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15.01.2013, 15:15

Interview mit dem Vorsitzenden der Schiedsrichter-Kommission

Fandel: "Das habe ich so noch nicht erlebt"

Herbert Fandel ist der Chef der deutschen Schiedsrichter. Vor Beginn der Rückrunde äußert sich der 48-Jährige im großen kicker-Interview zu allen Aufregern und wichtigen Themen. Fandel spricht unter anderem über die Ellenbogeneinsätze, die Vierten Offiziellen, das Nachwuchsproblem, Wolfgang Stark und Franck Ribery ...

Herbert Fandel
Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel erinnert die Beteiligten an die "Schaufenster-Funktion" der Bundesliga.
© imagoZoomansicht

kicker: Herr Fandel, am Wochenende fand die große Halbzeittagung aller Erst- und Zweitligaschiedsrichter statt. Was haben Sie ihnen für die Rückrunde mit auf den Weg gegeben?

Herbert Fandel: Die Halbzeittagung ist traditionell dazu da, die Leistungen der Vorrunde unter die Lupe zu nehmen. Wobei uns als Führung sowohl die positiven als auch die negativen Dinge interessieren. Dabei wollen wir den Schiedsrichtern Lösungen aufzeigen, wie sie aus Fehlern lernen können. Darüber hinaus haben wir über Themen gesprochen, die für die Zukunft von enormer Bedeutung sein können, wie Verletzungsprävention und noch gezieltere Trainingsdiagnostik. Wir haben Pulsuhren anschaffen lassen für alle Bundesligaschiedsrichter. Die Trainingsergebnisse wollen wir fachlich auswerten, um noch genauere Erkenntnisse über unsere Schiedsrichter zu bekommen.

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kicker: Gibt es Neuerungen bei den Regelinterpretationen, auf was müssen sich Spieler, Trainer und Zuschauer einstellen?

Fandel: Da hat sich nichts geändert. Unser oberstes Ziel ist es, eine möglichst einheitliche Regelauslegung zu trainieren. Das ist etwa so, wie wenn ein Bundesligatrainer ständig Flanken in den Strafraum schlagen lässt, damit seine Angreifer den Ball auch hundertprozentig im Kasten versenken. Man wird dieses Ziel vielleicht nie erreichen, weil es unterschiedliche Charaktere und unterschiedliche Typen gibt, die auch unterschiedliche Fähigkeiten haben, aber wir wollen möglichst nahe an dieses Ziel herankommen.

kicker: Konkret: Wurden auch die Aufreger der Hinrunde angesprochen, wie zum Beispiel das Thema Ellenbogenschläge, bei dem man den Eindruck hatte, dass die Schiedsrichter mit ihren Sanktionen oft zu lax waren? Haben Sie Ihre Leute angewiesen, härter zur Sache zu gehen?

Fandel: Es geht nicht darum, nur Härte walten zu lassen. Es geht darum, dass die Situationen einheitlich und berechenbar bewertet werden. Es hat in der Tat im Bereich Einsatz der Arme im Luftkampf unterschiedliche Bewertungen gegeben. Daran wollen wir arbeiten. Aber in anderen Bereichen, ich nenne jetzt einmal den rücksichtslosen Einsatz mit der offenen Sohle, wurde klar vorgegangen. In diesem Punkt sind wir mit dem, was die Unparteiischen gezeigt haben, sehr, sehr zufrieden.

kicker: Aber ist der Ellenbogeneinsatz nicht schon härter bestraft worden?

Wenn jemand schlägt oder den Ellenbogen rücksichtslos einsetzt, muss er raus. Da müssen wir die Grenze ziehen zu einem natürlichen, harten Zweikampfverhalten. Das ist aber nicht einfach.Herbert Fandel

Fandel: Ja, und ich tendiere auch in diese Richtung. Ich weiß, dass es bei den Trainern auch unterschiedliche Meinungen darüber gibt. Das hängt aber sehr oft auch von der persönlichen Betroffenheit ab. Wir müssen neutral feststellen: Wenn jemand schlägt oder den Ellenbogen rücksichtslos einsetzt, muss er raus. Da müssen wir die Grenze ziehen zu einem natürlichen, harten Zweikampfverhalten. Das ist aber nicht einfach. Eine saubere Auslegung ist nach Ansicht der TV-Bilder in Slow Motion prima machbar, in Realgeschwindigkeit in der Dynamik des Spiels ist es einer der schwierigsten Momente für einen Schiedsrichter.

kicker: Apropos TV-Bilder: Gibt es in diesem Bereich, also dem Einsatz technischer Hilfsmittel, bei Ihnen neue Überlegungen?

