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18.11.2009, 10:34

Bremen: Interview mit Werder-Coach Thomas Schaaf

"Das Alibi Diego ist weg"

Mit Werder Bremen ist Thomas Schaaf zurück in der Erfolgsspur. Im kicker-Interview spricht der Coach der Hanseaten über den Umgang mit Robert Enkes Suizid, über die Gründe für Werders Höhenflug, über die physische Belastung seines Teams und über die Ziele in dieser Saison: "Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit groß, wenn alles bei uns so weiterläuft, dass wir um den Titel mitspielen."

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Thomas Schaaf (Werder Bremen)
Weiß um die Schwere des noch anstehenden Programms und will um den Titel mitspielen: Thomas Schaaf.
© imago Zoomansicht

kicker: Sollen wir, können wir überhaupt über Fußball reden?

Schaaf: Sicher, Fußball ist unser Beruf. Wir können doch jetzt nicht sagen, wir legen alles nieder. Das ist keinesfalls eine Missachtung der Trauer, des Respekts. Wir haben gesehen, dass dieser Bereich auch für Robert Enke wichtig gewesen ist, aus dem er viel Kraft gesogen hat.

kicker: Ihre Nationalspieler sind zurück. Wie haben diese gewirkt?

Schaaf: Wir haben uns sofort mit ihnen unterhalten. Sie waren betroffen. Es war für sie wie für uns alle schwer, diese Situation zu begreifen.

kicker: Wie gehen Sie weiter vor?

Schaaf: Wenn einer unserer Spieler das Bedürfnis hat, sich weiter auszutauschen, stehen wir mit allen Möglichkeiten bereit. In einem offenen Gespräch haben wir erklärt, dass jeder auf seine Art trauern kann. Da gibt es eine breite Palette: Der eine will sich zurückziehen, der andere braucht das Training, will sich auspowern, muss die innerliche Wut loswerden.

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Thomas Schaaf

kicker: Depression als Tabuthema?

Schaaf: Unser Beruf besteht daraus, sich zu behaupten, sich durchzusetzen gegenüber anderen. Jede Art Schwäche, die man zeigt, wäre zum Nutzen des Gegners. Unser Bild in der Öffentlichkeit: Wir müssen immer stark sein. Aber das ist nur die sportliche Seite. Wir müssen auch die andere Seite sehen. Und da gibt es auch solche Krankheiten. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, dürfen sie nicht als Makel darstellen.

kicker: Haben Sie begonnen, Ihre Arbeitsweise zu überprüfen?

Schaaf: Solche furchtbaren Ereignisse sensibilisieren uns immer wieder. Wir müssen darauf achten, den zwischenmenschlichen Bereich im Blick zu haben, nicht nur den Sport.

kicker: Denken Sie darüber nach, wie einschneidend sportliche Maßnahmen, die Sie als Verantwortlicher treffen müssen, für manche Spieler sein können? Ich denke an Tosic und Vranjes, die nicht mehr von Ihnen nominiert werden.

Schaaf: Stopp! Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Warum kommt es generell vor, dass ich Spieler nicht nominiere? Weil ich sportliche Leistungen bewerten und Entscheidungen treffen muss. Dafür bin ich hier angestellt. So etwas passiert nicht von heute auf morgen, sondern ist Ergebnis eines längeren Prozesses. Ich muss Spielern aufzeigen, dass mehr von ihnen erwartet wird. Dafür gibt es viele Möglichkeiten, aber das sind alles normale Mechanismen in unserem Beruf. Nichts Unmenschliches.

kicker: Ist der Eindruck richtig, dass Sie nach Vorkommnissen die Zügel straffer angezogen haben?

Schaaf: Nein, wir haben immer Disziplin eingefordert.

kicker: Sie sind also nicht zum harten Hund mutiert?

Schaaf: Meine Art zu arbeiten hat sich nicht verändert.

kicker: Ist die Mannschaft nach den Strapazen der englischen Wochen von Müdigkeit befallen?

Schaaf: Natürlich hatten wir eine hohe Belastung, haben häufig mit dem gleichen Kader agiert. Wir merken die Belastung. Doch wenn ich dies ständig erwähne, wird es nicht besser.

Fußball, Bundesliga: Thomas Schaaf blickt nach oben und schließt den Titel nicht aus.
Große Ziele im Blick: Thomas Schaaf schaut nach oben und schließt den Titel nicht aus.
© imago Zoomansicht

kicker: Also?

Schaaf: Wenn ich mich dagegen wehre, wird es vielleicht besser. Natürlich hatten wir intensive Spiele. Doch in allen Partien haben wir uns bewiesen. Wer war denn in Nürnberg die aktivere Elf zum Schluss? Bitte keine Pauschalurteile: Eine grundsätzliche Müdigkeit würde ich nicht sehen, wenngleich der Einzelne die Belastung spüren kann.

kicker: Es geht noch gegen Wolfsburg, Schalke, HSV...

Schaaf: ...nicht nur gegen die drei. Wir haben noch fünf Spiele, Freiburg und Köln auswärts.

kicker: Kommt nun der Ernstfall gegen die Tabellennachbarn?

