Schalke: Interview vor dem Krisenduell
"Was macht eigentlich Horst Heldt?"
Im Sommer verließ Horst Heldt (40) den VfB Stuttgart in Richtung Schalke 04. Vor dem Keller-Duell bezieht er im kicker Stellung.

Ist davon überzeugt, dass sowohl Schalke 04 als auch der VfB Stuttgart die Kurve kriegen: Horst Heldt.
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kicker: Herr Heldt, am Samstag trifft der Vorletzte Schalke auf das Schlusslicht VfB. Wie stark belastet diese Konstellation Sie persönlich?
Horst Heldt: Es ist schon der Wahnsinn. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, es spiegelt auch nicht die Qualität beider Teams wider. Ich bin deshalb überzeugt, beide werden die Kurve kriegen.
kicker: Muss Herthas Abstieg nicht ein mahnendes Beispiel sein?
Heldt: Doch. Es wäre fatal, etwas zu verharmlosen. Aber die Einschätzung bleibt, dass sowohl Schalke als auch der VfB unten rauskommen.
kicker: Verspüren Sie noch Identifikation mit dem VfB?
Heldt: Ich fände schlimm, wenn es anders wäre. Ich war sieben Jahre im Verein. Da bestehen noch Kontakte und eine Identifikation, die nicht klein ist. Trotzdem werde ich möglichst dazu beitragen, damit Schalke gewinnt.
kicker: Aber hinterher werden Sie sich nicht wirklich freuen können.
Heldt: Das kann ich vorab nicht beantworten. Feststeht, dass es emotional kein einfaches Spiel für mich wird. Aber ich bin nicht die Hauptperson. Das sind die Spieler.
kicker: Wie begegnen Sie VfB-Boss Erwin Staudt, der über Ihren Abschied sehr erbost war?
Heldt: Ganz normal. Es gab ja schon die eine oder andere DFL-Tagung seitdem, da werden die Vereine alphabetisch aufgelistet, als Vertreter von Schalke und Stuttgart sitzen wir da direkt nebeneinander. Unser Kontakt seit dem Wechsel war gut und intensiv, die Dinge sind ausgeräumt. Letztlich haben beide legitime Standpunkte vertreten.
kicker: Sie gingen mitten in der Saisonplanung. Welchen Anteil geben Sie sich nun an der VfB-Misere?
Heldt: Ich habe dem Verein zwei Monate vor Ende der Transferfrist mitgeteilt, dass ich mich verändern möchte. Da war bereits Martin Harnik und mit Christian Gentner ein deutscher Nationalspieler verpflichtet. Und danach blieb noch genügend Zeit für Transfers, die ja auch getätigt wurden.
kicker: Wo liegen dann die Probleme bei Stuttgart und Schalke im bisherigen Saisonverlauf?
Heldt: Beim VfB will ich mir kein Urteil anmaßen. Auf Schalke kamen einige negative Punkte zusammen: Die Startniederlage in Hamburg, die Platzverweise, die Tatsache, dass der Kader zunächst nicht komplett war. Aber in der Champions League hat die Mannschaft gegen einen starken Gegner wie Benfica bewiesen, was sie kann. Jetzt ist eben jeder einzelne Spieler gefordert, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ich halte es schon für bedenklich, wenn Felix Magath nach dem 1:2 in Nürnberg zu Recht anprangern muss, dass einige gedanklich woanders waren.
kicker: Welchen Einfluss nehmen Sie selbst aufs Sportliche?
Heldt: Von der Tribüne aus kann ich sehr viel erkennen. Darüber tausche ich mich regelmäßig mit Felix Magath aus.
kicker: Seit Ihrem Amtsantritt wird oft gefragt: Was macht eigentlich Horst Heldt?
Heldt (lacht): Ja, ich weiß. Man darf eben öffentliche Wahrnehmung und Medienpräsenz nicht mit Arbeit gleichsetzen. Felix Magath ist Vorstandssprecher und damit derjenige, der nach außen Rede und Antwort steht. Das ist auch sinnvoll so. Dennoch arbeite ich natürlich.
kicker: Woran konkret?
Heldt: Schalke 04 ist ein Riesenkonstrukt mit neun Tochtergesellschaften. Für fundierte Entscheidungen, um den Verein zu verschlanken und stabiler aufzustellen, ist intensives Einarbeiten unerlässlich. Dazu habe ich mich mit der Jugendabteilung und der U 23 beschäftigt. Und nicht zuletzt bin ich fürs Ressort Marketing zuständig. Wir haben zum Glück viele potente Sponsoren, die betreut und bearbeitet werden müssen. Den einen oder anderen Vertrag haben wir in dieser Zeit auch verlängert, etwa mit Sinalco.
kicker: Am Transfergeschäft, der Königsdisziplin eines Fußballmanagers, waren Sie jedoch unbeteiligt.
