
Spritpreisschock hin oder her: In Deutschland zählt inzwischen beinahe jeder siebte Neuwagen zur SUV-Fraktion, Tendenz stetig steigend. Die meist allradgetriebenen Modelle verdrängen so manchen Van aus der Garage - Vorzüge wie hohe Sitzposition, viel Platz und mitunter sogar eine dritte Sitzreihe kann so ein schicker Abenteurer schließlich genauso bieten. Ein ähnliches Schicksal ereilt zunehmend auch die klassische Stufenhecklimousine, der das SUV in Sachen Langstreckentauglichkeit zumindest ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen ist. Gerade Frauen mögen den souveränen Überblick und das beruhigende Gefühl, in einer festen Burg untergebracht zu sein; ältere Autofahrer wissen darüber hinaus den bequemen Zustieg zu schätzen.
Die trendigen Soft-Offroader bescheren also gute Geschäfte. Mit großer Aufmerksamkeit beginnen das auch jene Hersteller zu registrieren, deren Status sich eigentlich aus ganz anderen Fahrzeugen speist: Sportlichen Rennern einer ebenso edlen wie luxuriösen Couleur. Deren Abnehmerzahl unterliegt freilich einer gewissen natürlichen Begrenzung. Nicht unbedingt der finanziellen Voraussetzungen wegen - Superreiche gibt es nicht zu wenige auf diesem Globus. Eher ist es die Bauart, die einer weiteren Verbreitung den Riegel vorschiebt. Schnell mag so ein Bolide sein, spektakulär anzusehen auch - aber praktisch? Na ja.
Wie diverse Edelschmieden sich den Push ihrer Verkaufszahlen unter tatkräftiger Hilfe des SUVs vorstellen, ist derzeit auf der Messe "Auto China" in Peking zu besichtigen. Zu den meistbeachteten Weltpremieren dort zählt der Lamborghini Urus, ein knapp fünf Meter langer Allradler der Luxusklasse. Mit dem Viersitzer, sagen die Italiener aus Sant'Agata Bolognese, könne nun endlich - endlich! - ein Lamborghini "als Erstwagen im Haushalt genutzt werden". Man mag nicht mehr zusehen, wie sich die betuchten Kunden aus dem SUV-Pool der Konkurrenz bedienen, dieses Geschäft gedenkt man künftig selber zu machen. Der Name "Urus" steht übrigens für "Auerochse", eine wilde Urform des Rindes, dem der spanische Kampfstier eng verbunden ist. Dem angemessen zeigt sich Leistungspotenzial. Tierische 600 PS lässt der elegante Lambo von der Leine, das sollte für über 300 km/h Topspeed reichen. Abriegeln? Nein danke.
"Als dritte Baureihe ist der Urus die perfekte Ergänzung zu unseren Supersportwagen", sagt Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann. Würde das angepeilte Produktionsvolumen von 3000 Einheiten pro Jahr realisiert, wäre der SUV-Bolide wohl das meistverkaufte Modell im Programm. Bis zum Verkaufsstart dürften allerdings noch rund vier Jahre ins Land ziehen, und erwartungsgemäß wird der Big-Size-Lambo nur was für die Superreichen sein: Rund 200000 Euro soll er kosten.
Hilfreich bei Konzeptionierung und Realisierung des Projekts ist Lamborghinis Familienzugehörigkeit zum Volkswagen-Konzern, aus dessen umfangreichem Baukasten (VW Toureg/Audi Q7/Porsche Cayenne) man sich bequemerweise bedienen kann. Ganz ähnlich geht es Bentley, einer weiteren schönen VW-Tochter. Die zeigte bereits auf dem Genfer Salon im März den EXP 9 F, eine massige SUV-Studie, die als Topmotorisierung gleichfalls den über 600 PS starken W12-Biturbo aus dem Wolfsburger Motorenregal nutzen könnte. In Peking stand das Bentley-Concept nun wiederum zur Schau; das diesbezüglich schmerzfreiere chinesische Publikum schien den EXP indes entschieden weniger als verstörend überdimensionierte Wuchtbrumme zu empfinden als seine europäischen Kritiker.
