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06.11.2000, 10:54

Interview mit Kaiserslauterns Vorstandsvorsitzenden Jürgen Friedrich

"Basler hat's noch nicht kapiert!"

kicker: Das Trainer-Gespann Brehme/Stumpf hat der kicker unlängst als derzeitigen "Glücksfall" für den 1. FC Kaiserslautern bezeichnet. Herr Friedrich, das werden Sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen.

Jürgen Friedrich: Es gibt Zeiten, die sind gut, und man beendet sie irgendwann. Wir hatten in den letzten vier Jahren eine ganz hervorragende Zeit beim 1. FC Kaiserslautern mit Otto Rehhagel. Wir haben das in einer sehr intensiven Form betrieben, und mit aller Bescheidenheit auch sehr erfolgreich.

kicker: Aber vor wenigen Wochen haben sie sich getrennt.

Friedrich: Das musste sein, und wir haben die Trennung auf unsere Art und Weise vollzogen. Da sind wir ein klein wenig stolz drauf. Jetzt haben wir eine neue Zeit.

kicker: Wieso ist bei der Suche des Nachfolgers die Wahl auf Andreas Brehme gefallen?

Friedrich: Wir hatten erst das Thema Otto Rehhagel beendet und vorher mit keinem einzigen anderen auch nur ansatzweise Kontakte geknüpft, weil das fast schon persönlicher Verrat gewesen wäre. Als wir den ganzen Markt sondiert und abgeklopft hatten, habe ich den Vorschlag gemacht: Lasst uns den Generations-Sprung vollziehen, von einem 62-jährigen Otto Rehhagel zu einer Kombination 39/40, damit wir auch mal wieder andere Möglichkeiten haben und zukunftsorienterter arbeiten können.

kicker: Und da bot sich die Lösung Andreas Brehme an?

Friedrich: Ja, er ist erwachsen geworden. Er war immer ein lockerer Typ. Das war auch in Ordnung, aber wenn man so eine Arbeit übernimmt, muss man konsequent sein und eine andere Arbeitsweise praktizieren. Ich habe bei unseren Gesprächen, auch mit seiner Frau Pilar gleich feststellen können, dass da gereiftere Leute saßen. Mit Brehme alleine hätten wir das aber nicht getan, aber wir haben ja beide, ihn und Reinhard Stumpf.

kicker: Warum hätten Sie es mit Brehme alleine nicht gemacht?

Friedrich: Weil die Anforderungen heute so groß sind, dass das einer alleine, der in diesem Job noch unbeleckt ist, nicht schaffen kann. Alleine der Fernsehvertrag. Mit diesem 750-Millionen-Paket haben wir ja fast unsere Seele verkauft. Ein Trainer ist ja alleine schon durch die Medien rund um die Uhr gefordert.

kicker: Was ist der große Unterschied zwischen den Modellen Rehhagel/Stumpf und Brehme/ Stumpf?

Friedrich: Wir hatten einen der erfolgreichsten Trainer der deutschen Vereinsgeschichte, der mit seinem Stab gearbeitet hat und das praktizierte, was eigentlich alle erfolgreichen Bundesliga-Trainer machen, nämlich seinen Weg zu verfolgen, der erfolgreich war. Jetzt haben wir eine neue Art der Arbeit. Die Aufstellung erfolgt in klarer Absprache zwischen Brehme und Stumpf.

kicker: Wie sind die Kompetenzen geregelt?

Friedrich: Andreas ist der Sprecher des Trainerstabes, Reinhard Stumpf betreibt ganz klar die Trainingsarbeit, erstellt die Trainingspläne während der Vorbereitungszeit, während der Runde und in der Winterpause. Alles in Absprache mit Andreas Brehme. Wir haben zwei gleichberechtigte Leute mit verschiedenen Arbeitsgebieten.

kicker: Was ist bei Meinungs-Verschiedenheiten - es gibt schließlich Trainer mit unterschiedlichen Auffassungen?

Friedrich: Ich gehe davon aus, dass wir keine Miss-Stimmung bekommen. Aber im Zweifelsfall wird der Team-Manager Andreas Brehme das letzte Wort haben.

kicker: Ist dies das Trainer-Modell der Zukunft?

Friedrich: Ich könnte mir vorstellen, dass dies dem Anforderungsprofil der Neuzeit entspricht.

kicker: Beide hatten einen Super-Einstand. Da drängt sich die Frage auf, ob die Mannschaft zuvor vielleicht bewusst einen Gang zurückgeschaltet hat?