Fandel: Da müssen wir uns überhaupt keine Gedanken machen, das ist einzig und allein Sache der FIFA. Für mich stellt sich hier die Frage: Wie lange benötigen wir, um auch nach Sicht der Bilder zweifelsfrei festzustellen zu können: War es ein klarer Ellenbogenschlag oder eine klare Abseitsstellung? Beim Abseits geht es um den genauen Zeitpunkt des Abspiels, also um Hundertstelsekunden. Wie oft wissen wir auch nach der Analyse der Fersehbilder immer noch nicht genau: War es Elfmeter oder nicht. Das bringt den Fußball nicht weiter.

kicker: Die Torlinientechnologie, die die FIFA einführen möchte, wurde Ende vergangenen Jahres bei der Klub-WM getestet. Kennen Sie schon Ergebnisse?

Fandel: Es hat überhaupt keine Vorkommnisse bei diesem Test gegeben. Das ist ja manchmal wie ein Fluch, wenn man etwas testen will, passiert nichts. Aber diese Grenzsituationen sind ohnehin sehr selten, und sie werden von den Schiedsrichtern in 80 bis 90 Prozent der Fälle auch richtig bewertet. Das ist also nur ein kleines Problem. Will man es dennoch lösen, soll man die Technik einsetzen, vorausgesetzt, sie funktioniert tausendprozentig. Sonst macht es keinen Sinn.

kicker: Zurück zu den Aufregern der Vorrunde. Ganz häufig war die Diskussion bei Handspielen Absicht oder nicht, also strafwürdig oder nicht. Innerhalb weniger Tage gab es in ganz ähnlichen Szenen bei Boateng einen Elfmeter, bei Dante nicht. Ist die Regelauslegung viel zu kompliziert, können Spieler, Zuschauer und Schiedsrichter - Thema einheitliche Regelauslegung - in der hohen Geschwindigkeit des Spiels überhaupt noch durchblicken?

Fandel: Die Situationen sind eigentlich nie vergleichbar. Trotzdem müssen wir versuchen, eine Art Schablone zu kreieren, die alle Beteiligten gleichermaßen akzeptieren können. Maßstab ist hierbei die internationale Auslegung von FIFA und UEFA. Jemand, der vorsätzlich oder fahrlässig seine Körperfläche vergrößert, mit hoher Körperspannung den Ball mit der Hand aufhält oder die Hand beim Ballkontakt über Kopfhöhe hat, verstößt gegen die Regel. Als ein Beispiel dient der durch Neven Subotic verursachte Elfmeter beim Champions-League-Spiel Dortmund gegen Manchester City, bei dem alle, auch ich, vor dem Fernseher in der Realgeschwindigkeit zunächst erstaunt waren. Aber die Entscheidung war korrekt.

kicker: Sind die Schiedsrichter auf dem Platz nicht überfordert, wenn sich selbst die Cheftheoretiker der Gilde mehrfach Zeitlupenbilder anschauen müssen, bis sie wissen, welche Entscheidung richtig gewesen wäre?

Fandel: Der Elfmeter, der gegeben wurde in der Situation, als Boateng sich wegdrehte, passte nicht so ganz in unsere Schablone. Aber ansonsten kann man in der Vorrunde von einer guten Quote der Schiedsrichter sprechen, da sind wir sehr zufrieden. Wenn wie im Fall Dante ein Spieler den Ball aus kurzer Entfernung an den locker herunter hängenden Arm bekommt, dann ist das kein Strafstoß. Sicher ist die Entscheidung oft schwierig. Aber können wir uns davor drücken? Das ist unser Job.

kicker: Und wenn es schlecht kommt, läuft es unter der Überschrift "Fehler passieren eben".

