| Vorname: | Otto |
| Nachname: | Rehhagel |
| Nation: | Deutschland |
| Verein: | Hertha BSC |
kicker: Gegen Schlusslicht Kaiserslautern wäre Hertha BSC beim 1:2 am Samstag beinahe abgeschossen worden, jetzt wartet Schalke mit ungleich größerer Offensiv-Power. Haben Sie bei Ihrem Arbeitgeber für das Wochenende schon eine Gefahrenzulage beantragt, Herr Kraft?
Thomas Kraft: Noch nicht, nein. Aber an noch so einen Auftritt wie gegen Kaiserslautern kann ich auch nicht glauben. Was wir da boten, war eine absolute Frechheit. Das war nichts, gar nichts. Wir hätten normal vier oder fünf Tore kriegen können.
kicker: Nach dem Hoffnungsschimmer von Leverkusen wirkte die Elf gegen den FCK blutleer. Kann Hertha keinen Abstiegskampf?
Kraft: Nach vernünftigen Auswärtsauftritten haben wir zu Hause jedes Mal riesige Probleme. Das zieht sich durch die gesamte Saison.
kicker: Dann freuen Sie sich vermutlich auf den Samstag.
Kraft: Schalke hat eine starke Offensive mit überragenden Einzelkönnern. Ohne Stabilität und totale Konzentration geht da nichts.
kicker: Was genau hemmt Hertha?
Kraft: Der Abstiegskampf geht an die Nerven, das ist Fakt. Und wenn du immer weniger Spiele auf der Uhr hast und sich die Situation verschlimmert, wird der Druck nicht kleiner. Aber als Profi muss man irgendwann damit umgehen können.
kicker: Können das zu wenige?
Kraft: Schauen Sie auf die Tabelle.
kicker: Zwei Punkte hinter Köln, dazu auf dem Papier die schwerere Aufgabe: Ist Herthas Abstieg am Samstag um 17.20 Uhr besiegelt?
Kraft: Der Abstieg ist sehr, sehr nah. Es muss viel zusammenkommen, damit wir die Relegation packen.
kicker: Haben Sie aufgegeben?
Kraft: Quatsch! Ich bin wahnsinnig ehrgeizig, ich versuche immer wieder, die anderen aufzurütteln. Vielleicht hat mich dieser Auftritt deshalb so wütend gemacht. Man kann gegen Kaiserslautern verlieren, man kann auch absteigen - aber doch nicht so!
kicker: Hertha-Ikone Erich Beer sagt, es fehle Charakter. Ist das so?
Kraft: Das ist Populismus, das geht mir zu weit. Um es mal ganz klar zu sagen: Jeder von uns will, jeder!
kicker: Es sieht nur nicht bei allen so aus. Sie, Niemeyer, Lasogga - warum gibt es so wenige Berliner, die sich erkennbar wehren?
Kraft: Nicht jeder ist so gestrickt. Aber eines ist offensichtlich: Uns fehlen Typen, mehr Typen, die dem Gegner wehtun und die eigenen Mitspieler pushen.
kicker: Jeder Abstieg ist unnötig. Wäre es dieser ganz besonders?
Kraft: Absolut. Der Kader hat definitiv die Qualität für die Bundesliga.
kicker: Warum zeigte er das nur unter dem Duo Babbel/Widmayer?
Kraft: Wir haben für einen Aufsteiger eine sehr gute Hinrunde gespielt und hatten bis zum Schluss ein sehr, sehr gutes Verhältnis zu beiden. Natürlich hat uns die Unruhe, die seit Dezember hier herrscht, belastet. Aber wir dürfen uns nicht dahinter verstecken. Wir als Mannschaft hätten mit dieser speziellen Situation anders umgehen müssen.
kicker: Was heißt das?
Kraft: Es ist uns nicht gelungen, uns als Mannschaft auf einen neuen Trainer ausreichend einzustellen. Im Klartext: Wir Spieler haben in diesem Punkt versagt.
kicker: Waren sich einige nach der Hinrunde zu sicher?
Kraft: Mir war klar, dass die Rückrunde nicht einfach wird. Aber einige haben sich zu gut gefühlt.
kicker: Sie haben bei Ihrer Ankunft in Berlin bis 2015 unterschrieben. Ist die 2. Liga Ihr Anspruch?
Kraft: Mein Anspruch ist es, Fußball zu spielen - nach Möglichkeit in der höchsten Spielklasse.
kicker: Zu Schalke und Ralf Rangnick hatten Sie vor einem Jahr Kontakt. Bleiben Sie auch im Abstiegsfall, wenn er neuer Hertha-Trainer wird?
Kraft: Es käme auf die Perspektiven an, Stand jetzt ginge ich mit in die 2. Liga. Aber das ist aktuell nicht mein Thema. Noch sind wir nicht abgestiegen. Und diese kleine Chance auf die Rettung will ich packen. Mich würde ein Abstieg persönlich hart treffen. Das wäre ein Szenario, das ich so nie erwartet hätte.
Interview: Steffen Rohr