"Beim VfB haben wir uns nach oben kein Limit gesetzt." Trapattonis Kampfansage zum Amtsantritt in Stuttgart verpufft acht Monate später jäh, als er wegen Erfolglosigkeit die deutsche Fußball-Bühne wieder verlassen muss.
Rückblende: Großer Bahnhof beim VfB. Am 27. Juni 2005 jubeln Tausende ihrem neuen Liebling zu. Der ist kein modisch frisierter Spieler in schickem Fußball-Dress, sondern ein 66-jähriger in Ehren ergrauter Star-Trainer. Benvenuto, Signore Trapattoni. Willkommen, Co-Trainer Andreas Brehme. Vier Mannschaften müssen die Schwaben eine Saison vorher noch den Vortritt lassen. Nun der Frontal-Angriff auf Bayern, Schalke, Bremen und Co. Vom AC Mailand transferiert der VfB den Dänen Jon Dahl Tomasson an den Neckar, dazu die weiteren Stürmer Cacau, Mario Gomez, Jesper Grönkjaer, Danijel Ljuboja und Marco Streller. Die Schwaben erhoffen sich nichts Geringeres als die Meisterschaft. Timo Hildebrand im Tor, Markus Babbel in der Abwehr, Thomas Hitzlsperger im Mittelfeld: Der 22-Mann-Kader soll nach 34 Spieltagen einen Trupp Gewinner stellen. Es wird eine Saison mit vielen Verlierern.
Im 4-4-2 treten höchst ambitionierte Stuttgarter zum Saisonstart in Duisburg an. Cacau, der neben Superstar Tomasson stürmt, bringt mit einem Rechtsschuss seine Farben bereits nach fünf Minuten in Führung. Es läuft nach Plan. In der 31. Minute gleicht jedoch Ahanfouf aus und zehn Stuttgarter (Cacau sieht nach einem groben Foul in der 68. gegen Bugera Rot) retten sich über die Zeit. Als selbsternannter Favorit stolpert Trapattoni fast über den MSV. Das Remis zum Aufgalopp läutet eine völlig verkorkste Saison ein, 15 weitere Unentschieden folgen danach. Auf Platz eins wollen sie, mit Rang elf starten sie in die neue Spielzeit. Keiner aus der VfB-Elf kann überzeugen - im Gegenteil: In die kicker-Elf des Tages werden die Duisburger Koch und Willi gewählt.
Zum Heimspiel gegen Köln eine Woche später tauscht der lombardische Trainer auf diversen Positionen: Magnin für Stranzl, Tiffert für Soldo und Grönkjaer für Gentner. Anstelle des Rot-gesperrten Cacao rückt Streller neben Tomasson in die Spitze. Nach 55 Minuten liegt Stuttgart 0:3 hinten, auch weil Meißner per Elfmeter an Wessels scheitert (35.). Der VfB verliert 2:3, fällt in den Keller auf Platz 14 - und meldet eigentlich Champions-League-Ansprüche an.
Er spielt "wie eine Flasche leer" - das warf Trapattoni in seiner legendären dreieinhalbminütigen Pressekonferenz als Bayern-Trainer 1998 seinem Schützling Thomas Strunz vor. Bei seinem zweiten Deutschland-Engagement sollten noch mehr seiner Spieler in ähnlichem Leistungszustand seine immer noch feurigen Augen quälen. Zu keiner Zeit etwa kann der 29-jährige Tomasson den hohen Erwartungen gerecht werden. Nationalelf-Anwärtern wie Hitzlsperger und Hinkel laufen Gegner davon, die VfB-Stars selbst den Punkten und ihrer Form hinterher. Zur WM im eigenen Land ruhen die Stuttgarter Hoffnungen unter anderem auf den Schultern jener genannten Spieler, die sich von Spiel zu Spiel mehr und mehr von Klinsmanns Elf entfernen.
Ist guter Rat nun teuer für Trapattoni und seinen Assistenten Brehme? Halbwegs versöhnlich der Abschied in die Winterpause nach dem 2:0 gegen Schalke. Als Sechster mit einem Punkt Rückstand auf Hertha BSC ist zumindest der UEFA-Cup-Platz greifbar nahe. Der Abstand zur Champions-League-Qualifikation beträgt da aber bereits satte elf Punkte. Verein und Trainer-Team vertrauen dem Kader: Im Winter wird kein Spieler verpflichtet, zwei gehen dafür - die Leih-Spieler Streller und Zivkovic. Die Tage des Abschieds beginnen.