Eine neue Allianz beflügelt auch Maseratis Pläne, sich im lukrativen Geschäftsfeld der feinen Abenteurer zu betätigen. Immerhin ist - nach dem Zusammenschluss von Konzernmutter Fiat mit Chrysler - die geländetechnisch versierte Marke Jeep zur Schwester geworden, da bietet sich ein familieninterner Transfer der entsprechenden DNA an. "Kubang" nennt sich phonetisch etwas unglücklich das entsprechende Produkt; eine optisch zweifellos ansehnliche und ziemlich glamouröse Studie, deren Serienfertigung ab Ende 2013 schon beschlossene Sache ist. Motortechnisch soll freilich Schluss sein mit italienisch-amerikanischen Synergieeffekten, Maserati wird sich da wohl lieber auf hauseigene Achtzylinder-Kraftwerke verlassen.
Dass die sportlich orientierte Luxusgarde unter den Automobilherstellern mit so viel Enthusiasmus ins SUV-Segment drängt, dürfte nicht zuletzt mit dem verlockend leuchtenden Beispiel zu tun haben, das Porsche gegeben hat. Das Wagnis der Zuffenhausener, mit dem Cayenne eine ganz neue Baureihe für Kunden mit Bedarf nach Power und Platz gleichermaßen auf die Räder zu stellen, darf als rundum geglückt bezeichnet werden. Der große Geländegänger hat sich auch verkaufstechnisch als echter Renner etabliert. In Peking feierte man nun die Weltpremiere des neuen "GTS", ausgestattet mit einem 420 PS starken 4,8-l-V8, 261 km/h schnell und mit einer Spurtfreude gesegnet, die sich im Beschleunigungswert von 5,7 Sekunden (0 auf 100 km/h) manifestiert. Ab Juli können ihn die Kunden mit nach Hause nehmen - sofern ihr Budget eine Investition von mindestens 90447 Euro erlaubt.
Im Gegensatz zu den erwähnten Aufsteigern trägt eine andere Peking-Neuheit seit 33 Jahren Kultstatus und hat schon so einige Höhen und Tiefen mitgemacht. "Wir wollten ihn sogar schon einstellen", bekennt Axel Harries, Produktbereichsleiter des Mercedes G. Inzwischen ist der kantige Klassiker wieder da - und wie. Zweistellige Wachstumsraten vermeldet er, und das rund um den Globus. Die Neuauflage fährt viel komfortablen Luxus - beispielsweise ein Infotainmentsystem samt Internetzugang - spazieren, ohne jene Hardliner-Charakteristik zu verwässern, die einen beträchtlichen Teil ihres kernigen Charmes ausmacht. Krone der G-Schöpfung sind die beiden AMG-Versionen, G 63 AMG mit Achtzylinder-Biturbo und 544 PS sowie G 65 AMG mit Zwölfzylinder-Biturbo, nachdrücklich powernden 612 PS und einem gigantischen Drehmoment von 1000 Nm. Auf den Preis, sagt Harries, käme es der Kundschaft nicht an, zu denen gerade im Falle AMG diverse Hollywood-Celebrities zählen. Soll es auch besser nicht: Schon der "kleine" AMG kommt auf 137504 Euro, für den ganz starken gilt es 264180 Euro lockerzumachen.
Ein vergleichsweise kleiner SUV-Sportler ist es da, den Audi aufs Peking-Podest gestellt hat. Als Bolide kann das Concept-Car RS Q3 - ein Geschöpf der quattro GmbH - aber dennoch durchgehen: Sein Fünfzylinder-Turbo holt sich 360 PS aus 2,5 l Hubraum, erst bei 265 km/h ist Schluss mit lustig, und der Spurt von null auf hundert ist binnen 5,2 Sekunden durch. Stark anzunehmen ist, dass es nicht mehr allzu lang dauern wird, bis Audi diesen Kraftbolzen in den Schoß der Q3-Serienfamilie aufnehmen wird. Sportliches Muskelspiel liegt schließlich im Trend, auch bei den modernen kleineren SUVs - und mit dem Macan hat die Schwester Porsche bereits einen künftigen Konkurrenten in petto.
Ulla Ellmer
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