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15.06.2012, 10:27

Köln: Der Trainer sieht das Team in der Bringschuld

Stanislawski: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Am heutigen Freitagnachmittag bittet Kölns neuer Trainer Holger Stanislawski zum Trainingsauftakt. Im kicker spricht der 42-Jährige über den Umbruch bei den "Geißböcken", die Situation zwischen den Pfosten, finanzielle Zwänge und Emotionalität im Fußball.

"Wir sind in der Bringschuld": Kölns neuer Trainer Holger Stanislawski.
"Wir sind in der Bringschuld": Kölns neuer Trainer Holger Stanislawski.
© imagoZoomansicht

kicker: Herr Stanislawski, wie wichtig ist für Sie persönlich die Station Köln?

Holger Stanislawski: Ich sehe das für mich nicht als so wichtig, auch wenn in Hoffenheim nach sieben Monaten das Aus kam. Jeder kennt die Gründe, die nicht im Sportlichen lagen. Wichtig ist, dass ich meine Energie in dieses Projekt stecken kann. Hier wird mir nicht langweilig.

kicker: Der FC setzt auf junge Spieler, der 19-jährige Timo Horn wird ohne Profierfahrung die Nummer 1. Ein hohes Risiko?

Stanislawski: Es ist natürlich ein wahnsinniger Schnitt. Acht oder neun Stammspieler machen den Umbruch nicht mit. Wir werden nicht dem Jugendwahn verfallen, aber sicherlich schon das eine oder andere Mal mit weniger erfahrenen Profis Spiele verlieren. Wir wollen sehr frisch, sehr frei spielen. Irgendwann brauchen diese Jungs das Vertrauen, müssen sich die Hörner abstoßen.

kicker: Und Timo Horn?

Stanislawski: Natürlich kann das ein Risiko sein. Aber wir wissen um seine Qualität. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn wir den Eigengewächsen jetzt nicht die Chance geben, machen wir es nie.

kicker: Inwieweit steht der Kader?

Stanislawski: Wir haben ein Gerüst, mit dem wir nicht kampflos abschenken müssen.

kicker: Sie haben mit Frankfurts Lehmann . . .

Stanislawski: . . . schon gearbeitet, sehr erfolgreich.

Wir wollen attraktiv spielen. Wir sind in der Bringschuld.Kölns Trainer Holger Stanislawski

kicker: Der FC hat Interesse an Lehmann. Sie haben sich für Thomas Kessler als Nummer 2 stark gemacht, den Sie auch aus St. Pauli kennen. Inwieweit sind Spieler beim Umbruch wichtig, auf die man sich verlassen kann?

Stanislawski: Es hilft, wenn du Spieler hast, die die Abläufe schon verinnerlicht haben. Es ist wichtig, wenn man Charaktere kennt, die vorleben können, was man will. Wir haben Tobias Strobl aus Hoffenheim dazu geholt und Kessler. Bislang haben wir noch keine weiteren Spieler verpflichtet, die ich kenne. Warten wir ab. Bastian Oczipka hätte ich gerne hier gesehen, aber es ist nicht alles möglich.

kicker: Wollen Sie in Köln mit den flexiblen Bröker, Chihi und Clemens auch wieder sehr variabel in der Offensive spielen lassen?

Stanislawski: Ja, wir haben anfangs in Hoffenheim und St. Pauli ohne Stürmer, nur mit Mittelfeldspielern gespielt. Wir müssen sehen: Wie weit sind die jungen Stürmer, Ishak und Przybylko? Dahinter haben wir variable Spieler. Sie sollen sehr flexibel spielen.

kicker: Wollen Sie diese Flexibilität im 4-2-3-1 oder im 4-1-4-1 sehen? Wenn man auf ein 4-1-4-1 setzen würde, ergäbe auch das Interesse an Hannovers Außen Daniel Royer einen Sinn, da man nur dann noch mehr Offensivspieler benötigt, die zwischen Halbposition und außen rochieren würden.

"Wir haben keine goldenen Löffel, die wir verkaufen können"

Stanislawski: Natürlich überlegen wir: Wir haben keine goldenen Löffel, die wir verkaufen können, also müssen wir sehen, was Markt und Kader hergeben für unser Offensivspiel, in dem wir die Last auf mehrere Köpfe verteilen müssen.

kicker: Ihr Vorgänger Stale Solbakken hat im Nachhinein viel kritisiert beim FC. Wissen Sie, worauf Sie sich eingelassen haben?

Stanislawski: Ich habe das kicker-Interview bewusst nicht gelesen. Ich hätte in Hoffenheim sicherlich auch Gründe gehabt, Tabula rasa zu machen, aber das macht man einfach nicht. Das tut im Nachgang keinem gut. Und ich habe als Person und als Trainer dadurch unheimlich gewonnen. Ich möchte relativ unbefleckt in diese Aufgabe reingehen, auch wenn das schwierig ist, weil dir jeder erzählt, was nicht lief. Aber leicht kann jeder . . .

kicker: Sie haben sich überschwänglich über Tobias Strobl geäußert. Ist er wirklich gesetzt?

Stanislawski: Tobi hat keine Stammplatzgarantie, aber mir gefällt der Junge. Er ist ruhig, sachlich, klar im Kopf und er marschiert einfach. So ein klarer Charakter ist hier ganz wichtig. Aber er ist nicht der einzige. Clemens, McKenna oder andere Spieler haben gemerkt, was hier passiert ist, dass sich der Verein nicht mit Ruhm bekleckert hat - nicht nur die Mannschaft. Tobi wird auch mal nicht spielen, aber das Wichtigste ist: Er marschiert.

kicker: Klingt nach St.-Pauli-Spirit, den man mit Ihnen, aber nicht mit dem FC verbindet . . .

Stanislawski: Zum Fußball gehört Emotionalität genauso wie Fitness. Mit Lethargie in ein Zweitliga-Spiel zu gehen, ist schwer. Aber nur durch Laufen und Kämpfen wirst du Achter. Das langt nicht. Wir wollen attraktiv spielen, den Fans etwas zurückgeben. Wir sind in der Bringschuld.

Interview: Stephan von Nocks

 

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