Schaaf: Wir bringen allen Klubs Respekt entgegen.

kicker: Ihre Spieler reden schon von Titeln. Ist das nicht zu früh?

Schaaf: Natürlich ist es zu früh. Aber was sollen die Jungen machen, wenn sie ständig gefragt werden. Es wäre doch fatal, wenn sie sagten, wir wollen nicht Meister werden. Doch die Tabelle hat noch keine so große Aussagekraft. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit groß, wenn alles bei uns so weiterläuft, dass wir um den Titel mitspielen.

kicker: Kurz und bündig: Wie haben Sie die Elf auf Vordermann gebracht?

Schaaf: Wir haben immer versucht, unsere optimale Leistung zu bringen. Wichtig ist, dass wir immer unserer Philosophie treu geblieben sind: ein interessantes, offensives Spiel, attraktiven Kombinationsfußball anzubieten. In der letzten Saison war es auffällig, dass wir es dem Gegner zu einfach gemacht haben, gegen uns ein Tor zu erzielen.

kicker: Das klappte damals nicht, heute funktioniert es. Warum?

Schaaf: Einmal durch die individuelle Stärke, aber auch die Konstanz im Team. Wir haben es geschafft, dass die Harmonie besser ist, dass unsere Spielanlage nicht so fixiert ist auf einen oder zwei.

kicker: Hat Per Mertesacker recht, der den Wandel so auf den Punkt bringt: mehr Effizienz statt Spektakel?

Schaaf: Unser Anspruch lautet immer, eine Effektivität zu erlangen. Wenn es dabei noch Spektakel gibt, umso besser.

kicker: Ist es richtig, dass sich die Werder-Elf emanzipiert hat von Diego, dem Dominator?

Schaaf: Natürlich war Diego, was unsere Offensive betrifft, sehr dominant. Wir haben das zugelassen, weil wir uns auf ihn verlassen konnten. Aber mit Frank Baumann hatten wir auch in der Defensive einen, der unser Spiel geprägt hat. Unser Spiel hat sich verändert, na klar. Viele bei uns haben sich auch auf Diego verlassen. Dieses Alibi fällt nun weg. Andere stehen in der Verantwortung.

kicker: Wäre die neue Harmonie mit einem Diego möglich?

Schaaf: Sicherlich.

kicker: Sie konnte aber nicht hergestellt werden . . .

Schaaf: . . . weil die Elf vielleicht noch nicht so weit war.

kicker: Wie gelingt es Bremen immer wieder, gestärkt aus dem Prozess herauszukommen, wenn große Spieler den Klub verlassen?

Schaaf: Ich weiß nicht, ob wir immer gestärkt daraus hervorgehen. Doch entscheidend ist, dass wir unsere Art und Weise beibehalten, hohe Maßstäbe anlegen und auch Qualität anbieten.

kicker: Philipp Lahm hat die fehlende Spielphilosophie bei Bayern angeprangert. Wovon ist diese abhängig, vom Klub oder vom Trainer?

Schaaf: Wir haben damals diesen Weg gewählt, gemeinsam Klaus Allofs und ich als Trainer. Unsere Denkweise war und ist identisch.

kicker: Die Welt am Sonntag schrieb von der "Lach- und Schießgesellschaft". Wer macht Ihnen am meisten Spaß? Özil? Hunt? Marin?

Schaaf: Da gehören noch mehr dazu.

Werder
Werder "Lach- und Schießgesellschaft" mit Özil, Hunt, Marin und Pizarro.
© imago

kicker: "Werder Deutschland" - kommt es zu einer Blockbildung in der Nationalelf?

Schaaf: Das ist nicht mein Ding, dies zu entscheiden. Dafür haben wir einen Nationaltrainer. Generell: Werder ist für die Löw-Elf interessant. Wir laufen zeitweise mit neun Deutschen auf.

kicker: Trauen Sie auch Fritz und Borowski ein Comeback zu?

Schaaf: Prinzipiell ja.

kicker: Was machen die Vertragsverhandlungen mit Ihnen?

Schaaf: Es gibt nichts Neues.

kicker: Sie eröffnen damit neue Spekulation. Bei Bayern München ist der Trainerposten...

Schaaf: ...mit van Gaal besetzt.

kicker: Noch.

Schaaf: Bleibt auch, ihr braucht euch keine Gedanken zu machen.

kicker: Zuletzt hieß es, Wolfsburg und Hamburg hätten Interesse an Ihnen. Sehr konkret?

Schaaf: Das will ich nicht beantworten. Es gab über die ganze Jahre schon Interesse an meiner Person, aber ich bin nicht derjenige, der dies publiziert.

kicker: Wie einst bei Otto Rehhagel: Auch von Ihnen heißt es mehr und mehr, Sie könnten nur Bremen trainieren. Ist das nur eine Stammtischparole?

Schaaf: Wenn einer mit Werder Erfolg hat, so kann das kein Fehler sein.

Interview: Hans-Günter Klemm

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