Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
Nicht registriert?

03.08.2012, 12:08

1979/80 - "Mensch, kann dieser Scheißverein jetzt feiern!"

Rummelfliege und das Pal-System

Eine neue Ära bricht an. Bei den Bayern verlässt der alternde Stürmerstar Gerd Müller seinen FCB, Torwart-Legende Sepp Maier muss auf die Bank. Dieter Hoeneß wird aus Stuttgart an die Isar geholt, und ein 18-jähriger Mittelfranke namens Lothar Matthäus unterschreibt in Gladbach seinen ersten Profivertrag. Bayer Leverkusen betritt erstmals die große Bundesliga-Bühne - und verlässt sie fortan nicht mehr.

Meister mit dem Pal-System: Die Münchner Dieter Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Kapitän Paul Breitner und Klaus Augenthaler (v.l.).
Meister mit dem Pal-System: Die Münchner Dieter Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Kapitän Paul Breitner und Klaus Augenthaler (v.l.).
© picture allianceZoomansicht

Seit einem halben Jahr gibt Pal Csernai die Richtung bei den Bayern vor. Und plötzlich weht ein anderer Wind durch die Säbener Straße: Der ungarische Trainer wagt die Verjüngung einer alternden Bayern-Mannschaft. Bereits in der Winterpause der Saison 1978/79 verabschiedet sich der 34-jährige Bomber Gerd Müller Richtung USA zu den Fort Lauderdale Strikers. Der gleichaltrige Franz Beckenbauer steht bereits seit zwei Jahren bei Cosmos New York in Lohn und Brot. Für den 31-jährigen Georg "Katsche" Schwarzenbeck wird die Luft ebenfalls dünn. Die Bayern machen die Fenster auf und lassen frischen Wind herein: Neuer Präsident, neuer Manager, (fast) neuer Trainer, neue Spieler. Am Ende werden sie Meister.

- Anzeige -

"Rummelfliege" nennt ihn Franz Beckenbauer. Den Jungen aus Lippstadt, der es in der Jugend schwer hatte, weil er zu klein war. Fünf Jahre spielt Karl-Heinz Rummenigge jetzt bei den Bayern. Anfangs noch im Schatten des übermächtigen Stürmers Gerd Müller. Jetzt, als der Bomber die Bayern im Streit verlassen hat, ist der Weg frei für Rummenigge. Nicht nur ihn fördert und fordert der Trainer. Pal Csernai, Seidenschal am Hals, arrogant und hochnäsig wirkend, wird von seinem Vorbild Gyula Lorant inspiriert. Der Ungar führte vor Ernst Happel die "Raumdeckung" in der Bundesliga ein. Sein ehemaliger Assistent Csernai setzt dies bei den Bayern um. Das Pal-System wird den Münchner Stars auferlegt. Wenig Platz für Individualisten: Csernai denkt, Breitner lenkt - es funktioniert.

Breitner wird Csernais verlängerter Arm

Längst war die Verjüngung der Münchner Bayern überfällig geworden. Csernai setzt seinen Willen durch mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit und Einfühlungsvermögen. Walter Junghans ersetzt Publikumsliebling Sepp Maier im Tor, der nach einem schweren Autounfall seine Karriere fortsetzen will. Libero Georg "Katsche" Schwarzenbeck reißt sich im zweiten Saisonspiel die Achillessehne. Hans Weiner lässt als neuer Libero den Ausfall des 74er Weltmeisters vergessen machen. Paul Breitner wird der verlängerte Arm des Trainers, der den verunsicherten Stürmer Rummenigge wieder aufrichtet: Rummenigge wird von jeglicher Defensivarbeit entbunden, um sich ganz aufs Toreschießen konzentrieren zu können.

Dennoch gibt es atmosphärische Störungen. Uli Hoeneß, der beim 1. FC Nürnberg seine Karriere als 27-Jähriger verletzungsbedingt beenden muss, wird neuer Manager. Einer seiner ersten Transfers für die neue Saison 1979/80 ist der seines Bruders Dieter vom VfB Stuttgart. Für eine Festsumme kommt der nach München: "Es wurde gemunkelt, dass ich zum Spitzenverdiener avancierte", ärgert sich Dieter später. Sein Bruder ist zum Zeitpunkt der Unterschrift aber noch gar nicht Manager. "Die Gehaltsverhandlungen mit meinem Bruder führte der damalige Präsident Neudecker", nimmt Uli sich aus der Schusslinie. Und außerdem war "die Offerte von Gladbach finanziell sogar lukrativer", so der Neu-Bayer Dieter Hoeneß.

