Von über 1,3 Millionen Teilnehmern hatten sich 24 für den Saisonhöhepunkt in Dubai qualifiziert, entweder über eine der sechs Online-Spielzeiten oder über eines der elf Live-Qualifikationsturniere. Den letzten der begehrten Plätze für das Grand Final hatte sich am 12. Mai der Düsseldorfer Kai Wollin gesichert, der im "Home of FIFA" in Zürich das Turnier der besten Spieler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gewonnen hatte.
Wollin war in vielerlei Hinsicht einer der bemerkenswerteren Teilnehmer in Dubai. Der 23-Jährige reiste bereits als Weltmeister an, im Dezember 2011 hatte er bei den "World Cyber Games" den "FIFA 11"-Titel gewonnen. Allerdings am PC. In Dubai wurde an der Playstation gespielt, an der das Spiel kleine, aber feine Unterschiede aufweist. "Das war schon eine Umstellung", berichtete Wollin. Für ihn allerdings kein Grund, sich eine Konsole zuzulegen: "Ich besitze gar keine Playstation", gab der Dortmund-Fan in Dubai mehrfach zu Protokoll und sorgte damit bei seinen Gesprächspartnern für Verwunderung.
Auch mit seiner Teamwahl war Wollin im Emirat, in dem die Temperaturen dieser Tage ins Unerträgliche steigen, ein Exot. Während 21 von 24 Finalisten sich für Real Madrid entschieden und es in den meisten, auf fifa.com allesamt live übertragenen, Duellen des Grand Final über zweimal fünf Minuten daher wenig abwechslungsreich Real vs. Real hieß, trat Wollin mit dem AC Mailand an. "Ich baue das Spiel ein bisschen langsamer auf, komme über die Flügel und flanke dann auf Ibrahimovic", beschrieb Wollin sein Erfolgsrezept.
Und das ging in Dubai bestens auf. Vier Siege, ein Unentschieden - die Gruppenphase, die am Montag im Sand von Jumeirah Beach und am Dienstag im Ballsaal des weltbekannten Luxushotels Burj el Arab ausgetragen wurde, überstand Wollin ohne Niederlage als Erster. Danach taten ihm die Füße weh - denn die Gruppenspiele mussten die Finalisten ungewohnt im Stehen absolvieren. "Ab dem Viertelfinale wird im Sitzen gespielt, Gott sei Dank", sagte Wollin am Dienstagabend bei der Auslosung der K.o.-Runde auf der Aussichtsplattform des Burj Kalifa, dem höchsten Gebäude der Welt.

Im Sitzen ging es für Wollin also am Mittwoch im exklusiven Jumeirah Resort weiter, mit einem etwas glücklichen 1:0-Viertelfinalsieg gegen den Saudi-Arabier Abdulaziz Alsheri. Im Halbfinale kam es zur Neuauflage des Vorrundenduells mit dem Spanier Alfonso Ramos. Zum Auftakt hatte der Weltmeister von 2008 gegen Wollin mit 1:3 verloren, zum Leidwesen seines ebenfalls 23 Jahre alten Kontrahenten gelang ihm die Revanche. Nachdem Wollin die Anfangsphase dominiert hatte, brachte ein Kopfballtor von Cristiano Ronaldo den Spanier in der Nachspielzeit der ersten Hälfte auf die Siegerstraße. Am Ende hieß es 0:2.
"Alles in allem war das schon sehr unglücklich", meinte ein enttäuschter Wollin, den auch das gewonnene Spiel um Platz 3 gegen den Amerikaner Giuseppe Guastella (2:1), das ihm noch ein Preisgeld von 1.000 US-Dollar bescherte, zunächst nicht wirklich aufheitern konnte. Später hatte sich die Enttäuschung schon wieder etwas gelegt: "Wenn mir vorher jemand prophezeit hätte, dass ich hier Dritter werde, hätte ich sofort eingeschlagen." Nächstes Jahr will der angehende BWL-Student einen neuen Anlauf unternehmen.

