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05.01.2010, 18:00

Nürnberg: Interview mit Dieter Hecking

"Breno war Feuer und Flamme"

Vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz - Dieter Hecking übernahm mit dem Trainerjob in Nürnberg alles andere als eine leichte Aufgabe. Im kicker-Interview spricht der neue Coach und Nachfolger von Michael Oenning unter anderem über Charisteas, Mintal und die Relegation.

Dieter Hecking und sein neues Team.
Dieter Hecking und sein neues Team.
© imagoZoomansicht

kicker: Warum sind Sie der richtige Mann als Trainer für den 1. FC Nürnberg, Herr Hecking?

Dieter Hecking: Der Weg, den der Club mit den vielen jungen Spielern gegangen ist, hat bei der Entscheidung der Verantwortlichen sicher eine Rolle gespielt. Weil ich nachgewiesen habe, dass ich mit dieser neuen Generation von Fußballern gut arbeiten kann. Dazu kommt, dass ich damals bei meinem Wechsel nach Hannover eine ähnlich prekäre Situation vorgefunden habe. Und eine gewisse Erfahrung habe ich mittlerweile auch, obwohl ich mich noch als relativ jungen Bundesliga-Trainer sehe.

kicker: Sie haben bei Amtsantritt gesagt, dass jeder Grashalm brennen müsse. Wie wollen Sie es schaffen, diese plakative Aussage im Alltag umzusetzen?

Hecking: Offensichtlich war leider, dass sich die Mannschaft öfter zum Ende des Spiels hat gehen lassen und sich die Tordifferenz vermiest hat. Man kann ja verlieren, aber als Außenstehender muss man zumindest das Gefühl haben, dass 90 Minuten alles probiert worden ist. Das wollte ich damit ausdrücken. Jetzt ist die Mannschaft gefordert, denn wenn sie nicht schnell dazu lernt, wird es eine schwierige Mission.

kicker: Wie kann man das im Training steuern?

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Hecking: Indem man Reize setzt, immer wieder fordert, dass jedes Gegentor verhindert werden muss. Selbst Trainingsspiele dürfen nicht 6:1 oder 7:1 ausgehen, da muss ich dann einschreiten.

kicker: Schon in knapp zwei Wochen steigt der Rückrundenstart auf Schalke. Haben Sie durch diese kurze Winterpause ein Zeitproblem?

Hecking: Das ist keine Wunschsituation, klar. Aber das ist es nie, wenn ein Verein während der Saison den Trainer wechselt. Ich muss im Rahmen dessen, was möglich ist, an den Stellschrauben drehen. Vielleicht blüht der ein oder andere wieder ein bisschen auf, weil ein neuer Trainer da ist. Die üblichen Reflexe, die ein Trainerwechsel mit sich bringt, werden hier auch nicht ausblieben. Allerdings brauchen wir schnell ein Erfolgserlebnis.

kicker: Haben Sie schon mit Michael Oenning gesprochen?

Er ist ein Trainer, der seinen Weg gehen kann.Dieter Hecking über seinen Vorgänger Michael Oenning

Hecking: Bis jetzt nicht, aber ich werde es nachholen. Er ist ein Trainer, der seinen Weg gehen kann. Das hat er hier im vergangenen Jahr mit dem Aufstieg bewiesen.

kicker: Was für eine Mannschaft haben Sie nach den ersten Eindrücken vorgefunden?

Hecking: Eine sehr willige Mannschaft, die auf dem Platz sehr umtriebig ist und viel in hohem Tempo arbeitet. Aber auch eine, die manchmal noch ein wenig ungestüm und unruhig im Spiel mit dem Ball agiert.

kicker: Sie haben mit Kaya, Welnicki und Perchtold drei Spieler zu den Amateuren geschickt. Wie kam es dazu?

Hecking: Da war ich auf die Aussagen der Verantwortlichen im Vorfeld angewiesen. Die Tür ist nach oben wie nach unten nicht zu, auch für dieses Trio nicht. Aber ich brauche keine 27, 28 Mann im Training. Es ging erst einmal darum, den Kader zu verkleinern, zumal wir mit Breno und Andreas Ottl schon zwei Spieler dazugeholt haben.

kicker: Wie planen Sie mit den beiden Bayern-Leihgaben?

Hecking: Wir mussten im Defensivbereich noch etwas machen, zumal auch in der Umstellung auf zwei Sechser. Dazu kam, dass wir bei Breno sofort gespürt haben, dass er Feuer und Flamme für den Club war. Er ist sich, und das ist bei einem gerade 20-Jährigen nicht selbstverständlich, der Schwere der Aufgabe hier bewusst. Bei Andreas Ottl hat es weniger der Überzeug zu Nürnberg gebraucht, auch wenn er da vielleicht diese unglückliche Aussage im Raum stehen hat. Die hat er mir gegenüber deutlich relativiert: er hat damals nichts gegen Nürnberg gehabt, er hat verdeutlichen wollen, dass er sich bei den Bayern durchsetzen wollte. Das hat in diesem halben Jahr nicht so geklappt, wie er es sich vorgestellt hat. Aber wenn man jetzt mit ihm telefoniert, und das habe ich ja mehrfach getan, dann merkt man, wie sehr er sich auf diese Aufgabe bei uns freut. Mir war wichtig, zwei Spieler zu bekommen, die sich nicht abgeschoben fühlen, und das haben unsere Gespräche bestätigt: der 1. FC Nürnberg kann sich auf zwei Spieler freuen, die uns weiterhelfen werden.

