Für Revolutionen ist die A-Klasse schon immer gut gewesen. 1997 kam sie als Mini-Mercedes oder Baby-Benz auf den Markt, sah komplett anders aus als alles, was die Schwaben sonst im noblen Portfolio hatten und legte mit dem bis heute legendären Elchtest-Debakel erst einmal einen furiosen Fehlstart hin. Ausgebügelt wurde der durch den heilsamen Einsatz von ESP - ein Krisenmanagement, der die Autokäufer eine inzwischen nahezu flächendeckende Versorgung mit dem Schleuderschutz zu verdanken haben.
Ihre eigentliche Mission, jüngere Käufer zu ködern, hat die A-Klasse nie erfüllen können. Das soll jetzt der Nachfolger schaffen. Der hat mit dem biederen Urmodell nullkommanull mehr zu tun. Geblieben ist bloß der Name. Ansonsten: Wow - welch ein Aufreger! Satt lauert der 4,29 m lange Neue auf der Straße, reckt eine sportwagenlike lange Front mit einer Kühlermaske in den Fahrtwind, aus der die renommierfähige Verwandtschaft zu den Mercedes-Roadstern spricht. Athletisch definiert die Seitenpartie; auch das Heck sieht so bullig aus, als sei's im Kraftraum in Form gebracht worden. Es mag ja Geschmackssache sein, aber in Sachen Emotionalität steckt die A-Klasse zumindest einen wie den extrem unterkühlt gestylten A3 in die Tasche. Also einsteigen. Und wieder: Toll! Top-Materialien, perfekte Bedienbarkeit, klasse Sitze. Fünf turbinengleiche Belüftungsdüsen als Eyecatcher (erneut lassen die Roadster grüßen), dazu ein klavierlack-verbrämtes Display im iPad-Stil. Manch einen mag stören, dass es keinen Start-Stopp-Knopf gibt, zumindest ist so aber der Zündschlüssel stets aufgeräumt. Platztechnisch gibt es nichts auszusetzen, auch im Fond sitzt es sich gut, allerdings geht's dort ein bisschen gruftig dunkel zu. Ins Gepäckabteil passen 341 Liter, das ist nicht überragend, und auch die Ladeöffnung könnte man sich etwas praktikabler ausgeformt wünschen.
Und die Fahrdynamik? Da ist die frontgetriebene A-Klasse wahrlich keine Spaßbremse! Vor seinen wichtigsten Mitbewerbern im Marktsegment der Premium-Kompakten, BMW 1er und Audi A3, muss sie sich ganz und gar nicht verstecken. Knackig das Handling, satt die Verbundenheit mit dem Asphalt, ausgeprägt der Hunger auf Kurven, mustergültig präzise die elektromechanische Servolenkung. Das macht Freude, richtig viel Freude. Allerdings ist das aufpreispflichtige Sportfahrwerk eine Investition, die man sich gut überlegen sollte - es ist sehr straff abgestimmt, und vor allem den Fondpassagieren knallen Unebenheiten arg hart in die Wirbelsäule. Die Möglichkeit, das Setup via Knopfdruck zu verstellen, bietet die A-Klasse übrigens nicht. "So etwas ist letztlich immer nur ein Kompromiss", sagt Entwicklungsleiter Prof. Dr. Hans-Georg Engel dazu. Auf Power getrimmt hat Mercedes auch das Motorenangebot. Bei den Benzinern geht nichts mehr unter 122 PS, freigesetzt vom A 180 (ab 23979 Euro, Spitze 202 km/h, Verbrauchsschnitt 5,5 l). Darüber angesiedelt der A 200 (ab 27013 Euro, 156 PS, 224 km/h, 5,5 l) und der A 250 (ab 33498 Euro, 211 PS, sattes Drehmoment von 350 Nm ab 1200/min, 240 km/h, 6,1 l). Vor allem aber der als GTI-Schreck positionierte A 250 Sport, ein echter Kracher, auch 211 Turbo-PS stark, aber optisch und fahrdynamisch noch intensiver auf Leistung gebürstet und mindestens 36860 Euro teuer. Anfang 2013 folgt dann der Radikal-Sportler A 45 AMG, allradgetrieben, "mit phänomenalen Leistungsdaten", wie Mercedes-Vertriebs- und Marketingchef Dr. Joachim Schmidt verheißungsvoll ankündigt. Vermutlich sind damit rund 350 Pferdestärken gemeint.
