
kicker: Herr Altintop, vor kurzem siegten Sie mit der türkischen Nationalmannschaft gegen Deutschland, heute Abend kämpfen Sie für Ihren deutschen Klub bei Fenerbahce Istanbul. Was empfinden Sie bei solchen Duellen?
Hamit Altintop: Schon eine Extra-Freude, wenn jeweils auf der anderen Seite einige Freunde dabei sind.
Und: Wenn ich auf dem Platz stehe und die deutsche Hymne höre, spüre auch ich etwas Besonderes im Herzen.
kicker: Können Sie das beschreiben?
Altintop: Na ja, man denkt an die Erfolge bei der WM 90 und der EM 96. Die habe ich schließlich in Deutschland miterlebt und mitgefeiert. Das verbindet schon.
kicker: Dennoch spielen Sie für die Türkei statt für das Land, in dem Sie geboren und aufgewachsen sind.
Altintop: Auch wenn ich zweisprachig und mit beiden Kulturen groß wurde: Für mich stand immer fest, ich bin Türke. So bin ich erzogen, im Sinne der türkischen Kultur.
kicker: Wo sehen Sie die Unterschiede zur deutschen?
Altintop: Teilen ist in unserer Kultur das A und O. Und wir Türken sind in der Familie viel stärker verbunden. Wenn ein Deutscher 18 ist und genug Geld hat, zieht er daheim aus. Das ist nicht falsch, man wird schneller erwachsen und übernimmt Verantwortung - aber bei uns ist es eben anders.
kicker: Wie ist es denn bei Ihnen?
Altintop: Ich wohne in Gelsenkirchen zusammen mit meiner Mama. Meine Schwestern sind verheiratet, seit mein Bruder Halil nach Kaiserslautern gewechselt ist, sind wir alleine. Meine Mutter ist der Mensch, mit dem ich in guten und schlechten Zeiten alles teilen kann. Ich brauche dieses Gefühl: Alles, was ich tu, tu ich nicht nur für mich, sondern auch für sie. Ich hoffe, wenn ich mal vergeben bin, werde ich mit meiner Lebensgefährtin weiter bei meiner Mutter in der Nähe wohnen, vielleicht eine Straße weiter oder so.
"Ich finde es schön, wenn die Leute sagen: Das ist "unser" Spieler"
kicker: Und wie stark unterscheiden sich die Fußball-Kulturen?
Altintop: Manchmal schon krass. Wenn du als Fußballer in der Türkei über die Straße läufst, kommen ständig Menschen, die dich einfach mal anfassen oder sogar küssen wollen. Das kann manchmal nervig werden, aber grundsätzlich habe ich damit kein Problem. So bekannt zu sein, sehe ich als ein Geschenk Gottes. Ich finde es schön, wenn die Leute sagen: Das ist "unser" Spieler. In Deutschland wird das anders gesehen. Wir Türken haben da im wahrsten Wortsinn viel weniger Berührungsängste.
kicker: Lässt sich diese Erkenntnis auch auf den Alltag außerhalb des Fußballs übertragen?
Altintop: Denke ich schon. Ich saß mal in einem Café, da ist eine Kellnerin die Treppe runtergestürzt. Selbstverständlich für mich, hinzugehen und zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Eine Gruppe junger Deutscher saß auch da - die haben aber nur kurz geguckt und dann weitergeredet. Ich glaube, in Deutschland scheut man sich einfach davor, sich irgendwo einzumischen. Selbst wenn es nur darum geht zu helfen.
kicker: Dass man schnell ins Fettnäpfchen treten kann, haben Sie bei Schalke selbst erfahren...
Altintop: ... als ich sagte, wir müssten uns zusammensetzen, auch mit dem Trainer, um zu klären, wie wir spielen sollen. Ich war völlig überrascht, dass mir das als Kritik ausgelegt wurde. Ich wollte etwas Gutes tun, dokumentieren, dass wir Spieler uns Gedanken machen über die Situation.
kicker: Nach dem verpatzten Champions-League-Start in Eindhoven sprachen Sie als Einziger mit der Presse und forderten, "unsere Klasse-Spieler" müssten "Zeichen setzen".
Altintop: Auch da habe ich niemanden attackiert, sondern nur ausgedrückt, dass ich nicht verstehe, wie man ein ganzes Jahr lang auf so ein Ziel hinarbeiten kann, und dann fehlt im ersten Spiel jegliche Freude.
"In der eigenen Stadt als Profi zu spielen, ist etwas ganz Besonderes"
kicker: Ärgern Sie sich im Nachhinein, nicht auch stumm geblieben zu sein wie die Kollegen?
Altintop: Warum? Mein Verhalten mache ich nicht davon abhängig, ob es gerade gut oder schlecht läuft. Auf den ersten Blick geht es vielleicht darum, immer gut auszusehen, auch nach außen hin. Aber irgendwann ist das alles vorbei. Und dann ist mir wichtig, immer noch jedem in die Augen schauen zu können.
kicker: Ihr Vertrag auf Schalke läuft bis 2007. Entscheidet diese Saison, ob Sie hier den Durchbruch schaffen oder es anderswo versuchen müssen?
