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08.09.2012, 16:50

Chemnitz: Interview mit Ex-Kapitän Andreas Richter

"Ich kann froh sein, noch senkrecht zu stehen"

Vor einem Jahr erlitt Andreas Richter (34) im Training einen Herzinfarkt und musste seine Karriere beenden. Im kicker blickt der einstige Kapitän des Drittligisten Chemnitzer FC zurück - und voraus.

Andreas Richter
Neuer Lebensabschnitt: Andreas Richter.
© imagoZoomansicht

kicker: Am Samstag ist der 8. September. Haben Sie Angst vor diesem Datum, Herr Richter?

Andreas Richter: Angst nicht. Aber die Gedanken an die Ereignisse vor einem Jahr werden mir wohl häufiger in den Kopf schießen als an einem gewöhnlichen Tag.

kicker: Wie schwer fällt es Ihnen, über den Herzinfarkt und das Karriereende zu reden?

Richter: Nicht schwer. Ich bin keiner, der es komplett ausblendet.

kicker: Hat man mittlerweile die Ursache entdeckt?

Richter: Nein. Ich habe mehrere Ärzte konsultiert, aber keiner hat den Grund herausgefunden. Es gibt Leute, die einfach so umkippen. Keiner weiß, wieso.

kicker: Wie oft spulen Sie im Kopf die Kassette zurück, um zu rekonstruieren, was Sie an den Tagen zuvor gemacht haben?

Richter: Eigentlich gar nicht mehr. In den ersten Wochen nach dem Herzinfarkt fragst du dich schon: warum ausgerechnet ich? Aber das geht anderen Menschen, die an Krebs, Schlaganfall oder anderen schwerwiegenden Krankheiten leiden, nicht anders. Diesen Gedanken habe ich ziemlich schnell verworfen.

Ein Abschnitt ist zu Ende, ich kann es nicht ändern. Und auf der anderen Seite kann ich froh sein, noch senkrecht zu stehen und am Leben teilzunehmen.Andreas Richter

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kicker: Wann erfuhren Sie, dass Ihre Fußballkarriere beendet ist?

Richter: Ein oder zwei Tage nach dem Erwachen aus dem künstlichen Koma. Ich war frustriert, aber weil ich so geschwächt war, konnte ich mich zu dem damaligen Zeitpunkt nicht damit auseinandersetzen. Wochen später, als ich es realisierte, war es schon sehr, sehr schwierig. Ein halbes Jahr später auch noch.

kicker: Wie sehr hat Sie das Ereignis aus der Bahn geworfen?

Richter: Man lebt gesund, trainiert jeden Tag, ist voll belastbar und powert sich aus. Du fühlst dich unverwundbar und denkst keine Sekunde daran, dass so etwas passieren könnte. Es hat mich ziemlich schwer getroffen. Ich wurde von jetzt auf gleich aus meinem Leben herausgerissen. Plötzlich durfte ich nicht mehr meinen geliebten Sport ausüben.

kicker: Wie häufig kehren diese Gedanken zurück?

Richter: Das ist tagesformabhängig. Es gibt Momente, gerade auch bei Spielbeobachtungen, in denen ich mir sage: Verdammt, wie gerne würde ich auf dem Platz stehen. Bei unserem Pokalderby gegen Dynamo Dresden beispielsweise. Ich sitze auf der Tribüne, habe keinerlei Einschränkungen und fühle mich gut. Dass das Herz in der Vollbelastung nicht mehr mitmacht, merkst du in diesem Moment nicht. Natürlich kommt dann Wehmut auf. Zwar immer seltener, aber hin und wieder doch.

kicker: Und dann grübeln Sie?

Richter: Ein bisschen. Aber das ist nun halt so. Ein Abschnitt ist zu Ende, ich kann es nicht ändern. Und auf der anderen Seite kann ich froh sein, noch senkrecht zu stehen und am Leben teilzunehmen. Für den Alltag fehlt mir nichts. Das Bewusstsein, es hätte schlimmer enden können, rückt alles in ein anderes Licht.

kicker: Haben Sie psychologische Hilfe in Anspruch genommen?

Richter: Nein, aber das möchte ich bald, um mit professioneller Hilfe herauszufinden, ob ich es gut verkraftet habe oder ob doch etwas hängen geblieben ist. Und um mit der Tatsache, keinen Fußball mehr spielen zu können, noch besser abschließen zu können.

kicker: Wie sehr lassen Sie das Gefühl, dem Tod ins Auge geblickt zu haben, an sich heran?

Richter: Die Gedanken gibt es auch ein Jahr danach noch. Ich hatte sehr viel Glück, trotz des schweren Infarkts überlebt zu haben. Ich habe versucht, mich bewusst damit zu befassen. Aber dass es so knapp war, weiß ich nur vom Hörensagen durch die Ärzte und die Angehörigen. Es fühlt sich leicht unwirklich an.

kicker: Haben Sie Veränderungen an sich festgestellt?

Richter: Ich atme häufiger durch, erledige in Ruhe meine Aufgaben und lasse mich nicht stressen. Aber das musste ich erst lernen und verinnerlichen. Anfangs war es schwierig für mich, alles einen Tick langsamer zu tun. Alleine zu sagen: Stopp, jetzt rennst du nicht. Hast keine Eile. Es muss nicht alles schnell, schnell gehen.

kicker: Sie haben den Müßiggang entdeckt?

Richter: Das nicht. Aber ich sage mir oft: Den Rest mache ich morgen. Oder ich lasse es ganz sein.

kicker: Müssen Sie sich bremsen?

Richter: Ja, beim Joggen. Du hast das Gefühl, du könntest schneller laufen. Dass es auch langsam geht, musste ich erst lernen.

kicker: Sind Sie körperlich belastbar?

Richter: Von den Ärzten habe ich grünes Licht, jeden Tag Sport zu treiben. Aber gemäßigt. Ich soll fit bleiben, abtrainieren und das Herz leistungsfähig erhalten. Ich gehe joggen, schwimmen und nehme beim Laufen eine Pulsuhr mit.

kicker: Sie sind arbeitslos gemeldet, weil Sie zwar als Fußballer berufsunfähig sind, aber einen Bürojob ausüben könnten. Momentan absolvieren Sie beim Chemnitzer FC ein Praktikum als Trainer. Gab es die Überlegung, es mit dem Fußball komplett bleiben zu lassen?

Richter: Den gab es. Aber ich habe gemerkt, wie sehr ich verwurzelt und verwachsen bin mit dem Fußball und mit Chemnitz. Der Verein hat mir die Chance gegeben, in den Trainerberuf hineinzuschnuppern. Und spätestens in einem Jahr setzen wir uns zusammen, um zu sehen, ob ich mir das für die Zukunft vorstellen kann. Aktuell ist es eine Art "Trainer light". Ich unterstütze den Trainerstab um Gerd Schädlich ein- oder zweimal die Woche, übernehme teilweise das Aufwärmen und beobachte die künftigen Gegner. Aber sicherlich darf man im Hinblick auf eine spätere Tätigkeit den Faktor Stress nicht unterschätzen.

kicker: Ihre Pläne waren andere.

Richter: Richtig. Ich wollte in den kaufmännischen Bereich zurück. Nach dem Abi habe ich eine Ausbildung als Industriekaufmann abgelegt und während meiner Karriere ein Fernstudium als Sportmanager. Trainer konnte ich mir vorher nicht vorstellen. Ich sehe es als Experiment.

Interview: Uwe Röser

08.09.12
 

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