Drei Spieltage nach der Winterpause warten die Stuttgarter Verantwortlichen noch ab. Nach dem 0:0 gegen Bremen muss der italienische Dirigent samt seinem ersten Geiger das Orchester verlassen. Zu dieser Zeit steht der mit großen Namen gespickte VfB auf Platz sieben, 24 Punkte hinter dem Platz an der Sonne. Ein süßer Abschied für "Trap": Erst ab Platz zehn hätte der Maestro ohne Abfindung entlassen werden können. Von vier Millionen Euro ist die Rede.
Die neuen Kommandeure - Armin Veh als Trainer und Horst Heldt vom Spieler zum Manager ernannt - können den VfB-Tanker auch nicht mehr in Richtung europäische Häfen lenken. Veh, der bei seinem Start von Aufsichtsratschef Dr. Dieter Hundt als "Übergangslösung" begrüßt wird, kann ich aus dem großen Schatten seines Vorgängers nicht befreien. Giovanni Trapattoni verlässt am 9. Februar den VfB Stuttgart und sagt Deutschland "ciao". Nach einem zweijährigen Gastspiel bei Red Bull Salzburg übernimmt der mit Titeln überhäufte Trainer den Posten der irischen Nationalmannschaft 2008 und ab 2010 coacht er zusätzlich die Fußball-Auswahl im Vatikan.
"Rekorde interessieren mich nicht!" Nur ein ganz bescheidener Spieler kann dies von sich behaupten, wenn er in 26 Spielen mit 25 Toren und 14 Assists nur vom ewigen Gerd Müller in dieser Kategorie überragt wird. Doch selbst ein zurückhaltender Profi wie Miroslav Klose muss zugeben: "Das war mein bestes Profijahr." Der Bremer Kopfball-Spezialist hatte sich zum mannschaftsdienlichen Spieler weiterentwickelt und erzielt seine Tore in dieser Saison per Linksschuss (4), Rechtsschuss (16) und nur fünf Mal mit dem Kopf. 2007 zog der gebürtige Pole an die Isar weiter und feierte mit dem FC Bayern 2008 und 2010 das Double mit Meisterschaft und Pokal.
Einen neuen Zuschauerrekord hat die Saison 2005/06 parat: Über 12 Millionen Fans wollen sehen, wer dem FC Bayern ernsthaft Konkurrenz auf den Titel machen kann. Und wer zu schwach ist, die Liga zu halten. Eine Wachablösung an der Spitze gibt es nicht. Fünf Punkte vor Bremen werden die Bayern wieder einmal Meister. Den fünften Abstieg aus Deutschlands höchster Klasse hat der MSV Duisburg zu verkraften. Dem Tabellenletzten folgen die Kölner, die drei Spieltage vor Schluss zum vierten Mal runter müssen. Der letzte Abstiegsplatz wird im "Endspiel" zwischen Wolfsburg und Kaiserlautern gesucht. Durch ein 2:2 rettet sich der VfL nur einen Punkt vor den in tiefer Trauer versinkenden Lauterern.
| Pl. | Verein | Tore | Pkte. | |
|---|---|---|---|---|
| 1 | ![]() | Bayern München | 67:32 | 75 |
| 2 | ![]() | Werder Bremen | 79:37 | 70 |
| 3 | ![]() | Hamburger SV | 53:30 | 68 |
| 4 | ![]() | FC Schalke 04 | 47:31 | 61 |
| 5 | ![]() | Bayer 04 Leverkusen | 64:49 | 52 |
| 6 | ![]() | Hertha BSC | 52:48 | 48 |
| 7 | ![]() | Borussia Dortmund | 45:42 | 46 |
| 8 | ![]() | 1. FC Nürnberg | 49:51 | 44 |
| 9 | ![]() | VfB Stuttgart | 37:39 | 43 |
| 10 | ![]() | Borussia M'gladbach | 42:50 | 42 |
| 11 | ![]() | 1. FSV Mainz 05 | 46:47 | 38 |
| 12 | ![]() | Hannover 96 | 43:47 | 38 |
| 13 | ![]() | Arminia Bielefeld | 32:47 | 37 |
| 14 | ![]() | Eintracht Frankfurt | 42:51 | 36 |
| 15 | ![]() | VfL Wolfsburg | 33:55 | 34 |
| 16 | ![]() | 1. FC Kaiserslautern | 47:71 | 33 |
| 17 | ![]() | 1. FC Köln | 49:71 | 30 |
| 18 | ![]() | MSV Duisburg | 34:63 | 27 |