Nashville feiert Rinne und die Predators

Eishockey-Euphorie und ein Play-off-Monster

Eishockey - 08.06. 09:55

2:2 steht es in der Stanley-Cup-Finalserie zwischen den Pittsburgh Penguins und den Nashville Predators. Beide Teams konnten ihre bisherigen zwei Heimspiele gewinnen. Dabei wird vor allem das Team aus Tennessee von einer gewaltigen Euphoriewelle getragen, denn in der "Musik City" ist der Eishockey-Wahnsinn ausgebrochen: Aus Nashville ist "Smashville" geworden, Autos werden zertrümmert, Welse fliegen auf das Eis und die Bürgermeisterin stellt unpünktlichen Arbeitnehmern einen Freibrief aus. Das alles bestimmende Thema sind die Predators und ihr Play-off-Monster.

Spektakulär: Nashvilles Torwart Pekka Rinne (u.) rettet gegen Pittsburghs Jake Guentzel. © Getty Images

Er ist zurück! Wirklich weg war Pekka Rinne zwar auch in den ersten beiden Finalpartien in Pittsburgh nicht, doch waren seine Fangquoten mit 63,6 Prozent in Spiel 1 (3:5) sowie 84 Prozent in Spiel 2 (1:4) eher besorgniserregend. Doch die Rückkehr nach Nashville schien auf die Predators und ihren so wichtigen Torwart eine belebende Wirkung gehabt zu haben: Mit 96,4 Prozent in Spiel 3 (5:1) sowie 95,8 Prozent in Spiel 4 (4:1) zeigte sich der Goalie wieder von seiner übermenschlichen Seite.

Weit aufgerissene Augen, geöffnete Münder und ein leichtes, ungläubiges Kopfschütteln. So hatte Rinne nicht nur die Fans in der Bridgestone Arena, sondern auch seine Gegenspieler auf dem Eis hinterlassen: Pittsburghs Superstar Sidney Crosby, Play-off-Top-Torjäger Jake Guentzel und der erfahrene Chris Kunitz - sie alle wirkten ein wenig ratlos nach einer Reihe von Mega-Saves im zweiten Drittel: Guentzel scheiterte frei im Slot an einem Blitz-Reflex (23.), Kunitz zog bei einem Breakaway den Kürzeren (24.) und selbst Crosby scheiterte bei einem Alleingang mit gleich zwei Schussversuchen am Riesen Rinne, der nur einen Wimpernschlag später mit einem spektakulären Hechtsprung auch noch die Nachschusschance von Guentzel meisterte (29.).

Die Rückkehr des Play-off-Monsters

Der 34-jährige Finne aus Kempele ist wieder zur mehrarmigen Krake transformiert, zum Play-off-Monster, das die Predators überhaupt erst so weit gebracht hatte. Mit seinem 1,95 Meter großen und 98 Kilogramm schweren Körper deckt der Goalie nicht nur einen Großteil seines Gehäuses ab, er ist unglaublich athletisch, glänzt mit starken Reflexen und einer Mischung aus teils riskantem Torwartspiel und der Ruhe eines Eisbergs. Das zeigt Rinne auch beim Mitspielen hinter dem Tor: Der Keeper saugt sämtliche tief gespielte Pucks auf und verteilte diese mit präzisen Pässen an seine Mitspieler weiter. Sein Coach Peter Laviolette adelte seinen Schlussmann längst als "dritten Abwehrspieler".

Und so ist Rinne hauptverantwortlich für den Eishockey-Boom in Nashville, einer Stadt, die bislang ein eher blasser Fleck auf der NHL-Landkarte war. Doch aus blass ist bunt geworden: Über 17.000 vornehmlich in Gelb gekleidete Fans peitschen die Predators in der ausverkauften Bridgestone Arena nach vorne. Jede Rinne-Parade wird bejubelt wie ein Treffer. Jüngst wurden 129 Dezibel gemessen, das ist lauter als eine Kettensäge oder ein Presslufthammer. "Du hörst sie in der Kabine und wenn du aufs Eis gehst, dann ist es, als würdest du in einen Orkan hineinlaufen", beschreibt Preds-Kapitän Mike Fisher das ultimative Gänsehautgefühl. "Unglaublich", findet auch Verteidiger Yannick Weber.

Smash Cars, Katzenfische und die Farbe Gelb

Eine Stadt im Eishockey-Fieber: Katzenfische (o.l.), Smash Cars (u.) und Verkleidungen (o.r.). © Getty Images

Doch auch außerhalb des Eisstadions kennt die Euphorie keine Grenzen mehr: Über 50.000 Anhänger belagern den Broadway, der auch an der Arena vorbeiführt. Die, die kein Ticket ergattern konnten, fiebern gemeinsam beim Public Viewing mit. Überall ist Gelb und Blau die dominierende Farbe - egal ob auf T-Shirts, Trikots, Handtüchern oder Kostümen. Bei letzteren erfreut sich der "Catfish" als gern gewähltes Motiv. Der Wels gilt als der große Glücksbringer für die Predators. Ähnlich wie besagter Fisch seine Nahrung sammeln auch die Hockeyspieler ihre Punkte vom Boden bzw. von ganz unten auf. Als 16. und damit letztes Team qualifizierte sich Nashville für die Play-offs und ist damit eigentlich der ultimative Außenseiter. Echte "Katzenfische" wurden trotz eines Verbots mit ins Stadion geschmuggelt und aufs Eis geworfen. Eishockeyspieler und -fans sind abergläubisch.

Eine gern genutzte Attraktion ist deshalb auch das "Smash Car", einem in Vereinsfarben des gegnerischen Teams angestrichenes Auto, das gegen Bargeld mit einem Vorschlaghammer bearbeitet werden darf. Fünf US-Dollar kostet ein Schlag, für zehn darf gleich dreimal geknüppelt werden, für 20 gibt es neben drei Hieben auch noch einen Cowboy-Hut dazu.

Fan-Support als "bürgerliche Pflicht"

"Let's Go Preds!", hallt es von den Rängen, die Spieler heben anerkennend ihre Schläger. © Getty Images

Dieser darf dann auch tags darauf in der Arbeit getragen werden. Angestellte, die aufgrund der Unterstützung für die Preds zu spät kommen, sind ausdrücklich erwünscht, wie Bürgermeisterin Megan Barry mitteilte: Auf Twitter veröffentlichte sie ein Entschuldigungsschreiben mit ihrem Briefkopf und ihrer Unterschrift, in das die Fans den Namen des Arbeitgebers und den eigenen eintragen konnten. Darin schrieb Barry: "Wenn Ihr hart arbeitender Angestellter heute ein bisschen zu spät kommt, hoffe ich, dass Sie Gnade zeigen und ihn nicht auf die Strafbank schicken." Er habe seine "bürgerliche Pflicht erfüllt, indem er lange aufgeblieben ist, um das Spiel unserer Nashville Predators gegen die Pittsburgh Penguins zu sehen".

Und so fiebert eine ganze Metropole dem nächsten Heimspiel entgegen. Durch das 2:2 in der Serie ist aus einer "Best-of-seven" eine "Best-of-three"-Serie geworden. Eine weitere Begegnung in der Bridgestone Arena ist damit garantiert. Um das ultimative Ziel, den Gewinn des Stanley-Cups, zu erreichen, muss "Smashville" aber auch auswärts mindestens ein Spiel "stehlen". Zu Hause haben die Predators in den Play-offs bislang neun von zehn Partien gewonnen. Die gelbe Europhiewelle und das Play-off-Monster werden es schon richten.

Christian Rupp

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