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06.06.2012, 11:13

Dialog, aber auch Grenzen für Ultras

Das Ende der Fankultur?

Die Gewalt-Debatte hält an. Die Politik erhöht den Druck auf DFB und DFL. Die Frage ist nicht, ob Deutschland einer zunehmenden Gewalt im Fußball begegnen muss. Die Frage ist: Reagiert es gesellschaftlich und rechtsstaatlich angemessen? Es muss beim Dialog bleiben, aber auch Grenzen für Ultras geben.

Massives Ordner- und Polizeiaufgebot im Karlsruher Wildparkstadion.
Massives Ordner- und Polizeiaufgebot im Karlsruher Wildparkstadion.
© Getty ImagesZoomansicht

Mark Davenport und Peter Smith* erlangten an einem Samstag im Mai 1986 traurige Prominenz. Die beiden Briten landeten mit vollem Namen und Wohnort auf den Titelseiten der englischen Tageszeitungen. Sie machten sich am Vorabend des FA-Cup-Endspiels der Erregung öffentlichen Ärgernisses schuldig, hatten also an eine Hauswand gepinkelt oder zur falschen Zeit am falschen Ort zu laut gegrölt. Ein Jahr nach der von Liverpool-Anhängern ausgelösten Panik im Brüsseler Heysel-Stadion (39 Tote) und dem Tribünenbrand von Bradford (56 Tote) reagierte das Königreich hochsensibel auf die "englische Krankheit", der öffentliche Pranger für Hooligans war nur einer von vielen Betäubungsversuchen.

Zur Wundheilung, nicht zur Keimbekämpfung, dienten auch Vorschläge, Randalierern mit Zwangsarbeit oder der Prügelstrafe beizukommen. Die Überlegungen gipfelten in dem ernsthaft diskutierten Vorschlag des damaligen Chelsea-Präsidenten Ken Bates, die Zäune in den Stadien unter Strom zu setzen. Diese Debatte endete am 15. April 1989 mit der Stadionkatastrophe von Hillsborough, die 96 Todesopfer forderte, Liverpool-Fans, in der Käfighaltung erdrückt - erstickt.

Der anschließende Taylor-Report, der fatale Fehler der Polizei als Hauptursache feststellte, aber auch eine grundlegend falsche Behandlung von Fußballfans erkannte, hatte die Abschaffung der Zäune, der Stehplätze und indirekt die Gründung der Premier League zur Folge. "Was machen wir mit Ihren Hooligans?", fragte Regierungschefin Maggie Thatcher eine Abordnung der wichtigsten Klubs des Landes in einer Krisensitzung nach Hillsborough. "Unsere Hooligans? Ihre Hooligans!", antwortete David Dein, damals Vorstandsvorsitzender des FC Arsenal, der Eisernen Lady.

Eisenbahn-Unfälle, Fährschiff-Unglücke, blutige Streiks - das England in der Hochzeit des Hooliganismus war marode wie seine lebensgefährlichen Football Grounds.

Warum dieser Blick zurück? Weil im Deutschland des Frühjahrs 2012 Politiker den Wiederaufbau von Zäunen in den Stadien fordern; ein Moderator in einer öffentlich-rechtlichen Sondersendung Kopfgeldprämien für Handy-Fotos von Krawallmachern wünscht; in einer Talkrunde von Ultras als "Taliban der Fans" schwadroniert wird. Vielleicht stimmen die Quoten, die Relationen stimmen ganz sicher nicht.

Die Frage ist nicht, ob Deutschland einer zunehmenden Gewalt im Fußball begegnen muss. Die Frage ist: Reagiert es gesellschaftlich und rechtsstaatlich angemessen? Also selbstverständlich nicht mit Draht und Gitter.

Es geht ums Image, ums Geld, um Politik

Wenn die Kraft der Bilder, wie nach der Pokalpartie Dortmund gegen Dresden im Herbst 2011 und nun nach dem Relegationsrückspiel in Düsseldorf überwältigend ist, wiederholen sich die bekannten Reflexe: Die einen beeilen sich, runde Tische anzukündigen, die anderen wiederholen ihre Forderung nach einer Kostenbeteiligung an den Polizeieinsätzen, auch wenn dafür jegliche Grundlage fehlt. Es geht dann ums Image, ums Geld, um Politik. Und unausgesprochen darum, wessen Fans das denn nun sind.

Fußball ist eine gern genutzte Bühne für Law-and-Order-Vorstöße

In diesem fruchtlosen Gerangel um Zuständigkeiten gerät der Profifußball zunehmend in die Defensive. Generalbundesanwalt Harald Range und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich befürworten Fußfesseln für Personen mit Stadionverboten. Lorenz Caffier, Ressortchef in Mecklenburg-Vorpommern und derzeit Vorsitzender der Innenministerkonferenz, schlug Gesichtsscanner an Stadioneingängen vor. Polizei- und datenrechtlich höchst zweifelhafte Maßnahmen wie diese würden auf anderen gesellschaftlichen Feldern umgehend auf ihre politische Korrektheit hin diskutiert, der Fußball und seine Fans dagegen sind eine gern genutzte Bühne für derartige Law-and-Order-Vorstöße.