Ramos, der seinen Halbfinalgegner als "sehr starken Spieler" lobte, setzte sich im Endspiel gegen den introvertierten Franzosen Bruce Grannec (Sieger von 2009, Spitzname: "Die Maschine") in einem dramatischen Elfmeterschießen durch und krönte sich damit zum ersten Doppel-Weltmeister in der Geschichte des FIWC. "Als ich gewann, haben vielleicht 100.000 Leute mitgemacht, jetzt waren es über eine Million", wollte der glückliche Sieger seinen zweiten WM-Titel auf jeden Fall höher eingeschätzt wissen.
Der Iberer hatte schon in der Gruppenphase starke Nerven unter Beweis gestellt, als er durch den späten Ausgleich im Duell mit seinem Landsmann David Arbolí das Ausscheiden verhinderte. Der Sieg bescherte Ramos ein Preisgeld von 20.000 US-Dollar sowie eine exklusive Einladung zur FIFA-Gala anlässlich der Vergabe des Ballon d'Or.
Das spannende Finale bildete den würdigen Abschluss einer gelungenen Veranstaltung in Dubai, mit der die FIFA die Messlatte für kommende Turniere sehr hoch legte. Auch Wollin war vom Event in der Wüste begeistert: "Das kann man kaum noch steigern. Es ist schon echt überragend, was hier abgelaufen ist."
Irgendwie kurios: Auch beim FIWC scheiterte der englische Vertreter im Elfmeterschießen. Ty Walton (17) unterlag dem späteren Vierten Guastella. Zuvor hatte es einigen Ärger gegeben, weil beide die Partie nach dem Ende der regulären Spielzeit fortsetzen wollten und die virtuelle Begegnung dabei aus Versehen abbrachen. Nach Guastellas Sieg im Elfmeterschießen hielt die Eiszeit an: Der obligatorische Handschlag fiel aus, beim folgenden Interview würdigten sich die beiden Kontrahenten keines Blickes. Walton fiel außerdem dadurch auf, dass er stets barfuß vor der Konsole saß. "Einfach bequemer", so der Brite.

Titelverteidiger Francisco Cruz (17) scheiterte im Viertelfinale mit 0:1 am späteren Vize-Weltmeister Bruce Grannec. Der Portugiese hatte 2011 in Los Angeles gewonnen. Der Sieger von 2010, Nenad Stojkovic (USA), war in Dubai als Kommentator dabei.
Grannec qualifizierte sich zum dritten Mal für den FIWC, immer schaffte er es unter die letzten Vier. Seinem Sieg 2009 und Platz drei 2010 folgte in Dubai Rang zwei. "Jetzt habe ich alle Trophäen. Nächste Saison kann ich meinen eigenen FIWC ausspielen", twitterte der Franzose an seine 304 Follower.
Der älteste der 24 Grand-Final-Teilnehmer war der Peruaner Dany Alban Rojas (29), der jüngste Gustavo Nascimento aus Brasilien (16).
Zu den zahlreichen Aktivitäten, die die FIFA ihren Finalisten in Dubai bot, gehörte auch ein Hallenkick mit den beiden Weltmeistern Luca Toni, der im Emirat bei Al Nasr spielt, und Christian Karembeu.
Viele der Finalisten können Fußball nämlich nicht nur an der Konsole: Der Neuseeländer Reece Lambert, für den in der Vorrunde Schluss war, nahm mit der U-17-Auswahl seines Landes 2011 an den Weltmeisterschaft in Mexiko teil. Er gehörte in Dubai zu den wenigen, die nicht mit Real Madrid spielten. Der 18-Jährige wählte Manchester City - als United-Fan!
2012 nahmen erstmals mehr als eine Million Teilnehmer am FIWC teil. Schon 2010 schaffte es die Veranstaltung ins Guinness Buch der Rekorde: als größtes Online-Gaming-Turnier der Welt.
André Dersewski
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