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03.08.2012, 12:08

1964/65 - Brunnenmeier löst Seeler ab

Das Bundesliga-Kind lernt laufen - und sorgt für den ersten Ärger

Was am 24. August 1963 seinen Anfang nahm, soll ein Jahr später eine erfolgreiche Fortsetzung finden: Die frisch aus der Taufe gehobene Bundesliga feierte mit dem 1. FC Köln ihren allerersten Meister, Preußen Münster und der 1. FC Saarbrücken hatten sich in der neuen Liga nicht halten können. Den zwei Absteigern stehen die Neulinge Borussia Neunkirchen und Hannover 96 gegenüber, die beide die Lizenz zum Start der Bundesliga nicht erhalten hatten und jetzt als Aufsteiger im Oberhaus mitmischen.

Entscheidender Schritt: Durch ein 3:0 über Dortmund am vorletzten Spieltag legte Werder Bremen den Grundstein zum Meistertitel.
Entscheidender Schritt: Durch ein 3:0 über Dortmund am vorletzten Spieltag legte Werder Bremen den Grundstein zum Meistertitel.
© imago Zoomansicht

Mindestens 120 Mark, höchstens 1200 Mark dürfen die Fußballer verdienen. Doch manche Tiere sind gleicher als gleich, wie es George Orwell in seinem Roman "Farm der Tiere" schon 1945 wusste. So kann ein "besonders qualifizierter Fußballspieler" mehr verdienen. Dazu muss vom Bundesligaausschuss ein Gutachten eingeholt und vom Finanzamt eine Genehmigung erteilt werden. Kein Freund der neuen Bundesliga war der 1. FC Nürnberg. Die Franken beantragen dennoch für ihre Spieler eine höhere Bezahlung. Nicht für einen, für zwölf "besonders qualifizierte Spieler". Schiedsrichter gehen dagegen fast leer aus, wie Walter Horstmann weiß: "Für die Spielleitung gab's nichts, nur 72 Mark Tagesspesen."

Das jüngste Kind der Sportgeschichte wird von der ARD kostenfrei in alle deutschen Wohnzimmer übertragen. Eine Eintrittskarte in eines der 16 Bundesliga-Stadien kostet zwischen zwei und drei Mark. Dass sich mit dem Kicken gut Geld verdienen lässt, lernen die Spieler von Werder Bremen kennen: Für den zweiten Bundesliga-Meister gibt es pro Kopf eine Prämie von sagenhaften 5000 Mark und eine Armbanduhr. Ein deutscher Arbeiter verdient da im Durchschnitt um die 700 Mark. Doch die Trauben hängen hoch. Dass dem ersten Meister aus Köln jemand das Wasser reichen kann, glaubt so richtig keiner. Nur einer sorgt für Heiterkeit. HSV-Trainer Georg "Schorsch" Gawliczek prophezeit vor der zweiten Bundesliga-Saison: "Werder kann es schaffen!"

Der große 1. FC Köln mit seinem umtriebigen Präsidenten Franz Kremer, dem Weltmeister Hans Schäfer und den jungen Wilden Wolfgang Overath oder Karl-Heinz Thielen sowie den alten Füchsen Fritz Ewert und Hansi Sturm soll ernsthaft Konkurrenz bekommen? Klar! 1860 München mit seinem Keeper Petar "Radi" Radenkovic, der Club aus Nürnberg um Max Morlock und Fritz Popp oder Borussia Dortmund mit den späteren Europacup-Helden Lothar Emmerich und Alfred "Aki" Schmidt blasen zum Angriff auf den ersten Meister aus dem Rheinland. Über 24.000 Zuschauer sehen im Schnitt die Premierensaison der Bundesliga. Der Hype hält an: Knapp über 27.000 Menschen interessieren sich für den neuen Profifußball im zweiten Jahr. Ein Schnitt, der über Jahrzehnte nicht übertroffen wird.