Friedrich: Das ist für mich als Sportler unmöglich! Das gibt's nirgends, dass man einen Champions- League-Platz erreichen könnte und ihn so salopp weggeben würde.

kicker: War vielleicht die Spannung unter Otto Rehhagel nicht mehr da?

Friedrich: Das passiert bei vielen Arbeitsgemeinschaften, dass einfach die Normalität einkehrt und dann auch hingenommen wird. Da müssen wir vielleicht in Zukunft aufmerksamer sein.

kicker: Es kamen Zweifel an der Berufsauffassung der Spieler auf.

Friedrich: Deutsche Fußballer leben in einem Schlaraffenland! Woanders herrscht Disziplin und Ordnung. Hier darf jeder alles sagen. Die Relationen haben sich verschoben: Unter einer Million fängt kein Ersatzspieler an zu diskutieren.

kicker: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Spielervermittler?

Friedrich: Der will mit seiner Arbeit nur seiner Kasse gerecht werden. Ich will sie nicht alle über einen Kamm scheren, aber wir müssen unsere Schlafmützigkeit ablegen und endlich Beträge festsetzen, was ein Vermittler bei einem Transfer verdienen darf. Aber die FIFA greift nicht ein. Und es gibt auf unserer Welt ja nur zwei Gesetze: die der FIFA und des katholischen Glaubens . . .

kicker: Aber nicht nur Spieler und Vermittler tragen die Schuld.

Friedrich: Stimmt, wir tragen alle Schuld an dieser Entwicklung. Aber wir müssen noch in der Lage sein, eingreifen zu können. Die Spieler müssen eine absolut professionelle Einstellung haben, denn es geht für alle Vereine um brutal viel Geld. Ich denke, das haben viele inzwischen auch verstanden.

kicker: Auch Mario Basler?

Friedrich: Nein, Basler hat's noch nicht kapiert!

kicker: Das bedeutet konkret?

Friedrich: Um es klar zu sagen: Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Aber der entscheidende Tick fehlt ihm. Nur mit aller Konsequenz und Freude an seinem Beruf kann er die letzten Jahre als Fußballer noch durchziehen. Was bringt es ihm denn, zwei Tage zur Reha nach Düsseldorf zu fahren? Nichts! Er sollte lieber in seinem gewohnten Umfeld bleiben.

Aber: Ich mag Spieler, die was Außergewöhnliches auf dem Platz machen. Besonders Mario.

kicker: Fiel Ihnen die Trennung von Ihrem Freund Otto Rehhagel besonders schwer?

Friedrich: Natürlich. Aber unsere Freundschaft hat darunter nicht gelitten. Wegen der ganzen äußeren Umstände wollte Rehhagel schon nach dem ersten Spieltag (0:1 gegen Bochum, d. Red.) hinschmeißen. Da konnte ich ihn noch davon abhalten. Aber mit der Zeit wurde es immer schlimmer, was da auf ihn einprasselte. Es geht - trotz der ganzen Summen - auch darum, Anstand und Würde in unserem Geschäft zu bewahren. Und wenn das nicht mehr möglich ist, muss man sich verabschieden.

kicker: Wie geht es ihm jetzt?

Friedrich: Gut. Und ich hoffe, dass er irgendwo bald wieder Trainer sein wird. Er ist schließlich topfit und kein Tattergreis.

kicker: Was trauen Sie dem FCK in dieser Saison zu?

Friedrich: Wir haben das Potenzial, um unter die ersten Sechs zu kommen. Es ist fast ein Witz, dass wir mit nicht einmal 100 000 Einwohnern einer der erfolgreichsten Vereine der 90er Jahre waren. Das mussten wir uns hart erarbeiten. Es hat doch nichts mehr mit Sport zu tun, wenn wir nicht mal Achter oder Zehnter werden dürfen.

kicker: Was ist, wenn Sie jemand ablösen wollte?

Friedrich: Wenn bei unserer Mitgliederversammlung am 14. 11. ein oder zwei Leute aufstehen, die garantieren, dass der FCK immer Erster oder Zweiter wird, packe ich mein Bündel und gehe. Jeder kann seine Stimme erheben, aber keine Seifenblasen von sich geben. Wer konkret Strukturen verändern oder verbessern kann, soll ans Mikrofon treten.

kicker: Wird der FCK auch an die Börse gehen?

Friedrich: Nicht, so lange meine Kollegen und ich das Sagen haben. Man verkauft sich und kann es nicht zurück holen. Ich habe da so meine Bedenken.

kicker: Sehen Sie sich als Klassenkämpfer für die Marke Bundesliga?

