
Es sind ausgerechnet die französischen Gastgeber, denen die Krise besonders gründlich die Bilanzen und damit die Stimmung verhagelt. Renault und PSA (Peugeot-Citroën), deren Hauptabsatzmärkte im kriselnden Europa liegen, müssen schwere Einbrüche hinnehmen. Rund 200 Millionen Euro verbrenne man derzeit monatlich, räumte PSA-Chef Philippe Varin unlängst ein. Auch wenn sich das bis 2013 auf "nur" 100 Millionen reduzieren soll, könnten sich die tiefdunklen Wolken womöglich zu einem existenzgefährdeten Unwetter zusammenballen.
"Wir tun aber ja wenigstens was", sagt Citroën-Deutschland Geschäftsführer Holger Böhme in Paris mit Hinblick auf den schmerzhaften Stellenabbau, den PSA in Angriff genommen hat. Das Werk in Aulnay bei Paris soll ganz geschlossen werden, insgesamt strebt man die Einsparung von 8000 Stellen an. Böhmes Bemerkung zielt aber auch auf die taumelnden Autobauer von Opel, bei denen für das Werk Bochum zumindest bis 2016 noch eine Bestandsgarantie besteht, die Krisenbewältigung also (noch) deutlich handzahmer vonstatten geht. Zwischen PSA und Opel-Konzernmutter GM besteht eine Partnerschaft; Spekulationen galten bereits der gemeinsamen Produktion künftiger Mittelklassemodelle (Peugeot 508, Citroën DS5, Opel Insignia) in Rüsselsheim. Ob sich das nach dem Kahlschlag in Frankreich noch politisch verkaufen lässt, mag freilich bezweifelt werden.
Wenn in Spanien, Portugal oder Griechenland kaum einer mehr Autos kauft respektive kaufen kann, dann müssen die so genannten Schwellenländer ran. Peugeot wird "auf ausgewählten Märkten", zu denen auch die Türkei gehört, die in Paris vorgestellte Stufenhecklimousine 301 verkaufen, Citroën tut dasselbe mit dem Pendant Elysée. Daneben versucht Citroën mit der Fast-Cabriolet-Version des DS3 fröhliche Stimmung zu verbreiten, Peugeot gibt mit dem 2008 Concept einen Ausblick darauf, wie das künftige SUV auf 208-Basis aussehen wird und powert zudem mit dem 260 PS starken Sportcoupé RCZ R, Start voraussichtlich 2013. Renault, ebenfalls gebeutelt, stellt kompromisslos den neuen Clio samt seiner Kombiversion Grandtour in den Mittelpunkt des Messeauftritts. Dass man die Billigtochter Dacia hat, die als zentralen Hingucker die Neuauflage des fünftürigen Preisbrechers Sandero (ab 6790 Euro) ins Blickfeld rückt, ist Segen und Fluch gleichzeitig. Einerseits hält man so auch was für die preissensibleren Kunden in petto, andererseits aber drohen die Billigheimer die Produkte der Kernmarke zu kannibalisieren.
Nicht auf Discount, aber auf klein setzt Opel in Paris. Adam, Adam, Adam: Volle Konzentration auf den lifestyligen Dreitürer, der sich eher am Mini, am Citroën DS3 oder am Fiat 500 orientiert als an Bodenständigem wie dem VW up!. Das künftige Astra-Cabrio Cascada musste da vorerst zuhause bleiben. Und es bleibt der aufstrebenden Schwestermarke Chevrolet vorbehalten, mit dem Trax jenes kurze SUV zu präsentieren, das auch bei Opel - unter dem koffeinhaltigen Namen "Mokka" - laufen wird.
Wie Frankreichs Autobauer und Opel zählt auch Fiat zu denjenigen, die - sieht man einmal von der US-Tochter Chrysler ab - die Talfahrt im Süden Europas kaum durch Präsenz in prosperierenderen Regionen auffangen können. Bahnbrechend Neues hat man an der Seine nicht vorzustellen, man zeigt den Panda als Allradler (4x4) und als Erdgasvariante (Natural Power) mit 0,9-l-Zweizylinder-Turbo.
