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03.08.2012, 12:08

1969/70 - Mönchengladbach wird erstmals Meister

Rausch: "Meine Hose war plötzlich blutdurchtränkt"

Es ist die Geschichte eines Derbys. Nicht irgendeines Derbys. Das Derby aus dem Pott. Wenn Schalke 04 auf Borussia Dortmund trifft, ist Hochspannung und gesteigerter Adrenalinspiegel garantiert. Angeblich ist ein Derbysieg mindestens so viel wert wie die Deutsche Meisterschaft. Als die Bundesliga 1969 noch jung ist, duellieren sich die beiden Gründungsmitglieder im Hinspiel in der Dortmunder Kampfbahn "Rote Erde". Ein unvergessliches Revierderby für den Schalker Abwehrspieler Friedel Rausch, das in die Geschichte eingeht.

Zur falschen Zeit am falschen Ort: Schalkes Friedel Rausch (Mitte) wird von einem Schäferhund gebissen.
Zur falschen Zeit am falschen Ort: Schalkes Friedel Rausch (Mitte) wird von einem Schäferhund gebissen.
© HorstmüllerZoomansicht

Seit sieben Jahren spielt Friedel Rausch in königsblau. 1962 kommt der gebürtige Duisburger vom Meidericher SV als 22-Jähriger nach Schalke. Die "Knappen" spielen in der Oberliga West und qualifizieren sich in dieser Saison als Sechster für die neu geschaffene Bundesliga, die ein Jahr später eingeführt wird. Der ewige Rivale aus Dortmund steht vor S04 in der Tabelle. Als Zweiter der Oberliga West qualifiziert sich die Borussia 1963 für die Endrunde der deutschen Meisterschaft und gewinnt im Endspiel gegen den 1. FC Köln in Stuttgart 3:1. Als amtierender Deutscher Meister ist Dortmund ein großer Favorit auf den Titel in der neu eingeführten Bundesliga.

Dortmund steht in den Anfangsjahren der Bundesliga immer über Schalke am Ende der Spielzeit. Nur 1969 entgeht Schwarz-Gelb knapp dem Abstieg als Drittletzter, während Königsblau als Siebter die bislang beste Saison spielt. Die Rangordnung im Ruhrgebiet ist - zumindest nach Schalker Sicht - wieder hergestellt.

Keine Sportverletzung: Friedel Rausch wird auf dem Spielfeld nach dem Hundebiss verarztet.
Keine Sportverletzung: Friedel Rausch wird auf dem Spielfeld nach dem Hundebiss verarztet.
© picture alliance

Denn in Gelsenkirchen hat man schon Meisterschaften gefeiert, da war der Nachbar, dessen Namen man auf Schalke nicht mal aussprechen mag, noch eine Randnotiz: Zwischen 1933 und 1942 zieht S04 neunmal ins deutsche Finale ein, sechsmal gewinnen sie den Titel. 1934, Schalke erstmals Meister in der Gauliga Westfalen, Dortmund Sechster in der Bezirksklasse, kehrt der Meistertross mit dem D-Zug aus Berlin nach dem 2:1 gewonnen Finale gegen den 1. FC Nürnberg zurück. Das Deutsche Reich feiert den wegen seiner flotten Kurzpässe genannten "Schalker Kreisel". Die machen in ihrer Triumphfahrt Halt in Dortmund, um sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen. Kein Problem, stellt der ortsansässige Verein (noch) keine ernstzunehmende Konkurrenz dar.

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Derby "Lüdenscheid-Nord" gegen "Herne-West"

1969 also, Dortmund hat längst durch seine gute Jugendarbeit zum ewigen Rivalen aufgeholt, stehen sie sich wieder mal gegenüber. Die Bundesliga ist ein hartes Brot. Im Sommer 1969 steigt mit dem 1. FC Nürnberg erstmals der amtierende Deutsche Meister ab. Bayern München mausert sich zur Spitzenmannschaft neben Mönchengladbach. An Meisterschaft denkt auf Schalke und in Dortmund niemand. Bleiben die hitzigen Derbys. 6. September, S04 nach drei Spieltagen (4:2 Punkte) besser aus den Startlöchern gekommen als "Lüdenscheid-Nord", wie sie ihren Konkurrenten beschimpfen, die 2:4 Zähler ihr Eigen nennen. Hansi Pirkner bringt in der 37. Minute die Gäste aus "Herne-West", wie die Schalker liebevoll von Dortmund betitelt werden, in Führung.

Bilder zur Saison 1969/70
Tierisch: Fohlen-Premiere, Hunde-Schock und Löwen-Hosen
Borussia Mönchengladbach
"Fohlenelf"

Mit Namen wie Günter Netzer (li.) und Berti Vogts (re.) stürmt die Gladbacher "Fohlenelf", trainiert von Hennes Weisweiler, an die Tabellenspitze der Bundesliga.
© imago

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Von den 39.200 Zuschauern, die im völlig überfüllten Stadion zusammendrängen, stürmen freudetrunken einige Schalker Fans nach der Führung von der Seitenlinie aufs Spielfeld. Die überforderten Dortmunder Ordner eilen mit ihren angeleinten Hunden zu Hilfe. Die Schäferhunde interessieren sich aber mehr für die Männer in den blauen Trikots, als für herumrennende Fans. Zur falschen Zeit am falschen Ort steht Schalkes Abwehrspieler Friedel Rausch, als ihn ein Schäferhund herzhaft in den Hintern beißt. Mit einem lauten Aufschrei kann sich Rausch lösen: "Meine Hose war plötzlich blutdurchtränkt." Auch Teamkollege Gerd Neuser wird Opfer einer Bissattacke: Ihn trifft es am linken Oberschenkel.