Heldt: Das hatten wir von vornherein klar abgesprochen, und es war eine sinnvolle Entscheidung. Es wäre unsinnig gewesen, wenn ich plötzlich in Gespräche einsteige, die Felix Magath begonnen hat. Die nächste Transferperiode werden Felix Magath und ich dann gemeinsam bestreiten.
kicker: Kurz nach Ihrer Vorstellung firmierten Sie nicht mehr als "Vorstand Sport und Marketing" sondern als "Vorstand Spielbetrieb und Marketing". Das klang nach hierarchischer Zurückstufung.
Heldt: In meinem Vertrag steht Vorstand Sport, Spielbetrieb und Marketing. Aber das ist völlig nebensächlich. Entscheidend ist, dass Felix Magath und ich gut zusammenarbeiten. Das tun wir.
„Raul opfert seine persönlichen Stärken.“Horst Heldt
kicker: Felix Magaths spektakulärster Transfer war sicherlich, Raul von Real Madrid zu holen. Wären Sie dieses Risiko auch eingegangen?
Heldt: Ohne zu zögern! Raul ist ein Riesengewinn für Schalke. Sportlich, menschlich und als Aushängeschild. Als Marketingverantwortlicher stelle ich fest, dass sein Trikot auf Anhieb das meistverkaufte ist, er zudem die weltweite Beachtung und damit den Werbewert von Schalke 04 immens steigert. Doch das Wichtigste bleibt: Er ist ein toller Fußballer und herausragender Charakter. Nur eines würde ich ihm noch wünschen: Dass er manchmal mehr Egoismus zeigt.
kicker: Inwiefern?
Heldt: Er stellt sich absolut in den Dienst des Teams, ist permanent auf dem Platz unterwegs, um Struktur ins Spiel zu bringen. Dabei opfert er mitunter seine persönlichen Stärken.
kicker: Das könnte man auch taktisch ungeschickt nennen.
Heldt: Raul ist einfach nur vorbildlich. Er sieht, wo es der Mannschaft fehlt, und will das beheben. Er braucht einfach mehr Unterstützung. Als diese da war, gegen Benfica, hat er prompt auch seine ureigenen Qualitäten sehr gut zur Geltung gebracht.
kicker: Beobachtern machte bislang Sorge, dass Magath Transfers ohne Korrektiv allein entscheidet.
Heldt: Dafür hat er als Vorstand und sportlich Verantwortlicher im Vorjahr doch bewusst alle Kompetenzen erhalten. Das war so gewollt und für den Klub auch notwendig. Es gibt überhaupt keine Veranlassung, dieses Konstrukt auch nur im Ansatz infrage zu stellen.
kicker: Ihre Trainer-Verpflichtungen beim VfB hießen Veh, Babbel und Gross. Alle waren erfolgreich. Gibt es einen Nenner, auf den sich für Sie ein guter Trainer bringen lässt?
Heldt: Du musst als Verein eine klare Spielphilosophie vorgeben, nach der dann ein dazu passender Trainer ausgewählt wird. Und es geht immer um den jeweiligen Zeitpunkt. Nach Veh war eine interne Lösung sinnvoll. Nach Babbel war Gross ideal mit seiner Erfahrung und dem Nachweis konstanter konzeptioneller Arbeit beim FC Basel.
kicker: Sie sehen Ihr Engagement auf Schalke ausdrücklich über Ihre Vertragslaufzeit bis 2013 hinaus. Bestimmen Sie folglich auch den nächsten Schalke-Trainer?
Heldt: Also, das ist jetzt wirklich nicht mein Thema. So wie ich es von den Spielern fordere, konzentriere auch ich mich auf das Wesentliche.
kicker: Manche vermuten, Felix Magath könne zeitnah hinschmeißen. Dann stellt sich das Thema?
Heldt: Felix Magath ist mehr als nur Schalkes Trainer - er ist Vorstandsmitglied und derjenige, der den Klub in nur wenigen Monaten aus einer mehr als schwierigen Situation geholt hat. Ich sehe meine Aufgabe darin, seine Arbeit, seinen Weg nach besten Kräften zu unterstützen.
kicker: Trotzdem - sehen Sie nicht die Perspektive, Schalke nach Magath, wann auch immer, als starker Mann zu übernehmen?
Heldt: Aber auch dafür ist entscheidend, jetzt gute Arbeit zu leisten. Und diese Aufgabe auf Schalke erfüllt mich absolut. Ich verspüre gerade mega-große Verantwortung.
Interview: Thiemo Müller