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16.08.2012, 19:18

Berlin: Der Erziehungsauftrag

Luhukay geht unbeirrt seinen Weg, folgt ihm Hertha?

Die Probleme bei Hertha liegen tiefer. Zu dieser Erkenntnis ist Jos Luhukay nach zwei Spieltagen gelangt. Wie gravierend diese sein müssen, darauf lässt die Art der Fundamentalkritik schließen, die der Trainer nach dem 1:3 beim FSV Frankfurt wählte. Nicht in den schützenden Wänden der Kabine, sondern in aller Öffentlichkeit. Und in einer bisher nie dagewesenen Schärfe.

Nachdenklich: Trainer Jos Luhukay ist bewusst geworden, wie viel bei Hertha BSC noch im Argen liegt.
Nachdenklich: Trainer Jos Luhukay ist bewusst geworden, wie viel bei Hertha BSC noch im Argen liegt.
© imagoZoomansicht

Für gewöhnlich stellt sich der 49-Jährige schützend vor seine Mannschaft, gibt den Diplomaten und vermittelt dezent. Intern indes kritisiert er schonungslos und knallhart. Diesmal artikulierte er seine Empörung für jeden hörbar. Und auch wenn er versichert, es sei "nicht geplant gewesen, ich war selber noch auf 180", sendete Luhukay ein deutliches Signal aus. An die Mannschaft. Aber auch an den Klub.

Luhukay ist ein Teamplayer. Das Kollektiv steht für ihn über allem. Er gibt klare Regeln vor, an die sich jeder halten muss. Auch vermeintliche Stars. Verstöße ahndet er konsequent, wenn er die Gemeinschaft in Gefahr sieht. In Augsburg stellte er einmal zwei wichtige Spieler nicht auf, weil sie leicht verspätet zum Frühstück erschienen. Und das, obwohl drei Leistungsträger fehlten. "Darin mag ich hart sein oder stur", sagte er einmal, "aber ich mache keine Unterschiede."

Die Wutrede des Trainers "ist sehr, sehr gut angekommen, obwohl er direkt und aufbrausend war", erzählt Peter Niemeyer (28). "Es kam ehrlich, authentisch und emotional rüber." Eine Mannschaft merkt, wenn ein Trainer eine populistische Alibi-Aktion startet, um von eigenen Fehlern abzulenken. "Aber er hat keinen Blödsinn erzählt", sagt der Kapitän. Zumal Luhukay die Reihenfolge korrekt einhielt und zunächst seine Mannschaft wissen ließ, wie beschämend er den Auftritt fand, bevor er vor die Presse trat.

"Knüppeldick" habe seine Elf es abbekommen, sagt Luhukay. Weil taktische Absprachen nicht eingehalten wurden, die Spieler nicht miteinander kommunizierten und einige sich gnadenlos selbst überschätzen. "Ich zweifle nicht an der Qualität der Mannschaft", urteilt er, "aber die Grundtugenden wie Ernsthaftigkeit, Professionalität, Wille und Einstellung sind die Basis, um Qualität abzurufen."

Wie groß ist die Rückendeckung des Klubs?

Bis zum Sonntag kannte die Mannschaft den umgänglichen Luhukay, der sich sehr menschlich und kommunikativ gibt. Ihn so empört zu sehen, war für die meisten komplett neu. Künftig zeigt sich, auf wen Luhukay setzen, wer nun den Schalter umlegen und die taktischen Vorgaben umsetzen kann und will. Gleichzeitig kann er ausloten, wie groß die Rückendeckung innerhalb des Klubs für ihn ist.

Der Auftritt der Berliner hat einmal mehr offengelegt, wie verunsichert Teile der Mannschaft nach der chaotischen Abstiegssaison sind. Welche Berufseinstellung einige haben. Wie disziplinlos es unter dem einen oder anderen Vorgängern zugegangen sein muss. Und welches Maß an Selbstüberschätzung und falschem Anspruchsdenken im Klub herrscht. Das gilt nicht nur für die Spieler.

Greift Luhukays Erziehungsauftrag?

Mit Luhukay steht ein Mann in der Verantwortung, der Leidenschaft, harte Arbeit predigt und für Bodenständigkeit steht - aber gewiss nicht für Glamour. Und der einen inneren Reinigungsprozess angestoßen hat. Bald wird sich zeigen, ob Luhukays Erziehungsauftrag greift. Oder ob Hertha beratungsresistent bleibt. Letzteres wäre fatal für den Verein.

Uwe Röser

16.08.12
 
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weitere Infos zu Luhukay

Vorname:Jos
Nachname:Luhukay
Nation: Niederlande
Verein:Hertha BSC

weitere Infos zu Niemeyer

Vorname:Peter
Nachname:Niemeyer
Nation: Deutschland
Verein:SV Darmstadt 98
Geboren am:22.11.1983