail: info@herthabsc.de
Internet:http://www.herthabsc.de