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02.08.2018, 13:18

kicker-Interview mit Aalen-Sanierer Holger Leichtle

"Wenn man hinten liegt, muss man kämpfen!"

Die 3. Liga ist in ihre elfte Saison gestartet. Es ist die erste Saison ohne Rot-Weiß Erfurt, der Dino der Liga musste wie auch der Chemnitzer FC vergangene Saison einen Insolvenzantrag stellen. Beide Vereine starten jetzt einen Neuanfang in der Regionalliga. Holger Leichtle (47) von Schultze & Braun war als Insolvenzverwalter unter anderem für die erfolgreiche Sanierung des VfR Aalen verantwortlich. Im Interview mit kicker.de erläutert er die Besonderheiten einer Insolvenz und warum eine Insolvenz immer auch die Chance auf einen Neubeginn enthält.

Holger Leichtle
Hat Erfahrungen in der Sanierung von Vereinen: Holger Leichtle half bereits unter anderem beim VfR Aalen.
© picture allianceZoomansicht

Herr Leichtle, die 3. Liga hat - auch durch die namhaften Aufsteiger 1860 München, Cottbus und Uerdingen - an Attraktivität zugelegt. Gleichwohl haben die Insolvenzanträge von Erfurt und Chemnitz zu einer Diskussion über die finanziellen Rahmenbedingungen dieser Liga geführt. Sie kennen diese aus eigener Erfahrung durch ihre Arbeit bei der Sanierung des VfR Aalen. Was raten sie den Verantwortlichen?

Die Insolvenz eines Vereins ist immer eine Zäsur für alle Beteiligten. Wichtig ist aber: Eine Insolvenz bedeutet nicht zwangsläufig das Ende des Vereins. Sie kann vielmehr eine Chance sein, den Verein nachhaltig aus dem finanziellen Abstiegskampf zu führen. Wichtig ist aber, dass die Verantwortlichen den Ernst der Lage erkennen und frühzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen. Der VfR Aalen ist hierfür das beste Beispiel. Im Februar 2017 musste der Verein einen Insolvenzantrag stellen. Im April wurde das Verfahren eröffnet und schon im Mai stimmten die Gläubiger dem Insolvenzplan zu, den Prof. Streit von Heuking Kühn Lüer Wojtek als rechtlicher Berater des Vereins und ich gemeinsam ausgearbeitet hatten. Dieses Insolvenzverfahren dauerte also nur knapp vier Monate und ist jetzt seit rund einem Jahr abgeschlossen.

Das ist aber eher die Ausnahme, Erfurt und Chemnitz mussten absteigen.

Natürlich ist ein sportlicher Abstieg für jeden Verein ein Drama. Gerade der Fall von der Dritt- in die Viertklassigkeit ist tief und ein Wiederaufstieg ist schwer. Im Fall von Erfurt hatte sich der Abstieg aber bereits sportlich angedeutet - in einem solchen Fall ist die Insolvenz eine Chance, sich neben der sportlichen Neuaufstellung auch finanziell neu zu sortieren.

Sie sprechen von Chancen. Welchen Spielraum hat denn ein Verein im Falle einer Insolvenz?

Das Insolvenzgeld schafft zunächst einmal den nötigen finanziellen Spielraum, um die Liquidität für den Spielbetrieb der laufenden und durchaus auch der kommenden Saison sicherzustellen. Wurde der Insolvenzantrag früh genug - etwa, wenn keine Gehälter offen sind - gestellt, ist das üblicherweise gut machbar.

Ist also der Faktor Zeit mitentscheidend?

Ja. Mindestens genauso wichtig ist aber das Zusammenspiel von Fans, Verein, Sponsoren und Spielern. Alle Beteiligten müssen an einem Strang ziehen, damit der Verein aus der Krise kommt. Ganz nach dem Motto: Wenn man hinten liegt, muss man kämpfen! Denn wenn die Leistung auf dem Platz stimmt, dann gefällt das den Zuschauern und den Medien. Dann ist es für den Verein leichter, bestehende und neue Sponsoren zu überzeugen. Es geht um Transparenz. Wird seitens des Vereins klar angegeben, wo die Reise hingehen soll, wird aus einem "Scheitern" eine Restrukturierung - auch für die Öffentlichkeit.

