Auch Fiat bedankt sich inzwischen bei Mercedes. Die dahingeschiedene alte A-Klasse hinterlässt eine Lücke, die andere nur zu gern besetzen. VW reibt sich im Hinblick auf den Golf Plus die Hände, die Italiener hoffen mit einem komplett neuen Modell zu profitieren. Der im serbischen Kragujevac produzierte 500L bietet die beliebt hohe Sitzposition, dazu Platz für fünf, ein variables Raumkonzept und soll allen gefallen, "die cool sein möchten, aber auch praktischen Nutzwert wollen". Nach dem klassischen 500, dem Beinahe-Cabrio 500C und dem Abarth ist er der jüngste Ableger des Cinquecento-Clans. Fast könnt' man meinen, dass Fiat sich ein paar Anregungen von der kontinuierlich wachsenden Mini-Familie geholt hat. Das aber, so gibt man zu verstehen, habe man gar nicht nötig gehabt. Blick zurück in die Firmengeschichte: Schon 1956 hat mit dem 600 Multipla ein 500L-Urahn das Licht der automobilen Welt erblickt, 1961 folgte der ebenso inspirierende Kleinst-Kombi 500 Giardiniera.
Jetzt also der 500L, trendgerecht vielfältig individualisierbar, unter anderem mit schicker Bicolore-Einfärbung. Von ihm erhofft sich Fiat auch einen lindernden Effekt, was die - vorsichtig formuliert - nicht unproblematische Absatzsituation betrifft. "Es geht rund in der Autobranche", sagt Deutschland-Chef Martin Rada sehr zutreffend. Wenn gerade im geplagten Südeuropa überhaupt noch was gekauft wird, dann was Kleineres. Der 500L mit seinen 4,14 m Länge mag da gerade noch in den Bereich des finanziell Tragbaren passen. Ein echter Blutsverwandter des Cinquecento ist er übrigens gar nicht, seine Plattform ist eine andere, als erster Fiat steht er auf der neuen "New Small Platform" des Hauses. Von vorne sieht er genauso lieb und lifestylig aus wie der 500, seitlich lässt der bullige Mini Countryman grüßen, das Heck ist die am wenigsten schokoladige Seite. Der Innenraum gibt sich je nach Ausstattungsvariante ganz edel (Klavierlack) oder ganz peppig (bunte Farben), 22 Ablagen nehmen kleineren und größeren Krimskrams auf. Von der angenehm hohen Sitzposition ist bereits die Rede gewesen, sie geht einher mit einer geradezu imposanten Kopffreiheit, die auch den hinteren Passagieren beschert ist.
Das Gepäckabteil schluckt in Basiskonfiguration 400 l weg. Wer mehr Platz braucht, kann die Rücksitzbank längs verschieben oder geteilt umklappen, optional gibt es eine Ski-Durchreiche. Je nach Positionierung der Laderaumabdeckung - dreistufig möglich - ergibt sich in Kooperation mit der kompletten Faltbarkeit der hinteren Sitzbank eine völlig ebene Ladefläche. Ganz im Boden verschwinden die Sitze allerdings nicht. "Knallharte Tests" habe man durchgeführt, witzelt Produktmarketing-Leiter Oliver Willand, er meint damit das komplikationslose Beladen des 500L mit dem 2,40 m Billy-Regal aus dem Sortiment eines nicht ganz unbekannten schwedischen Möbelhauses. Die umgeklappte Lehne des Beifahrersitzes wiederum lässt sich als Laptop-Tisch nutzen. Dessen Nutzung sei während der Fahrt freilich ebensowenig empfohlen wie die des wohl ungewöhnlichsten Zubehördetails: Einer Mini-Espressomaschine von Lavazza, die sich in die 12-V-Steckdose einstöpseln lässt. Zwei Minuten Vorbrühzeit, "schon kriegen Sie Ihren Koffein-Fix und weiter geht's", sagt der fürs 500L-Produktmarketing verantwortliche Oliver Söll enthusiastisch. Zwei- bis dreihundert Euro soll das Teil kosten, wenn es im Dezember die Zubehörliste ergänzt.
Der Sicherheit dienlich ist die Fähigkeit des Infotainmentsystems, SMS gegebenenfalls vorzulesen; musikalisch dürfte der 500L Meriten unter "hipper" Kundschaft ernten, weil er gegen Aufpreis die Coolness einer in Zusammenarbeit mit den Soundspezialisten von "Beats Audio" und dem unter Kennern geschätzten Hip-Hop-Produzenten Dr. Dre entwickelten Audioanlage liefert.
Für den Anfang offeriert Fiat drei verschiedene Motoren: Einen 1.4-l-Vierzylinder mit 95 PS, tauglich für 178 km/h Spitze und 6,2 l/100 km Durchschnittsverbrauch, allerdings nicht gerade ein Killer, was sein Temperament betrifft. Dann den bereits bekannten 0,9-l-Zweizylinder-TwinAir mit 105 PS (180 km/h, 4,8 l/100 km). Und schließlich den unaufgeregt-durchzugskräftigen 1.3-l-Multijet-Diesel, 85 PS in der Hinterhand, maximal 165 km/h schnell und 4,2 l/100 km sparsam. Sowohl TwinAir als auch Diesel arbeiten mit einer Start-Stopp-Automatik, die Benziner tun bereits der ab 2015 gültigen EU6-Abgasnorm Genüge.
Das Basismodell 1.4 "Pop" kostet 15900 Euro, viel ist da noch nicht drin, wer beispielsweise Klimaanlage, Aluräder, Radio mit Bluetooth und ein Multifunktionslenkrad will, muss mindestens 17900 Euro ins "Pop-Star"-Level investieren, das Topmodell "Lounge" (Zwei-Zonen-Klimaautomatik, Skidurchreiche, Glasdach mit Sonnenrollo, Parksensoren etc.) kostet mindestens 19000 Euro.
Im nächsten Jahr folgt antriebstechnisch noch weiteres, ein 1.6-l-Diesel mit 105 PS beispielsweise und eine Erdgasvariante. Außerdem wird es ein automatisiertes Dualogic-Schaltgetriebe geben, allerdings nur für den Diesel. Die robuste Trekking-Variante soll auf Abenteurer machen, bekommt aber keinen Allradantrieb, der folgt erst 2014 im 500 LX.
Vor allem aber wird sich der 500 noch weiter aufplustern: Zu mehr Länge - und damit gleich zum Siebensitzer.
Ulla Ellmer
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