Höttges und Steinmann stärken die Werder-Abwehr

Die zweite Bundesliga-Saison lässt zu Beginn erahnen, dass es in dieser Spielzeit spannender um den Titel werden kann: Meister Köln verliert nach einer 1:0-Pausenführung gegen Hertha BSC 2:3. Ein Jahr vorher verlor der FC in der ganzen Saison nur zwei Mal. Vorjahres-Vize Meidericher SV geht ebenfalls mit einer Niederlage in die zweite Spielzeit (1:2 beim Karlsruher SC). Für Aufsehen sorgt das 2:0 des Aufsteigers Hannover 96 beim Favoriten Borussia Dortmund. "Wir Bremer traten mit unscheinbaren, wenig bekannten Leuten an, die bisher in der Kategorie 'Durchschnitt' angesiedelt waren." Verteidiger Sepp Piontek untertreibt, denn um die schwache Abwehr zu stärken, holt Werder zwei starke Defensiv-Spezialisten: Horst-Dieter Höttges aus Gladbach und Heinz Steinmann aus Saarbrücken.

Die als "Feierabend-Kicker" belächelten Bremer haben mit Willi Multhaup einen nachdenklichen, feinsinnigen Trainer. "Fischken", wie der 61-Jährige überall gerufen wird, hat aus seinem ersten Bundesliga-Jahr gelernt. Hinten sicher stehen ("Bremer Beton" getauft) und vorne soll ein weiterer Neuer einschlagen - so das Erfolgsrezept des stets fein gekleideten Gentleman. Der Ex-Schalker Klaus "Zick-Zack" Matischak wird mit zwölf Toren bester Bremer Torschütze. Sepp Piontek erinnert sich: "Je länger das Spieljahr dauerte, desto stärker wurden wir. Und ein paar Spieltage vor dem Saisonende merkten wir plötzlich: Jetzt können wir es packen." Vor dem Titelverteidiger 1. FC Köln und den Favoriten Dortmund und 60 München feiert Werder Bremen auch dank seiner überragenden Abwehr (nur 29 Gegentreffer in 30 Spielen) den Meistertitel. Da dies überhaupt nicht eingeplant war, muss die Meisterfeier warten: Einen Tag nach dem letzten Saisonspiel in Nürnberg hat Bremen ein Freundschaftsspiel gegen den FC Schweinfurt ausgemacht.

Doch die Saison ist noch nicht zu Ende und muss in die Verlängerung. Der erste Bundesliga-Skandal erschüttert die noch so junge Liga: Hertha BSC, der Tabellen-14., soll Spieler mit unlauteren Mitteln, sprich Handgeld und höher als die festgelegten Gehälter bezahlt haben. Der DFB ermittelt. Das Urteil ist hart: Hertha wird in die Regionalliga Berlin zurückgestuft. Doch wer rückt nun nach? Die beiden Schlusslichter Karlsruhe und Schalke wollen nach dem Berliner Zwangsabstieg bleiben. Der DFB fällt eine salomonische Entscheidung. Im außerordentlichen Bundestag in Barsinghausen wird beschlossen, die Bundesliga auf 18 Klubs aufzustocken. Karlsruhe und Schalke bleiben drin, Bayern München und Borussia Mönchengladbach steigen auf und aus der Regionalliga nimmt Tasmania 1900 Berlin den Platz der Hertha ein.

Der Torschützenkönig

Der erste Torschützenkönig der Bundesliga-Geschichte, Uwe Seeler, wird beerbt von Rudi Brunnenmeier. 30 Tore, wie sein Vorgänger, kann der Stürmer vom TSV 1860 München zwar nicht vorweisen. Aber mit 24 Treffern hält er den Vorjahres-Zweiten Friedhelm "Timo" Konietzka (22) erneut auf Distanz. Brunnenmeier war mit den "Sechzigern" 1964 Pokalsieger. 1965 reicht es mit ihm im Europacup-Finale gegen West Ham United nicht ganz zum Titel, die "Löwen" unterlagen 0:2. Ein Jahr später werden sie mit ihm Meister.

03.08.12
 
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1. Bundesliga - Tabelle

Pl. VereinTorePkte.
1Werder Bremen54:2941:19
 
21. FC Köln66:4538:22
 
3Borussia Dortmund67:4836:24
 
41860 München70:5035:25
 
5Hannover 9648:4233:27
 
61. FC Nürnberg44:3832:28
 
7Meidericher SV46:4832:28
 
8Eintracht Frankfurt50:5829:31
 
9Eintracht Braunschweig42:4728:32
 
10Borussia Neunkirchen44:4827:33
 
11Hamburger SV46:5627:33
 
12VfB Stuttgart46:5026:34
 
131. FC Kaiserslautern41:5325:35
 
14Hertha BSC40:6225:35
 
15Karlsruher SC47:6224:36
 
16FC Schalke 0445:6022:38
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