Türkei: Ein Allgäuer als neuer Volkheld
Mansiz Ilhan: Verdrängt er Hakan Sükür?
Das Wunder hat einen Namen: Türkei. Grenzenloser Jubel bei den Spielern, ausufernde Freude bei den Fans vom Bosporus bis zum Schwarzen Meer, aber auch bei den in Deutschland lebenden Türken von Stuttgart über Köln bis hin nach Berlin-Kreuzberg.
Osaka stand ganz im Zeichen des Halbmondes, des türkischen Halbmondes. Ein Mann hatte sie in der Verlängerung erlöst. In der vierten Minute dieser gelang Ilhan Mansiz das Golden Goal, gleichbedeutend mit dem Einzug ins Halbfinale. "Ich bin natürlich überglücklich und freue mich riesig", jubilierte der 26-jährige, quicklebendige Stürmer mit dem lustigen Zopf auf dem Kopf.
Der in Kempten im Allgäu geborene Ilhan spielte in Deutschland bei Türkgücü in München, wurde 1996 nach einem Probetraining beim 1. FC Köln als "untauglich" eingestuft. Erst 1998 ging der Stürmer in seine Heimat, kam über Samsunspor zu Besiktas und entwickelte sich dort zum Torjäger. Mit 21 Treffern in der abgelaufenen Saison teilte er sich die Torjäger- Krone mit Galatasaray-Stürmer Arif Erdem.
"Ich musste lange auf dieses Tor warten, nachdem ich bisher nur zu vier Kurzeinsätzen bei der WM kam. Ich weiß, dass von mir in der Heimat Tore erwartet werden. Ich spürte den Druck, aber der ist jetzt weg", schilderte der begehrte Interview-Partner, der in Istanbul der Schwarm aller jungen Mädchen ist.
Ausgerechnet das türkische Torjäger-Denkmal Hakan Sükür hatte Ilhan abgelöst, der wie schon im gesamten Turnier auch gegen den Senegal weit neben sich stand, und Chancen vergab, die er früher traumwandlerisch sicher verwandelte. "Von Hakan erwarten die Leute immer Tore, deswegen konnte es für mich nur besser laufen", gestand der fließend Deutsch sprechende Torjäger Ilhan.
An der Aufstellung von Kapitän Sükür hatten sich auch die türkischen Medien schon seit Tagen gerieben. Sie forderten vehement den Einsatz von Draufgängers Ilhan. Sükür war eine schwere Hypothek für den bis Samstag umstrittenen Trainer Senol Günes. Der öffentlichkeitsscheue Coach der Türken, der das Rotlicht der Kameras nur zu gern verschmäht und der wegen der Kritik und der mangelnden Anerkennung sein Engagement nach der Weltmeisterschaft eigentlich beenden wollte, ist jetzt zum Volkshelden geworden.
Der ehemalige Torhüter und Trainer von Trabzonspor war trotz seiner Erfolge in Istanbul immer heftig umstritten. Doch jetzt bescherte der Mann vom Schwarzen Meer mit dem WM-Halbfinaleinzug den größten Erfolg für den türkischen Fußball. Und dass die Mannschaft konsequent hinter ihrem Erfolgstrainer steht, bewies die Tatsache, dass sie auch in der Stunde des größten Erfolges von Osaka ihren seit Wochen anhaltenden Presseboykott gegen die türkischen Medien aufrecht hielt - wortlos entschwanden sie in die Halbmond-Nacht von Osaka.
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