Paolo Guerrero hatte sich während der WM im schicken Samt-Jacket in seiner neuen sportlichen Heimat Hamburg der Öffentlichkeit vorgestellt und - im Geiste noch ganz Münchner - vom Double gesprochen. "Aber auch die Champions League will ich mal gewinnen." Große Worte, wenig Wirkung. Ganze zwei Tore erzielte der 2,8 Millionen Euro teure Stürmer in der Hinserie, sicherte so immerhin den einzigen Saisonsieg (2:1 in Leverkusen), traf aber bezeichnenderweise als Joker. Eine Rolle, die er hatte ablegen wollen.
Stattdessen heißen die Realitäten Joker statt Stammspieler und Abstiegs- statt Titelkampf. Joker Guerrero - für Thomas Doll liegt genau darin das Problem des Peruaners. "Bei den Bayern hat sich alles auf Makaay, Kahn oder Ballack fokussiert. Paolo kam rein, hat ohne Druck seine Tore gemacht. Bei uns war er dann der Neue vom FC Bayern, der eine hohe Ablöse gekostet hatte, bei dem alle ganz genau hingeguckt haben. Das erzeugt Druck. Damit muss er lernen umzugehen."
Aber wie viel lernen kann und will Guerrero? Zu oft wirkte er während der Hinrunde unbeteiligt, gedanklich abwesend. Sein kleines Missgeschick, am Wochenende vorm Champions-League-Heimspiel gegen den FC Porto davon ausgegangen zu sein, der HSV spiele unter der Woche in London gegen den FC Arsenal, hängt ihm nach. Weil es für viele gerade bei ihm eben nicht wie ein Ausrutscher, sondern symptomatisch wirkte. "Paolo", so Trainer Doll, "hat große Fähigkeiten, aber er muss immer wieder angeschoben werden, das habe ich schon mitbekommen." Doll ist dazu bereit. "Ich werde ihn weiter anschieben. Das erste halbe Jahr war für ihn ein Lernprozess."
Den Lernprozess glaubte Guerrero mit dem Wechsel zum HSV abgeschlossen zu haben. Stattdessen beginnt ein neuer. "Er stand zuvor noch nie in dieser totalen Verantwortung wie jetzt", sagt Doll, "es ist einfach ein Unterschied, ob ich vom Status her Stammspieler bin oder nicht." Seit der Winterpause glaubt er beim 23-jährigen Angreifer einen leichten Wandel ausgemacht zu haben: "Er ist gewillt, hier was zu verändern." Doch im Trainingslager gab es den nächsten Rückschlag. Mit einer Entstehung, die zum ersten Halbjahr Guerreros an der Elbe passt: Beim Test gegen die Vereinigten Arabischen Emirate wollte Doll seinen Angreifer vom Feld nehmen, als dieser Oberschenkelprobleme signalisierte. Der aber wollte weitermachen, da das Auswechselkontingent bereits erschöpft war. Der Eigenantrieb war da, nur eben zur falschen Zeit. Seither pausiert Guerrero - Muskelfaseriss.
"Ich hoffe, es dauert nicht so lange", erklärt Guerrero. Er hat begriffen, was die Stunde geschlagen hat: "Ich habe keine Zeit zu verlieren. Ich will spielen."
Sebastian Wolff
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