
Mit schrecklicher Regelmäßigkeit verbreiten Geisterfahrer Grauen auf den Straßen. So wie im vergangenen Oktober, als nach der Falschfahrt einer 31-Jährigen auf der A73 zwischen Bamberg-Süd und Hirschaid der Tod ihrer beiden kleinen Töchter und des Beifahrers des entgegenkommenden Autos zu beklagen war. Oder wie im November: Auf der A5 bei Offenburg hatte ein 20-Jähriger einen wahren Horrorunfall verursacht, den nicht nur er selbst, sondern auch fünf weitere Menschen mit dem Leben bezahlen mussten.
Allein in den letzten drei Monaten des Jahres 2012, so zieht der TÜV Rheinland eine traurige Bilanz, seien mehr Menschen durch Unfälle mit Falschfahrern gestorben als sonst in einem ganzen Jahr. 19 Menschen waren es, die so ums Leben gekommen sind. Der ADAC hat für 2012 rund 1900 Geisterfahrermeldungen gezählt. Andreas Hölzel, Verkehrsexperte des Clubs: "Auf deutschen Autobahnen werden jährlich rund drei Prozent der tödlichen Unfälle durch Falschfahrer ausgelöst."

Es ist vor allem die Hilflosigkeit, das Gefühl des schutzlos Ausgeliefertseins, das Menschen beim Gedanken an ein auf der eigenen Fahrspur entgegenkommendes Auto entsetzt. Keine noch so defensive, noch so vorausschauende Fahrweise bewahrt vor einem Alptraum-Crash, wenn ein anderer an der Auffahrt - bewusst oder unbewusst - einen furchtbaren Fehler begeht.
Zunehmend stellen auch Techniker Überlegungen an, wie den Irrlichtern der Schnellstraße beizukommen sei. Der Automobilzulieferer Continental hat jetzt ein System entwickelt, das wahrnimmt, wenn ein Auto in falscher Richtung unterwegs ist und das den Fahrer mittels entsprechender Warnsignale - akustischer Art, durch einen kurzen Bremsruck, eine Vibration des Lenkrads oder eine Straffung des Gurts - wachrüttelt. Technisches Herzstück ist eine Monokamera, die hinter der Windschutzscheibe auf der Höhe des Rückspiegels installiert ist. Sie erkennt das Schild "Einfahrt verboten" und gibt diese Information an den Rechner der Bordelektronik weiter. Stellt dieser fest, dass der Fahrer am Schild vorbei in einen Autobahnzubringer einbiegt, können die Alarmsignale ausgelöst werden.
Als erster Automobilhersteller wird Mercedes das System in seinen Modellen E- und S-Klasse installieren, die beide in diesem Jahr neu auf den Markt kommen. Sukzessive soll es auch in anderen Baureihen eingeführt werden. Sicherheitshalber gleicht "Real Life Safety" die Kameradaten noch mit denen des Navigationssystems ab. Funktionieren wird es vorerst allerdings nur in Deutschland. Man arbeite jedoch daran, so heißt es bei Mercedes, dieses neue System "auch für andere Länder fit zu machen."
Ein noch effektiverer Schutz ist möglich, wenn künftig die Vernetzung mit der Kommunikation von Fahrzeug zu Fahrzeug verwirklicht wird. So können Verkehrsteilnehmer direkt und schneller vor in der Nähe befindlichen Falschfahrern gewarnt werden, als es der Verkehrsfunk schafft. Letzte Konsequenz: "Wenn ein Geisterfahrer anhand verschiedener Informationen als solcher erkannt wird und nicht auf Warnhinweise reagiert, ist auch ein automatisches Abbremsen des Fahrzeugs denkbar", sagt Wolfgang Fey, Leiter der Forschung und Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen bei Continental.
Die aufwendigsten Warnsysteme verpuffen schließlich dann zur Wirkungslosigkeit, wenn es nicht Versehen, sondern Absicht ist, was zu einer Falschfahrt führt. "Ein kleiner Teil der Geisterfahrer fährt bewusst in falscher Richtung auf die Autobahn auf" , weiß Silke Eichelbaum, Psychologin beim TÜV Rheinland. Suizidgedanken könnten hier eine Rolle spielen, ebenso aber verantwortungslose Mutproben. In diesen Fällen helfen weder die neongelben Warnhinweise an Autobahnauffahrten weiter, die laut ADAC in Österreich zu einem Rückgang der Autofahrer geführt haben, noch tun dies Appelle, sich regelmäßig einem Sehtest zu unterziehen und berufliche oder private Stress-Situationen auszublenden, sobald man sich ans Steuer setzt.
Vorsätzlichen Geisterfahrten könnten beispielsweise scharfkantige Krallen ein Ende bereiten, die an Autobahnzubringern in den Asphalt eingelassen werden und automatisch hochschnellen, sobald sie vom Falschfahrer passiert werden. Eine Maßnahme, die allerdings sehr teuer kommt. Preiswerter mag es sein, wiederum die Elektronik einzubinden. Schon heute sind viele Autos mit Radarsystemen bestückt, die beispielsweise als technische Basis für einen Abstandstempomaten oder eine Einparkautomatik fungieren. Mit ihrer Hilfe könnten Empfänger an Autobahnauffahrten Geisterfahrer registrieren und die entsprechenden Hinweise sofort an Polizei und Verkehrsfunk weitergeben.

Zumindest würde dies die Warnkette verkürzen. Und gefährdete Autofahrer schnellstens darauf aufmerksam machen, dass jetzt Vorsichtsmaßnahmen angebracht sind: Sofort auf die rechte Fahrspur wechseln, Überholmanöver unbedingt sein lassen, und die Autobahn unverzüglich auf einen Rastplatz oder über die nächste Ausfahrt verlassen.
Ulla Ellmer
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