Teamchef Franz Beckenbauer konstatiert: "Diese neue Fußball-Begeisterung, die jetzt wieder in Deutschland herrscht, dies sind die wichtigsten Ergebnisse meiner Arbeit."
Was mit dem dritten Weltmeistertitel im römischen Stadio Olimpico am 8. Juli 1990 endet, findet am 20. September 1989 einen denkwürdigen, unfassbaren Start in die Saison. Bundesliga-Dino HSV empfängt im Nord-Derby Werder Bremen. Der Vorjahres-Vierte gegen den Vorjahres-Dritten. Ein Duell auf Augenhöhe um die Vorherrschaft im Norden der Republik. Ditmar Jakobs, 36-jähriger Vorstopper der Hamburger, der sich scherzhaft "schon immer als Sprinter" bezeichnet, will in einer Rettungstat den Ball von der Linie kratzen. Im Hamburger Volksparkstadion sind die Netze noch mit Karabinerhaken befestigt. Jakobs fliegt mit voller Wucht ins Netz.
Ein defekter Karabiner bohrt sich in den Rücken des Nationalspielers. 20 quälend lange Minuten ("Ich hatte überhaupt keine Schmerzen") dauert es, dann schneidet ihn der Mannschaftsarzt mit einem Skalpell frei. "Nach einem halben Jahr war mir bewusst, dass es nicht mehr weitergeht, da Nervenbahnen durchtrennt waren", blickt Jakobs später nüchtern zurück. Nach 493 Bundesliga-Spielen endet die Karriere abrupt. "Zwei Jahre zuvor hatte ich noch Pläne, ins Ausland zu wechseln."
Von sich reden macht indes noch eine weitere Mannschaft: Eintracht Frankfurt, die launische Diva vom Main, krönt die Saison als drittbester deutscher Klub. Im Sommer 1989 retten sich die Hessen noch als 16. in der Relegation, ein Jahr später reiht sich das Team um Trainer Jörg Berger hinter Meister und Titelverteidiger Bayern München und Vize 1. FC Köln im Spitzenfeld der Bundesliga ein.
Mit ihren Stars wie Mittelfeld-Regisseur Uwe Bein, dem Torschützenkönig Jörn Andersen und Legende Karl-Heinz Körbel, der ein Jahr später mit 602 Ligaspielen - ausschließlich für Frankfurt - seine 19-jährige Profi-Karriere beendet, etabliert sich die Eintracht auch in den Folgejahren weit oben in der Tabelle. "Leider war es mir nie vergönnt, mit Frankfurt Meister zu werden."
Doch nicht nur "Charly" Körbel trauert dem großen Erfolg von 1959 hinterher. Weder Nationalspieler Andy Möller, noch der zweimalige Torschützenkönig Anthony Yeboah können die Hessen je zum Meistertitel führen. 1992 scheitert der Tabellenführer denkbar knapp, als er im letzten Saisonspiel gegen Hansa Rostock in der letzten Sekunde 1:2 verliert - und am Ende Dritter wird. Vier Jahre danach steigt das Gründungsmitglied der Bundesliga erstmals in die Zweite Liga ab.
Die Zeiten, in denen Gerd Müller und Co. mit über 30 Toren die Torjäger-Kanone in Empfang nehmen, gehören der Vergangenheit an. Mit 18 Treffern sichert sich Jörn Andersen (Eintracht Frankfurt) vor Stefan Kuntz (15, 1. FC Kaiserslautern) und Fritz Walter (13, VfB Stuttgart) die Torjäger-Krone. Andersen ist der erste ausländische Torjäger, dem der kicker die Kanone überreicht. Trotz Meistertitel stellt der große FC Bayern mit Roland Wohlfarth (ebenfalls 13) nur den drittbesten Angreifer in der Elite-Liga. Magere 17 Treffer hatten dem bajuwarischen Stürmer in der Vor-Saison noch zum Gewinn der Kanone (gemeinsam mit Klaus Allofs) gereicht - und zum Meistertitel mit den Bayern.
"Es war eine durch und durch unspektakuläre Saison", bilanziert Bayern-Kapitän Klaus Augenthaler trotz der Titelverteidigung und seinem siebten (und letzten) Meistertitel. Manager Uli Hoeneß langweilt sich nach dem zwölften Titelgewinn seiner Bayern: "Da gibt es keine Euphorie mehr." Für den Aufsteiger FC Homburg ist es eine lehrreiche Spielzeit. Die Saarländer tanzen nur drei Sommer im Oberhaus. Der Abstieg als Letzter 1990 bedeutet auch den Abschied von der großen Bühne. Der Name FC Homburg wird einem gewissen Andreas Thom jedoch immer in Erinnerung bleiben. Als erster DDR-Nationalspieler darf der Stürmer legal aus dem Osten ausreisen und steht bei Bayer Leverkusen in Lohn und Brot. Gleich in seinem ersten Pflicht-Spiel für den West-Verein trifft Thom nach 15 Minuten - gegen den FC Homburg.
Das Jahr 1990 steht ganz im Zeichen der Weltmeisterschaft in Italien. Die Erwartungshaltung ist nach dem Vize-Meistertitel vier Jahre vorher riesengroß. Andere Sorgen hat Waldhof Mannheim. Zusammen mit Homburg ist das Abenteuer Bundesliga für die Mannschaft um Coach Günter Sebert zu Ende.
In anderen Sphären schwebt Franz Beckenbauer. Der von Fußball-Gnaden inthronisierte Heilsbringer lässt die Kameras blitzen, als er nach dem gewonnenen WM-Endspiel gedankenversunken auf dem Rasen steht und den historischen Moment mit allen Sinnen genießt. "Unsterblich" schreiben die italienischen Gazetten. Als Spieler Weltmeister, jetzt als Trainer: In Rom lässt sich der Franz zum Kaiser krönen.
| Pl. | Verein | Tore | Pkte. | |
|---|---|---|---|---|
| 1 | ![]() | Bayern München | 64:28 | 49:19 |
| 2 | ![]() | 1. FC Köln | 54:44 | 43:25 |
| 3 | ![]() | Eintracht Frankfurt | 61:40 | 41:27 |
| 4 | ![]() | Borussia Dortmund | 51:35 | 41:27 |
| 5 | ![]() | Bayer 04 Leverkusen | 40:32 | 39:29 |
| 6 | ![]() | VfB Stuttgart | 53:47 | 36:32 |
| 7 | ![]() | Werder Bremen | 49:41 | 34:34 |
| 8 | ![]() | 1. FC Nürnberg | 42:46 | 33:35 |
| 9 | ![]() | Fortuna Düsseldorf | 41:41 | 32:36 |
| 10 | ![]() | Karlsruher SC | 32:39 | 32:36 |
| 11 | ![]() | Hamburger SV | 39:46 | 31:37 |
| 12 | ![]() | 1. FC Kaiserslautern | 42:55 | 31:37 |
| 13 | ![]() | FC St. Pauli | 31:46 | 31:37 |
| 14 | ![]() | Bayer 05 Uerdingen | 41:48 | 30:38 |
| 15 | ![]() | Borussia M'gladbach | 37:45 | 30:38 |
| 16 | ![]() | VfL Bochum | 44:53 | 29:39 |
| 17 | ![]() | Waldhof Mannheim | 36:53 | 26:42 |
| 18 | ![]() | FC 08 Homburg | 33:51 | 24:44 |