Bilder zur Saison 1979/80
Maiers letzte & Lothars erste Bundesligaschritte
Uli Hoeneß und Pal Csernai
Uli auf der Bank

Karriereende mit 27! Uli Hoeneß (li.) sitzt ab der Spielzeit 1979/80 als Manager auf der Bayern-Bank. Neben ihm FCB-Coach Pal Csernai.
© imago

vorheriges Bild nächstes Bild

Es dauert, bis das "Pal-System" greift. Der selbst ernannte Favorit hat nach zehn Spieltagen vier Punkte Rückstand auf den Tabellenführer Borussia Dortmund. Bei der 1:2-Niederlage gegen den 1. FC Köln ist vor allem Nationalstürmer "Kalle" Rummenigge der große Verlierer: Chance um Chance, doch der Bayern-Stürmer versiebt zu überhastet. Kritik wird laut, doch Csernais neu formierte Mannschaft lässt sich nicht beirren. Mit einem bärenstarken Zwischenspurt und 13:1 Punkten stürmen die Bayern an die Spitze und sichern sich die Herbstmeisterschaft. Am Ende werden sie zwei Punkte vor dem HSV Meister. Nach sechs Jahren ohne Titelgewinn in der Liga weckt dies die Lebensgeister von Paul Breitner: "Mensch, kann dieser Scheißverein jetzt feiern!"

Matthäus' Stern geht auf

Am Gladbacher Bökelberg startet zum Saisonstart der 18-jährige Lothar Herbert Matthäus seine Profikarriere. Vom mittelfränkischen Landesligisten FC Herzogenaurach zieht es den Fußball-Arbeiter aus der Schuhstadt in die Profi-Welt. "Ich habe zwei Koffer in meinen grünen Golf geworfen und bin nach Mönchengladbach gefahren." Wohl unvergessen sind die ersten Schritte für Lothar Matthäus im harten Profigeschäft, in dem er anfangs "ziemlich schüchtern" war, "und plötzlich spielst du mit all den Stars zusammen, von denen du als Kind Poster im Zimmer hängen hattest". Er kämpft sich in die Stamm-Elf und schafft ein Jahr später gar den Sprung in den Kader der Nationalmannschaft. Der Beginn einer langen und überaus erfolgreichen Profi-Karriere.

Der Torschützenkönig

Das Jahr des 24-jährigen Karl-Heinz Rummenigge! Nach 26 Toren erstmals bester Torschütze der Bundesliga. Dazu der Fußballer des Jahres geworden, den Europameister-Titel in der Nationalmannschaft eingefahren und dabei auch noch zum besten Spieler der EM gewählt. Das Nachsehen in der Torjägerliste hat Horst Hrubesch (21) mit seinem HSV. Der Vorjahres-Meister kann sich trotz Querelen mit seinem Trainer Branko Zebec auf den zweiten Platz schießen. Offensichtliche Alkoholprobleme (gegen Borussia Dortmund sitzt er mit 3,25 Promille auf der Bank) lassen den fachlich geschätzten Übungsleiter schwer an Autorität in der Mannschaft verlieren.

Was sonst noch geschah

Ein Auf und Ab des 1. FC Nürnberg: 1978 Aufstieg, 1979 Abstieg, 1980 Aufstieg. Nicht abgestiegen sind die drei Neulinge Bayer Leverkusen, 1860 München und Bayer Uerdingen. Erstmals in der Bundesliga-Historie steigt keiner der drei Aufsteiger direkt wieder ab. Es erwischt stattdessen Eintracht Braunschweig, Werder Bremen und Hertha BSC. Abschied nehmen heißt es auch für einige Persönlichkeiten: Die 74er Weltmeister Jürgen Grabowski, Georg Schwarzenbeck und Sepp Maier beenden ihrer Karrieren, Kevin Keegan verlässt den HSV Richtung Southampton, Trainer-Ikone Hennes Weisweiler geht in die USA zum Beckenbauer-Klub Cosmos New York.

03.08.12
 
- Anzeige -
Seite versenden
zum Thema

1. Bundesliga - Tabelle

Pl. VereinTorePkte.
1Bayern München84:3350:18
 
2Hamburger SV86:3548:20
 
31. FC Kaiserslautern75:5341:27
 
 VfB Stuttgart75:5341:27
 
51. FC Köln72:5537:31
 
6Borussia Dortmund64:5636:32
 
7Bor. Mönchengladbach61:6036:32
 
8FC Schalke 0440:5133:35
 
9Eintracht Frankfurt65:6132:36
 
10VfL Bochum41:4432:36
 
11Fortuna Düsseldorf62:7232:36
 
12Bayer 04 Leverkusen45:6132:36
 
131860 München42:5330:38
 
14MSV Duisburg43:5729:39
 
15Bayer 05 Uerdingen43:6129:39
 
16Hertha BSC41:6129:39
 
17Werder Bremen52:9325:43
 
18Eintracht Braunschweig32:6420:48
- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

- Anzeige -