Also ist der Insolvenzantrag eines Vereins eher als Anpfiff zu verstehen und nicht als ein Abpfiff?

Definitiv. Allerdings ist es maßgeblich, schon frühzeitig mit realistischen finanziellen Annahmen zu planen. Mit einem Insolvenzplan können Vereinsführung und Insolvenzverwalter dann den Gläubigern eine Art Vergleich vorschlagen. Dabei ist es häufig so, dass die Gläubiger auf einen hohen Prozentsatz ihrer offenen Forderungen verzichten müssen. Dies macht es umso wichtiger, eine klare Strategie über die kommenden Jahre aufzeigen zu können. Stimmen die Gläubiger dem Insolvenzplan zu, ist das Verfahren schnell abgeschlossen und der Verein kann sich - frei von Schulden - nun auf den sportlichen Neustart konzentrieren. Das ist die Chance, in weniger als einem Jahr wieder auf wirtschaftlich fitten Beinen zu stehen.

Ist das aber nicht auch eine Einladung für finanzielle Abenteurer? Man verschuldet sich, weil man glaubt, so den Zugang zu den Fleischtöpfen der TV-Gelder in der 2. Liga erzwingen zu können - und wenn's nicht klappt, dann meldet man eben Insolvenz an. Irgendwer muss die Zeche doch zahlen.

In der Tat ist die 2. Liga zumindest in finanzieller Hinsicht deutlich attraktiver. Ich sehe allerdings nicht, dass sich die Drittligisten über das normale Maß hinaus verschulden und in finanzielle Abenteuer stürzen. Zudem ist es eine Insolvenz kein Freifahrtschein á la "Nach mir die Sintflut". Die Verantwortlichen eines Vereins müssen für ihre Handlungen auch im Falle einer Insolvenz geradestehen - in rechtlicher und finanzieller Hinsicht. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand, der mit seinem Verein eng verbunden ist, ihn bewusst einem finanziellen Risiko aussetzt. Und ganz ehrlich: Die Fans wollen doch auch keinen Verein, der mit halbseidenen Tricksereien gerade so über die Runden kommt. Sie wollen guten Fußball und einen Verein, auf den sie stolz sein können. Daher ist es umso wichtiger, nicht nur für einen möglichen Aufstieg, sondern auch dafür zu planen, dass man doch die ein oder andere Saison drittklassig spielt.

Wie kommt es dann dazu, dass ein Verein in finanzielle Schieflage gerät?

Oftmals ist es so, dass unvorhersehbare Ereignisse der Auslöser sind. Beim VfR Aalen war der Hauptgrund für die Insolvenz das Wegbrechen der beiden Hauptsponsoren. Beide Unternehmen hatten selbst einen Insolvenzantrag stellen müssen. Ein Bundesligist wie Bayer Leverkusen kann so etwas einigermaßen gut wegstecken, wie damals 2011, als der Hauptsponsor Teldafax einen Insolvenzantrag stellte. Bei einem Drittligisten klappt das unter Umständen nicht ohne Weiteres. Es gibt aber auch Fälle wie Erfurt und Chemnitz, bei denen der sportliche Abstieg nicht oder kaum mehr zu verhindern war. Wie schon erwähnt bietet in einem solchen Fall eine Insolvenz eine Chance, sich neben der sportlichen Neuaufstellung auch finanziell neu zu sortieren. Aber auch das ist aus meiner Sicht ein Schritt, den kein Verantwortlicher eines Vereins vor einer Saison bewusst einplant.


Der Interviewpartner: Dr. Holger Leichtle ist Partner im Geschäftsbereich Insolvenzverwaltung der Kanzlei Schultze & Braun und leitet die Niederlassung in Stuttgart. Der Fachanwalt für Insolvenzrecht hat unter anderem die erfolgreiche Sanierung des Fußball-Drittligisten VfR Aalen maßgeblich mitgestaltet.

Interview: Peter Nickel

 
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Vereinsdaten

Vereinsname:VfR Aalen
Gründungsdatum:08.03.1921
Mitglieder:1.110 (29.07.2017)
Vereinsfarben:Schwarz-Weiß
Anschrift:Stadionweg 5/1
73430 Aalen
Telefon: (0 73 61) 524 88-0
Telefax: (0 73 61) 524 88-20
E-Mail: info@vfr-aalen.de
Internet:http://www.vfr-aalen.de/


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