Friedrich: Ja, denn sie ist erhaltenswert. Das Produkt ist wichtig. Ich nehme mich selbst nicht wichtig.

kicker: Zum Thema Daum: Glauben Sie, dass Uli Hoeneß den richtigen Weg wählte, als er mit seinen Bedenken an die Öffentlichkeit ging?

Friedrich: Nein. Das habe ich ihm auch gesagt. Wie gehen wir miteinander um? Man darf niemanden treten, der am Boden liegt. Wir lassen es zu, dass unsere Marke Bundesliga angeschossen wird. Aus der Geschichte um Daum müssen wir lernen. Wir rutschen in eine Unterhaltungsbranche auf tiefstem Niveau.

kicker: Wie verlief die letzte Sitzung der Task Force in Frankfurt?

Friedrich: Da ging es richtig und schön rund. Keiner durfte raus, weil abgeschlossen war. Wir haben uns die Meinung gesagt, hinterher waren sich alle einig und befreit.

kicker: Was genau ist die Rolle der Task Force?

Friedrich: Wir sind eine temporäre, begleitende Einrichtung. Die Entscheidungen trifft der DFB. Der Einfluss der Task Force wird überschätzt.

kicker: Jürgen Möllemann hat die Task Force als "Kungelrunde" bezeichnet.

Friedrich: Der ist ein Politiker, der wie ein Erdhörnchen alle fünf Jahre auftaucht. Der ist ein Außerirdischer, der in das Geschäft drängt, populistisch redet, aber keine Ahnung hat.

kicker: Rostocks Präsident Eckhardt Rehberg beklagte, dass nicht alle Klubs in die Task Force einbezogen wurden.

Friedrich: Herr Rehberg ist ein netter Mann, auch ein Politiker. Bei uns sind nur Leute, die im Fußball groß geworden sind: Die Hoeneß-Brüder, Allofs, Assauer, Hieronymus, ich selbst - in diesem Gremium muss Herr Rehberg nicht sitzen. Aber wenn er unbedingt will, kann er meinen Posten einnehmen.

kicker: Franz Beckenbauer hat durch seine Äußerungen auch viel zum Wirbel in der Sache beigetragen.

Friedrich: Franz hat die Berechtigung, etwas zu sagen. Er ist eben in vielen verschiedenen Positionen. Das wundert mich, denn normalerweise sind alle Fußballer Faulenzer - ich auch. Er kommt manchmal mit dem ganzen Kram selber nicht zurecht, weiß zwei Minuten nach seiner Antwort nicht, wie die Frage lautete. Aber er tut ja niemandem weh.

kicker: Wer soll Ihrer Ansicht nach Bundestrainer werden?

Friedrich: Ich bin für die Kombination Völler/Skibbe, mindestens bis zur WM 2002. Aber wenn Bayer "Nein" sagt, geht es nicht.

kicker: Soll Gerhard Mayer-Vorfelder DFB-Präsident werden?

Friedrich: Er ist der beste Kandidat, weil er jahrzehntelang in diesen Strukturen gearbeitet hat.

kicker: Wie halten Sie von den zerrissenen Bundesliga-Spieltagen?

Friedrich: Gar nichts! Als Fußball-Fan werde ich bei den nächsten Gesprächen dafür plädieren, die Sache wieder zurückzuschrauben.

kicker: Herr Friedrich, verraten Sie uns noch eines: Wie sind Sie zu Ihrem Spitznamen "Atze" gekommen?

Friedrich: Ursprünglich bin ich Dresdner, bin irgendwann als Junge nach Berlin gezogen. Ich habe einen großen Bruder, und als kleiner Bruder bekommt man in Berlin automatisch den Namen "Atze" verpasst.

Aufgezeichnet von Johann Strotkötter und Thomas Böker

Jürgen Friedrich

Geboren am 11. 11. 1943 in Dresden, erlernter Beruf: Großhandelskaufmann.

Sportlich: Spielte von 1953 bis 30. 6. 1968 bei Eintr. Frankfurt, vom 1. 7. 1968 bis 30. 6. 1974 beim 1. FC Kaiserslautern. 236 Bundesligaspiele (38Tore) für die Eintracht (78/12) und Lautern (158/26), 1 Juniorenländerspiel.

Weitere Stationen: Vom 8. 3. 1977 bis 31. 8. 1981 und von 1985 bis Mai 1988 Präsident des 1. FC Kaiserslautern, vom 27. 9. 1988 bis 17. 6. 1989 Manager bei Eintr. Frankfurt, von 1996 bis Dez. 1998 im Aufsichtsrat und seit Dez. 1998 Vorstandsvorsitzender vom 1. FC Kaiserslautern.

Privates: Verheiratet, zwei Söhne.

 

kicker

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