Dabei stehen Polizei und Justiz längst ausreichend Instrumente zur Verfügung. Meldeauflagen, Platzverbote und sogenannte Gefährderansprachen für polizeibekannte Störer müssten nach Meinung erfahrener Polizeiführer und Sicherheitsbeauftragter im Liga-Alltag nur häufiger angeordnet werden. Eine bundesweit einheitliche Vorgehensweise fehlt, da die Sicherheitshoheit in der Bundesrepublik bei den Ländern liegt.

Auch vor diesem Hintergrund haben DFB und DFL Gespräche mit den Generalstaatsanwaltschaften aufgenommen. Liga-Präsident Reinhard Rauball drängt auf beschleunigte Verfahren für Randalierer. Eine rasche Aburteilung wirkt abschreckend auf Nachahmer, ebenso wie Regressforderungen der Klubs, die überführte Täter für Geldstrafen oder Sachschäden in Haftung nehmen.

Vermummte haben im Stadion nichts zu suchen

Dabei ist die neue Generation hochauflösender Videokameras, die in vielen Stadien installiert wird, hilfreich. Wer eine scharfe Trennung von Fans und Gewalttätern wirklich will, kann damit leben. Vermummte haben im Stadion nichts zu suchen.

Bengalische Feuer beim Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC.
Bengalische Feuer beim Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC.
© picture alliance

Diese Trennschärfe und eine penetrante Differenzierung muss es bei jeder Bewertung geben. Die Gratwanderung zwischen der Ausgrenzung und Strafverfolgung von Gewalttätern und einer Sippenhaft, die neue Konflikte heraufbeschwört, ist schwierig, aber unverzichtbar. Das gilt auch für die Einzelfallprüfung bei Stadionverboten.

Ein renitenter Teil der Ultra-Bewegung scheint unerreichbar

Tatenlosigkeit ist DFB und DFL keineswegs vorzuwerfen. Die Verbände haben den Rat von Gewaltforschern, Fanbetreuern und Polizeiexperten befolgt, "sich nicht vor den repressiven Karren der Politik spannen zu lassen" (Kriminologe Thomas Feltes), und auf den Dialog gesetzt. Sie müssen dies weiter tun, auch wenn ein renitenter Teil der Ultra-Bewegung unerreichbar scheint und sich weiter radikalisiert. Gerade jetzt muss mit den Fans geredet werden, nicht nur über sie; müssen die praxisnahen Fanbeauftragten in den Klubs gehört werden und die Betreuer in den Fanprojekten als Vermittler gefragt sein, um jene zu erreichen, denen es wirklich um die vielzitierte Fankultur geht.

Wie etwa um den Erhalt der Stehplätze. In diesem Punkt sitzen Fans und Liga im selben Boot: "Die Süd" in Dortmund trägt weltweit zum positiven Image der Bundesliga bei. Nicht zu bestreiten ist, dass von Stehplätzen nicht nur die besten Stimmungsreize, sondern auch die meisten Ausschreitungen mit Pyrotechnik ausgehen. Wirtschaftlich betrachtet muss sich der Profifußball reinen Sitzplatz-Arenen nicht verschließen. Höhere Ticketpreise gleichen niedrigere Fassungsvermögen aus.

Zugeständnisse an Ultras stehen auf dem Prüfstand

So weit darf es in Deutschland nicht kommen, doch wer um Stehplätze und um Freiräume für Choreografien kämpft, muss auch Grenzen einhalten. Dass die Verbände die 56 Klubs der drei höchsten Ligen mit einem "Kodex" auf eine einheitliche Linie im Umgang mit den Fangruppen einschwören wollen, ist nachvollziehbar. Die Zugeständnisse, die vielerorts Ultraszenen gemacht wurden, zum Beispiel Vorzüge bei der Kartenverteilung, stehen auf dem Prüfstand. Kein Vorstand darf sich erpressen lassen, mit Platzstürmen und Attacken auf Spieler haben die sprichwörtlichen italienischen Verhältnisse, die vor drei Jahren noch als undenkbar galten, bereits Einzug gehalten.

Friedlich und ausdrucksstark: Choreographie der Mainzer Fans.
Friedlich und ausdrucksstark: Choreographie der Mainzer Fans.
© picture alliance

In den Kurven, wo die ursprünglich aus Südeuropa stammende Ultra-Kultur auch als Protest gegen die Kommerzialisierung entstand, ist eine paradoxe Eventisierung festzustellen, die Krawalltouristen anlockt, bei der die eigene Performance und die Rivalität zu gegnerischen Gruppen wichtiger genommen werden als das Spiel. Hier gilt vielen als legitim, was nicht legal ist.

Dazu zählen die permanenten pyrotechnischen Auftritte. Zum konsequenten Verbot von Bengalos und Böllern kann es nach den jüngsten Exzessen keine Alternative geben. Die Klubs werden mit besser ausgebildeten Ordnern für noch intensivere Kontrollen sorgen müssen. Darunter wird zwar die Mehrheit der friedlichen Fans leiden, noch mehr aber würde sie die Einführung von personalisierten Tickets treffen.

Die 50. Bundesliga-Saison erhält eine besondere Dimension. Sie entscheidet nicht nur über den Jubiläumsmeister, sondern auch über Zukunft oder Ende der bestehenden Fankultur.

Jörg Jakob

(* Namen von der Redaktion geändert)

 

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