Fandel: Wer jahrelang als Schiedsrichter im Profifußball unterwegs ist, der muss damit rechnen, dass er Fehler macht. Wer das nicht akzeptieren kann oder will, muss sich einen anderen Job suchen.

kicker: Was sagen Sie zu denen, die auf die Fehler reagieren? Gab es Vorfälle, die Sie schockiert haben

Fandel: Ja, die gab es schon, aber darüber will ich an dieser Stelle nicht sprechen. Mir ist sehr an der Kommunikation mit den Trainern gelegen. Zusammen mit Hellmut Krug und Lutz Michael Fröhlich bin ich noch in dieser Woche bei der Trainertagung. Da wollen wir die Dinge intern ansprechen.

Die Bundesliga ist dabei eine Art Schaufenster. Wer darin tätig ist, ob Schiedsrichter, Spieler oder Trainer, muss sich im Klaren sein, dass sein Verhalten Auswirkungen hat auf diejenigen, die in dieses Schaufenster hinein schauen. Nicht mehr und nicht weniger.Herbert Fandel zum Nachwuchsproblem

kicker: Gerade das Verhalten an der Außenlinie ist ein brandaktuelles Thema. An der Basis laufen dem DFB die Schiedsrichter in Scharen davon. Lutz Michael Fröhlich hat gesagt, dass es in den Amateurklassen zu Aggressionspotenzial führt, wie die Trainer sich in der Bundesliga verhalten. Zu Recht?

Fandel: Der Schiedsrichterschwund ist ein ganz wichtiges Thema, das in den kommenden Jahren verstärkt auf uns zukommt. Da brauchen wir nicht drum herum zu reden. Es ist nicht das Problem der Gewinnung, die Verbände tun alles, um genügend Schiedsrichter zu gewinnen. Aber diese gehen sehr schnell wieder von der Fahne, wenn sie merken, in welchem Umfeld sie ihre Arbeit verrichten müssen. Die Bundesliga ist dabei eine Art Schaufenster. Wer darin tätig ist, ob Schiedsrichter, Spieler oder Trainer, muss sich im Klaren sein, dass sein Verhalten Auswirkungen hat auf diejenigen, die in dieses Schaufenster hinein schauen. Nicht mehr und nicht weniger.

kicker: Aber die Vorgänge an der Basis sind teilweise schon sehr extrem.

Fandel: Das ist auch ein Zeichen der Entwicklung unserer Gesellschaft, wie man teilweise mit Leuten umgeht, die Verantwortung tragen. Alle müssen sich bewusst sein, dass sie dazu beitragen können, dass es einen vernünftigen Umgang mit den Schiedsrichtern gibt.

kicker: Sind die Vierten Offiziellen oft zu sehr Aufpasser und zu wenig Moderator?

Fandel: Nein, nein, das ist überhaupt kein Thema. Die Vierten Offiziellen haben ihre Aufgaben in der Vorrunde wirklich gut erledigt. Wir hatten einen einzigen Fall, bei dem ein junger vierter Offizieller in Mainz über das Ziel hinausgeschossen ist. Wir haben die entsprechenden Lehren daraus gezogen.

kicker: Mit welchen Vorstellungen gehen Sie zur Trainertagung?

Fandel: Dass wir hier in Deutschland etwas bewahren, was es in anderen großen Fußballnationen längst nicht mehr gibt. Dass sich Schiedsrichter und Trainer weiterhin miteinander unterhalten zum Wohle des Fußballs. Wer nicht mehr kommuniziert, hört auf, sich zu entwickeln. Das ist mein Credo. Wir müssen miteinander reden, egal wie hoch die Wellen toben.

kicker: Sind Sie da guten Mutes?

Fandel: Ja, weil ich die Personen auf der Schiedsrichter-Seite kenne und ich auch auf der anderen Seite Personen kenne, mit denen man das bewerkstelligen kann. Eine unmittelbare Emotion gehört völlig zum Fußball dazu. Wenn aber die Emotion gegen einen anderen Menschen gerichtet ist, ob Schiedsrichter oder nicht, ist die Grenze überschritten.

kicker: Dennoch sind es immer wieder die Gleichen, die mehrfach auffällig werden. Haben Sie die Hoffnung, dass sich daran wirklich etwas ändert?

Fandel: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Zunächst sollte man darüber reden.

15.01.13
 
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