Nicht unbedingt mit der ganz breiten Brust, aber doch deutlich selbstbewusster reisten die deutschen Hersteller gen Paris. Man erkennt und registriert die ersten Schwächezeichen auch auf bislang verlässlichen Märkten wie dem heimischen und China, aber man vertraut auf die umfassend, zukunftsträchtig, vor allem aber gefragt-hochwertig aufgestellte Produktpalette. VW hat mit dem Golf die wohl wichtigste Neuheit von Paris aufzubieten, flächendeckend dominiert er den Messestand, als Überraschung flankiert von einer sehr seriennahen GTI-Studie (220 statt bislang 210 PS) und der ab 2013 verkauften Sparversion BlueMotion, die - gerüstet mit einem 110 PS starken 1,6-l-Diesel - nur 3,2 l pro 100 km verbrauchen soll. Audi liefert - surprise, surprise - auf Basis des Q3 eine Art SUV-Cabriolet an: Das "Crosslane Coupé" soll gleichzeitig einen Ausblick auf die künftige Designstrategie der Ingolstädter geben. Skoda favorisiert an der Seine die Stufenhecklimousine Rapid, Seat den neuen Leon, sozusagen die spanische - und, wie mancher Betrachter meinte, schickere - Version des Golf. Mit einem echten Knaller macht Porsche von sich reden: Der bildschöne "Sport Turismo" ist ein Plug-In-Hybrid und so etwas wie die Kombiversion des Panamera, ab 2014 könnte er beispielsweise gegen den Mercedes CLS Shooting Brake antreten.
Einen weiteren Konkurrenten für das Mercedes-Portfolio zeigt BMW: Der "Concept Active Tourer" wird sich an die B-Klasse heranpirschen, revolutionärerweise mit Frontantrieb und auch mit Dreizylindern. Tochter Mini lockt mit dem Countryman-Coupé Paceman ein überwiegend jüngeres Publikum an. Und Mercedes selbst zieht eine elektrische Supershow ab. Das leuchtend metallicblau eingefärbte SLS AMG Coupé Electric Drive ist ein 750 PS starker Stromer, der sich in 3,9 Sekunden von null auf hundert katapultiert und rund 500000 Euro kosten soll. Viel braver mutet dagegen die E-Version der B-Klasse an, sie wird 2014 in den Verkauf gehen und eine Reichweite von rund 200 km schaffen.
Fords Exponate wiederum sind weniger zum Träumen da, sondern haben bereits sehr realen (Serien-)Hintergrund: Man präsentiert den neuen Mondeo und stellt den neuen Fiesta gleich daneben.
Toyota ist dabei, sich von der Verliererseite auf die Gewinnerstraße zurückzuschlagen. Nach Paris hat man die neue Generation des kompakten Auris mitgebracht, die Kombivariante "Touring Sports" inklusive einer Vollhybridversion ist auch gleich mit dabei, und als dritter Kompakter steht der gründlich überarbeitete, bis zu siebensitzige Verso im Scheinwerferlicht. Mit eher gemischten Gefühlen ist wiederum Hyundai an die Seine gereist. Unbehaglich registrieren die Koreaner, dass ihre Verkaufserfolge in Frankreich von mancher Seite auch als Sargnagel für die heimischen Hersteller betrachtet werden. In Paris hat Hyundai die künftige Serienfertigung eines Brennstoffzellen-Fahrzeugs (ix35 FCEV) bekanntgegeben, als Neuheit präsentiert man die dreitürige Version des i30.
Auch der Messerundgang überhaupt hinterlässt zwiespältige Empfindungen. An zukunftsweisenden Studien, vor allem aber an vernunftorientierten und daher für den Kunden interessanten Neuheiten herrscht wahrlich kein Mangel. Woher diese Käufer allerdings kommen sollen - das bleibt angesichts vielfach drängender finanziellen Sorgen ein Sorgenszenario.
Ulla Ellmer
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