Im Gespräch mit den gesetzten Defensiv-Spielern Pinola und Breno: Dieter Hecking.
Im Gespräch mit den gesetzten Defensiv-Spielern Pinola und Breno: Dieter Hecking.
© imago

kicker: Welches System schwebt Ihnen vor? Oder richten Sie sich nach den Spielern, die da sind?

Hecking: Teils, teils. Natürlich sehe ich die vielen Gegentore und wie sie gefallen sind: oft ist die Mannschaft aufgerückt, hat den Ball verloren und es folgte der Konter. Deshalb glaube ich, dass wir mit einer Doppelsechs mehr Sicherheit und Stabilität gewinnen können. Ob das ein 4-2-3-1 wird oder ein System mit zwei Spitzen, muss man sehen. Wobei zwei Spitzen Sinn machen, wenn ich unser Angebot in der Offensive betrachte.

kicker: Eine Doppelsechs mit zwei offensiven Außen?

Hecking: Ja, oder auch mit einem Zehner hinter den Spitzen. Eine der Stärken im Kader ist die unglaublich gute Dynamik mit den jungen Leuten, die viel Tempo haben. Deshalb glaube ich, dass wir ähnlich wie Freiburg gerade auswärts den einen oder anderen Punkt mehr holen können, wenn wir gut stehen und gut umschalten.

kicker: Stichwort Stürmer: Fängt Angelos Charisteas bei null an, der im Verein einen schweren Stand hat?

Hecking: Ja. Angelos muss sich beweisen, er bekommt keinen Freifahrtschein. Aber er hat in seiner Vita etwas vorzuweisen, was die anderen Stürmer im Kader nicht haben. Er hat mit der WM ein großes Ziel vor Augen, da ist eine gute Bundesliga-Rückrunde nicht von Nachteil. Ich denke, dass es bei ihm eine Sache des Selbstbewusstseins ist. Ich glaube, dass wir es mit ihm hinbekommen.

kicker: Und wenn nicht?

Hecking: Dann ist es besser, wenn man sich trennt.

kicker: Gerade die vermeintlichen Führungsspieler haben in der Vorrunde enttäuscht. Wie wollen Sie einen Andreas Wolf oder einen Marek Mintal wieder in die Spur bringen?

Hecking: Bei Wolf muss man die Vorgeschichte kennen, er war lange verletzt. Aber er identifiziert sich mit dem Club auch wie kein Zweiter. Ich habe ihm gesagt, er soll sich zunächst nur auf sich selbst konzentrieren und der stabile Kapitän werden, der er vor der Verletzung war. Alles andere soll er ausblenden, dafür bin ich jetzt da.

kicker: Und Mintal?

Hecking: Er war schon ein-, zweimal abgeschrieben und tauchte dann plötzlich wieder auf und traf wieder. Er hat das Fußballspielen ja nicht verlernt, höchstens etwas an Dynamik eingebüßt. Dafür verfügt er über Handlungsschnelligkeit, die jungen Spielern naturgemäß etwas abgeht.

Marek Mintal wird seine Rolle hier findenDieter Hecking üder "das Phantom"

kicker: Wenn Sie eine Doppelsechs mit zwei offensiven Außen spielen lassen, dürfte für ihn aber kein Platz sein.

Hecking: Marek Mintal wird seine Rolle hier finden: Ob als hängende Spitze oder als einer von zwei Sechsern, wenn er einen aggressiven Mann neben sich hat. Oder eben als Zehner hinter den Spitzen. Warum soll ich ihn festlegen? Ich bin auch als Stürmer groß geworden, später habe ich im Mittelfeld gespielt, mit Leipzig hier in Nürnberg sogar mal Innenverteidiger.

kicker: Mit welchem Erfolg?

Hecking: Wir haben fünf Stück bekommen. Sergio Zarate hat gegen mich nach einem Laufduell von der Mittellinie kurz vor dem Strafraum nochmal den Turbo gezündet und drin war der Ball.

kicker: Neben den Routiniers müssen Sie auch Talente wie Diekmeier aus der Krise führen.