Das Diesel-Angebot beginnt beim A 180 CDI, den es gleich zweifach geben wird: In 109 PS starker 1,5-l-Ausführung mit Sechsganggetriebe (ab 26478 Euro), aus der Kooperation mit Renault und gleichzeitig das Aushängeschild in Sachen Sparsamkeit: Der Verbrauch soll bei lediglich 3,8 l liegen, was einem CO2-Ausstoß von 98 g/km entspricht. Außerdem steht der A 180 CDI in 1,8-l-Ausführung bereit (ab 28643 Euro), ebenfalls mit 109 PS, mit 7G-Doppelkupplungsgetriebe und 4,1 l sparsam. Als sehr angenehmer Partner, da kultiviert, akustisch zurückhaltend und mit zügiger Kraftentfaltung gesegnet, erwies sich auf ersten Testfahrten der 136 PS starke A 200 CDI. Er steht ab 27787 Euro in der Preisliste, schafft 210 km/h Spitze und begnügt sich mit 4,3 l. Etwas später wird Mercedes noch den A 220 CDI (170 PS) nachschieben. Alle Motorisierungsvarianten sind serienmäßig mit Start-Stopp-System kombiniert, die Benziner erreichen bereits die künftige EU6-Norm, ebenso der Top-Diesel. Für die meisten Modelle ist als Alternative zur manuellen Sechsgangschaltung das bereits erwähnte 7G-DCT ordern, ein tolles Teil, aber mit dem nicht unbeträchtlichen Aufpreis von 2166 Euro verbunden. Sicherheitstechnisch ist der gleichfalls serienmäßige Notbremsassistent zu erwähnen, der den Fahrer via rotem Lichtlein und, wenn's noch brenzliger wird, einem akustischen Warnsignal auf die drohende Gefahr einer Kollision aufmerksam macht. Bremsen muss der Pilot dann selbst, wobei er aber durch einen speziellen Bremskraftverstärker unterstützt wird. Und klar, dass die angepeilte junge Kundschaft durch moderne "Connectivity" gebunden wird. "Danach fragt diese Klientel im Autohaus oft als erstes", sagt Dr. Schmidt. Alsdenn lässt sich beispielsweise das iPhone nahtlos ins Infotainmentsystem integrieren, sodass entsprechend auf Musik, Internet-Radiostationen oder Facebook-News zugegriffen werden kann. Wer mag, kann den Standort seiner Facebook-Freunde gleich als Zieleingabe ins Navi übernehmen.
Es ist eine große Aufgabe, welche die neue A-Klasse zu schultern hat. Als elementarer Teil der "Wachstumsstrategie 2020" soll sie maßgeblich dazu beitragen, dass Mercedes wieder an den Premium-Konkurrenten BMW und Audi vorbeizieht. Dazu muss freilich Volumen geschrieben werden, ganz so, wie es eben BMW mit dem 1er und Audi mit dem A3 sowie beider Derivate höchst erfolgreich praktizieren. Das soll für Mercedes jetzt die A-Klasse leisten, deren Angebot folgerichtig noch zusätzlich in die Breite wachsen wird. Längst auf der Straße unterwegs ist etwa die eng verwandte neue B-Klasse. Sie soll künftig diejenigen aufnehmen, welche eine hohe Sitzposition und bequemen Zustieg schätzen und die durch das Hinscheiden der alten A-Klasse heimatlos geworden sind. Wer früher "A" gesagt hat, so hofft Mercedes, wird künftig "B" sagen. Sicher ist, dass als weitere Ableger ein kleines SUV und das bildschöne, viertürige Coupe CLA kommen, Spekulationen gelten zudem einem Shooting Brake (das ist ein Crossover aus Kombi und Coupe), einer kleine Limousine oder einem Cabriolet. "A" - wie abwechslungsreich.
Ulla Ellmer
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