Falls diese bescheidene Prognose ein Scherz gewesen sein sollte, dann wird nicht einmal der Bayern-Manager selbst darüber lachen. Denn für ihn und die Titelrekordler aus München zählen 2007/08 einzig Titel. Mit diesem erlesenen Personal gehen sie als Favorit in die Liga, in den DFB-Pokal und in die internationale Zweitklassigkeit des UEFA-Cups.

Beim FC Bayern wissen die Beteiligten, dass sie in der anstehenden Saison von der ersten Spielminute an von jedem kleinen wie großen Gegner gejagt werden: wegen dieser neuen Weltstars, wie der Manager die Offensivkräfte Luca Toni und Franck Ribéry anpries (und über die sich der deutsche Fußball freuen sollte); wegen der vollmundigen Hoeneß'schen Vorhersage, die Mitbewerber müssten den FC Bayern fortan wieder mit dem Fernglas an der Spitze suchen; und wegen dieser gewaltigen Summe, über 60 Millionen Euro, die allein die Transfers dieser Spieler verschlangen, die Spitzengagen nicht eingerechnet. Hoeneß selbst sagt: "Wir wissen, dass wir sehr unter Druck sind."
Denn erstmals haben sich die Verantwortlichen der FC Bayern AG auf nachdrückliche Empfehlung des Aufsichtsrats mit Franz Beckenbauer obenauf zu einer veränderten Investitionspolitik durchgerungen. Nach der missratenen Spielzeit 2006/07 mussten sie handeln, sie wagten sich in bislang unbekannte Dimensionen vor - mit dem Mut zum totalen Risiko.
Denn der Findungsprozess dieses mit sieben oder acht neuen Mitgliedern angereicherten Kaders wird einige Zeit brauchen; umso mehr, als einige nicht unwesentliche Spieler zum Trainingsstart fehlen und das deutsch-spanisch-italienisch-französische Sprachengewirr groß sein wird. Ottmar Hitzfeld und der Trainerstab haben da eine komplexe und komplizierte Aufgabe zu schultern. Denn das Gerangel um die elf Positionen, um die sich jeweils mindestens zwei Bewerber mühen, wird heftig. Allerdings weiß Hitzfeld mit Stars umzugehen: Er gönnt ihnen Freiheiten, sanktioniert jedoch Fehlverhalten gerne mit 10000 Euro Geldstrafe.
Gefordert ist er vor allem als Fußball-Lehrer: Er muss diesen Einzelkönnern (s)eine Spielidee und (s)ein System vermitteln. Über die Flanken wollen die Bayern künftig attackieren, Luca Toni und Miro Klose - so er denn kommt - sollen die Hereingaben verwerten. Auch ohne Leitfigur in der offensiven Zentrale sollte diese Münchner Offensive wuchtig daherrollen.
Heikler ist die Frage, ob der Innenbereich der Verteidigung wie des defensiven Mittelfelds davor optimal besetzt ist. Owen Hargreaves reißt eine klaffende Lücke, Mark van Bommel, keine klassische Nummer sechs, und der eigentlich filigrane Zé Roberto sollen sie füllen. Die Ideallösung? Die Nachrücker heißen Martin Demichelis und Andreas Ottl, die sich auf höchstem internationalen Niveau erst beweisen müssen. Aber da mischen die Münchner 2007/08 nicht mit, deshalb können sie Zeit gewinnen, auch bei der Lösung des Problems im Abwehrzentrum.
Ein, zwei Neue würden auch 2008/09 kommen, sagt Hoeneß, der diesjährige Großeinkauf werde freilich "eine große Ausnahme" bleiben. Sie musste gemacht werden, weil die vorherige Mannschaft nicht gut genug war. Die jetzige muss zeigen, dass sie imstande ist, oberste Bayern-Ansprüche zu sättigen. Dann sind die Fehleinschätzungen des Vorjahres - mit viel Geld - korrigiert. Und das Risiko hat sich gelohnt.
Karlheinz Wild
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