Altintop: Ich werde auf Schalke nicht so schnell aufgeben. In der eigenen Stadt als Profi zu spielen, ist etwas ganz Besonderes, das ich unbedingt auskosten will. Ich muss eben spielen, mich weiterentwickeln, um mit der Zeit Führungsspieler zu werden. Ich glaube, ich habe die Fähigkeiten dazu.
kicker: Für rechts hinten, wo Sie aushalfen, wurde mit Rafinha ein Spezialist verpflichtet, im Mittelfeld haben Sie hochkarätige Konkurrenz.
Altintop: Meine Stärken liegen rechts, inzwischen auch rechts hinten. Dort spiele ich auch im türkischen Nationalteam. Und Konkurrenz hin oder her. Ich glaube, in unserem Mittelfeld bin ich der kompletteste Spieler. Dazu gehören Tempodribbling, Zweikämpfe gewinnen, aus der zweiten Reihe schießen. Sicher fehlt mir noch Übersicht. Aber mit der Spielpraxis kriege ich die rein.
kicker: Ihnen wird auch mangelnde taktische Disziplin nachgesagt.
Altintop: Okay, ich mache auch riskante Dinge. Wenn ich drei Leute ausspiele, um aufs Tor zu schießen, ist das natürlich Egoismus. Aber Egoismus im Sinne der Mannschaft. Wie das Tor gegen Milan. Wer nichts riskiert, erreicht auch nichts.
kicker: Fordern Sie also einen Stammplatz?
Altintop: Nein. Ich bin zufrieden, wenn man fair ist. Das heißt: Unabhängig von Namen soll der spielen, der gute Leistung bringt. Ist ein Stammspieler gerade nicht so gut drauf, tut man doch auch ihm einen Gefallen, ihn mal auf die Bank zu setzen. Das meine ich überhaupt nicht böse. Bei Bayern ist das selbstverständlich, und keiner ist beleidigt. Wir haben auch einen Riesenkader, den wir ausnutzen können. Das hilft dem ganzen Klub.
kicker: Wie ist Ihr Verhältnis zu Trainer Ralf Rangnick?
Altintop: Gut, offen und ehrlich. Er bringt mich schließlich gegen Milan in einer schweren Phase, weil er mir vertraut. Mich treibt doch nur eines an: Das, was ich auf Schalke an Geld verdiene, mit Leistung zurückzuzahlen. Deshalb tut es mir weh, in einer Phase auf der Bank zu sitzen, in der ich mich gut fühle und überzeugt bin, der Mannschaft helfen zu können. Wenn ich unzufrieden bin, ist das der einzige Grund.
"Wo ich mich wohl fühle, fühlt sich Halil normalerweise auch wohl"
kicker: Raten Sie Ihrem Bruder Halil zum Wechsel nach Schalke?
Altintop: Wir unterhalten uns jeden Tag, er beobachtet alles genau. Ich würde ihm nie sagen: Mach das oder das. Er ist alt genug und klar im Kopf. Fest steht: Wir wollen beide zusammenspielen, da sind wir noch stärker.
kicker: Ist es denkbar, dass das bei einem anderen Klub als Schalke sein wird?
Altintop: Im Fußball geht alles schnell, und es hängt davon ab, was Schalke denkt. Aber wie gesagt: Ich fühle mich hier wohl. Und wo ich mich wohl fühle, fühlt sich Halil normalerweise auch wohl.
kicker: Galatasaray und Fenerbahce waren schon im Sommer an Ihnen interessiert.
Altintop: Ein Wechsel war da überhaupt kein Thema für mich. Irgendwann einmal könnte Istanbul natürlich die Herausforderung sein. Schon wegen der Stadt und wegen der Derbys. Galatasaray gegen Fenerbahce - da kommt selbst Schalke gegen Dortmund nicht mit.
kicker: Was erwartet Sie am Mittwochabend?
Altintop: Klar die beste türkische Mannschaft. Aber wenn wir unsere Top-Leistung bringen, wie teilweise gegen Milan, gewinnen wir in Istanbul. Trotz einer Atmosphäre, die viele von uns noch nie erlebt haben, auch auf Schalke nicht. Die türkischen Fans sind in ihrer Euphorie extrem. Wenn es aber nicht läuft, kennen sie auch keine Gnade mit den eigenen Spielern.
kicker: Würde Sie das nicht auch von einem Wechsel abschrecken?
Altintop: Man muss die Mentalität kennen. Für die Leute ist Fußball Religion, in guten wie in schlechten Tagen. Wenn die Fans ihren Ausraster haben, wollen sie damit eigentlich zeigen, welche Bedeutung der Fußball für sie hat. So sind eben die Türken.
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