Während Neuser wegen Lähmungserscheinungen im Bein eine Viertelstunde vor Schluss ausgewechselt werden muss, steht der beinharte Verteidiger Rausch das ganze Spiel durch. Mit "tierischen Schmerzen" wird er vom Platz getragen, kommt aber nach einer Tetanusspritze wieder zurück: "Ich wollte unbedingt weitermachen." Die Partie endet 1:1 (Werner Weist gleicht in der 76. Minute aus), und Rausch muss mit einer sechs Zentimeter langen Narbe drei Wochen auf dem Bauch schlafen.

Wenn ich damals spazieren ging, habe ich an jeder zweiten Ecke ein 'Wauwau' gehört.Freidel Rausch

Einige hundert Mark zahlt Borussia Dortmund Schmerzensgeld, und Friedel Rausch wird fortan überall auf der Straße erkannt. "Wenn ich damals spazieren ging, habe ich an jeder zweiten Ecke ein 'Wauwau' gehört." Er nimmt es mit Humor, wie er kurz nach dem Spiel im Aktuellen Sportstudio beweist. Auf die Frage von Moderator Dieter Kürten, was gewesen wäre, wenn ihn der Hunde von vorne gebissen hätte, antwortet Rausch schlagfertig: "Dann hätte das Tier all seine Zähne verloren."

Der Torschützenkönig

1967 teilt sich Gerd Müller als 21-Jähriger noch die Torjägerkrone mit dem Dortmunder Lothar Emmerich. 1969 schießt der Bomber mit 30 Treffern die Bayern zu ihrer ersten Meisterschaft. Und jetzt kommt er richtig in Fahrt: 38-mal trifft Müller ein Jahr später - so oft wie kein Spieler zuvor. Den Rekord hat bis dato Lothar Emmerich inne (31 Tore, 1966). Die Bayern jagen den gegnerischen Torhütern mit 88 Treffern mächtig Respekt ein. Zur Titelverteidigung reicht es allerdings nicht.

Was sonst noch geschah

Jedes Jahr schiebt sich ein anderes Team an die Spitze der noch immer neuen Liga. 1969 wird der FC Bayern München erstmals Deutscher Meister, um 1970 von Borussia Mönchengladbach abgelöst zu werden. Hennes Weisweiler hievt die "Fohlenelf" an die Spitze des deutschen Fußballs. Für Abwehrspezialist Berti Vogts ist es "die schönste Saison meiner Karriere". Versüßt wird der erste Titelgewinn der Gladbacher mit 10.000 Mark Meister-Prämie, wie sich Vogts erinnert. Ein warmer Regen für ihn, der 1800 Mark Monatsgehalt bekommt.

Nach dem Aufstieg 1968 drängt die Berliner Hertha nach vorne. 1970 schließt die Mannschaft von Trainer Helmut "Fiffi" Kronsbein die Saison als Dritter hinter Gladbach und Bayern ab. Einen Rekord bis heute stellt die "alte Dame" am sechsten Spieltag auf: Ins Olympiastadion strömen 88.075 Zuschauer. Hertha gewinnt durch ein Kopfballtor von Wolfgang Gayer 1:0 gegen den 1. FC Köln. Weniger gut läuft es für Alemannia Aachen und den TSV 1860 München. Aachen, Vorjahres-Zweiter, steigt als Letzter ab, 60 München, der Meister von 1966, hält sich ebenfalls nicht im verflixten siebten Jahr in der Bundesliga.

Video zum Thema
Saison 1969/70- 28.06., 11:09 Uhr
Müller trifft, Rausch wird gebissen, Netzer feiert
Die Saison 1969/70 bringt den ersten Meistertitel der Gladbacher Borussia mit sich. Unter Hennes Weisweiler ("echte Arbeit und Zusammenhalt") sind die Fohlen nicht zu stoppen, auch vom FC Bayern nicht. Mit Udo Lattek für Branko Zebec erreichen die Münchner um Goalgetter Müller (38 Tore) noch Rang zwei. Friedel Rausch erlebt ein unvergessliches Spiel inklusive Biss ins Hinterteil. Die Highlights der Saison 1969/70.
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03.08.12
 
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zum Thema

1. Bundesliga - Tabelle

Pl. VereinTorePkte.
1Bor. Mönchengladbach71:2951:17
 
2Bayern München88:3747:21
 
3Hertha BSC67:4145:23
 
41. FC Köln83:3843:25
 
5Borussia Dortmund60:6736:32
 
6Hamburger SV57:5435:33
 
7VfB Stuttgart59:6235:33
 
8Eintracht Frankfurt54:5434:34
 
9FC Schalke 0443:5434:34
 
101. FC Kaiserslautern44:5532:36
 
11Werder Bremen38:4731:37
 
12Rot-Weiss Essen41:5431:37
 
13Hannover 9649:6130:38
 
14Rot-Weiß Oberhausen50:6229:39
 
15MSV Duisburg35:4829:39
 
16Eintracht Braunschweig40:4928:40
 
171860 München41:5625:43
 
18Alemannia Aachen31:8317:51
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