Hecking: Es ist doch ganz normal, dass sie mal in ein Loch fallen. Es ist vielleicht das einzige Manko dieses Kaders, dass das Pendel zu sehr in Richtung Jugend ausgeschlagen hat. Ich glaube, dass der erste und entscheidende Fehler bei der Beurteilung des Kaders nach der Relegation gemacht worden ist. Cottbus wurde mit diesem jugendlichen Elan nach einer tollen Rückrunde geschlagen, noch dazu deutlich mit zwei Siegen und 5:0 Toren. Vielleicht hat das zu sehr geblendet.

kicker: Sie haben eingangs die heutige Spielergeneration erwähnt. Wie unterscheidet diese sich von der zu Ihrer aktiven Zeit?

Hecking: Für uns gab es nach der Schule nur eins: Ball auf den Gepäckträger und los. Was anderes gab es nicht. Ich habe fünf Kinder und weiß, dass heute auch andere Interessen da sind. Meine beiden Söhne werden jetzt 16. Für die ist Fußball interessant, aber auch der iPod und der Computer. Die Freizeitgestaltung ist breiter gefächert. Im Profifußball vermischen sich aktuell diese beiden unterschiedlichen Generationen. Das ist schwierig, weil ältere Spieler schon hier und da ein Problem mit den jüngeren haben, die viel lockerer daherkommen. Zum Beispiel ein Andreas Wolf, der von seiner ganzen Einstellung her Fußball als Arbeit begreift. Diese Widersprüche sind da, ich hoffe, dass wir den ein oder anderen Fußballer vom alten Schrot und Korn finden, die helfen jeder Mannschaft.

kicker: Wären Platz 16 für Sie schon ein Erfolg?

Hecking: Je nachdem, wie es läuft, auf jeden Fall. Weil es uns die Möglichkeit gäbe, den Klassenerhalt über die Relegation zu schaffen.

kicker: Ihren Ex-Verein Hannover könnten Sie im dritten Spiel auch noch in den Abstiegskampf ziehen.

Hecking: Darum geht es nicht, auch wenn mich das emotional mehr treffen würde als beispielsweise Bochum. Das Kapitel Hannover war eine sehr, sehr wichtige Erfahrung. An Heilig Abend wollte ich in Hannover über die Straße gehen, ein Busfahrer hat beim Anfahren extra nochmal angehalten und mir alles Gute für Nürnberg gewünscht. Das zeigt mir, dass der Großteil der Fans dort mit meiner Arbeit einverstanden war.

kicker: Konkret: Wen können Sie hinter sich lassen?

Hecking: Hertha wird es sehr schwer haben, dazu kommen die fünf, sechs Teams, die jetzt vor uns stehen.

kicker: Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?

Hecking: Es ist immer wieder schön, Vorurteile zu lesen, frei nach dem Motto: "Da kommt der Polizist". Und das nur, weil ich diesen Beruf gelernt habe. Was daraus abgeleitet wird, ist Quatsch. Ich bin einer, der Fußball lebt, dem Fußball wahnsinnig Spaß macht. Ich habe mir immer gewünscht, nach meiner Spielerkarriere als Trainer so hoch wie möglich zu arbeiten.

kicker: Und was wäre aus dem Polizisten Hecking geworden?

Hecking: Ich habe ja vieles gemacht, auch Kaufmann gelernt und ein abgeschlossenes Sportmanagement-Studium. Wahrscheinlich würde ich aber irgendwo meinen Streifendienst machen und einen unterklassigen Verein trainieren. Das wäre ein anderer Lebensweg gewesen, aber sicher auch kein verkehrter.

kicker: Das neue Jahr ist noch jung. Wie lauten, neben dem Klassenerhalt, Ihre drei Wünsche?

Sprüche wie "Wenn ihr absteigt, schlagen wir Euch tot", können nicht sein.Dieter Hecking

Hecking: Die Gesundheit steht an erster Stelle. Dann, dass ich ausleben kann, was ich vorleben möchte. Ich bin da emotional geprägt durch den Tod von Robert Enke, mit dem ich drei Jahre gearbeitet habe. Man hat doch gemerkt, wie schnell der Alltag wieder eingekehrt ist. Deshalb hoffe ich, dass das Miteinander besser wird. Wir alle in der Bundesliga sind nun einmal Vorbilder für Kinder. Das sollte sich jeder vor Augen führen, wenn er mal einen Jugendlichen stehen lässt, der vielleicht sein letztes Taschengeld gibt, um mit der S-Bahn zu unserem Training fahren zu können. Wir sollten also sehr sensibel miteinander sein. Auch die Fans. Sprüche wie "Wenn ihr absteigt, schlagen wir Euch tot", können nicht sein. Das Schlimme ist, dass es sich dabei um die Generation 15 bis 18 handelt. Das sind für mich naive Kinder, die eine Plattform bekommen, weil die Kamera draufgehalten wird. Das reizt sich weiter, irgendwann gibt es vielleicht den ersten Toten. Das wäre eine Katastrophe für den Fußball. Soweit darf es nicht kommen.

kicker: Und der dritte Wunsch?

Hecking: Dass ich die räumliche Entfernung zu meiner Familie gut meistere.

Interview: Christian Biechele, Frank Linkesch und Klaus Smentek

05.01.10
 
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