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21.11.2006, 16:32

Bielefeld: Der Trainer im Porträt

Von Heesen: Lehrmeister ohne Lehrbuch

Er spielte 378-mal in der Bundesliga, vor allem für den HSV. Thomas von Heesen (45) kennt die Praxis des Geschäfts. Doch wie arbeitet der Bielefelder als Trainer? Was macht er anders als seine Kollegen?

Thomas von Heesen und Heiko Westermann
Wegweisend: Thomas von Heesen und sein Spieler Heiko Westermann.
© imagoZoomansicht

Ioannis Masmanidis hatte in der Kabine vor der Vormittagseinheit gerade zur Zeitung gegriffen, als sich unvermittelt sein Trainer neben ihn setzte: "Na Ioannis, was haben sie geschrieben?" Der 23-Jährige wusste es selbst nicht und musste schlucken, als er den Sportteil aufschlug, in dem über ihn, den Edeljoker, berichtet wurde. "Sauer" sei er ob seiner Reservistenrolle, hieß es da. Doch wer spiele, müsse "der von Heesen" entscheiden. "Hast du das gesagt?", fragte "der von Heesen" seinen Schützling. Masmanidis verneinte. Er habe "Herr von Heesen" gesagt und sei "unzufrieden". Von Heesens Antwort: "Wenn du zufrieden wärst, hättest du auch ein Problem mit mir!" Die Sache war geritzt, der mögliche Konflikt bei der "Frühstückslektüre" beigelegt.

Für die Kommunikation des Trainers mit seinen Spielern ist dies typisch. "Er will verstehen, wie jeder Einzelne tickt", berichtet Markus Schuler, und "du kriegst immer eine klare Ansage". Das gilt auch für die Mechanismen auf dem Platz, die die Arminia in der Vorrunde zu ungeahnten Höhenflügen haben ansetzen lassen. "Wir sind taktisch ausgereifter als andere Teams. Es gibt bei uns Abläufe, die es bei anderen Klubs so nicht gibt. Bei uns sind die spezifischer", sagt Schuler, obwohl er schon bei Jürgen Klopp in Mainz und bei Ralf Rangnick in Hannover Trainer mit moderner Spielphilosophie genießen durfte.

Von Heesen will verstehen, wie jeder Einzelne tickt.Markus Schuler

Schulers Außenverteidiger-Kollege Bernd Korzynietz kann den Eindruck nur bestätigen. Als er 2005 nach Bielefeld kam, musste er erkennen, dass unter Thomas von Heesen "Dinge trainiert wurden, die ich bislang nicht kannte". Das sagte Korzynietz, der zuvor unter Ewald Lienen, Dick Advocaat oder Hans Meyer arbeitete, zum Beispiel über das Absichern und Einrücken in der Viererkette. Korzynietz meint heute: "Wir bewegen uns taktisch auf höchstem Niveau. Jeder weiß, was der andere macht. Und jeder hier weiß auch, warum wir was machen."

Konzeptfußball nennen sie das in Bielefeld, seitdem Uwe Rapolder dort im März 2004 diese Spielphilosophie einführte, die von Heesen weiterentwickelt hat. Die Trainingsformen dazu kreiert dieser selbst. "Ich schlage nicht vorher im Lehrbuch Seite sieben auf", sagt er, sondern "ich schaue mir an, was wir spielen und entwickle daraus die Trainingsinhalte".

Vergangenheit: Thomas von Heesen
Vergangenheit: Thomas von Heesen holte zweimal mit dem HSV den Meistertitel (82, 83).
© imagoZoomansicht

Da wundert es nicht, dass von Heesen nicht gerade mit Begeisterung im Juli den Fußball-Lehrer-Lehrgang in Köln antrat. Der Westfale, der sich als Aktiver beim HSV einiges vom legendären Ernst Happel abschaute, ist kein Mann für die graue Theorie. Die täglichen Einheiten mit seinen Spielern sind es, die ihn faszinieren. So sagt er: "Ich liebe es, mit der Mannschaft zu arbeiten", Dinge zu entwickeln, seine Elf immer flexibler auftreten zu lassen. Sein Urteil: "Wir sind nicht mehr so leicht auszurechnen wie vor zwei Jahren, als wir nur eine Spielweise beherrschten."

Auch wenn die Abläufe immer wieder einstudiert werden, verkommen sie nicht zum Stereotyp. In der Defensive wird der Zufall auf ein Minimum reduziert. In der Offensive ist trotz der Vorgaben Kreativität gefragt. Das Resultat, immer wiederkehrende Spielzüge, die aber dennoch nicht leicht ausrechenbar sind, ist von Heesens Verdienst. Der Weg zu dieser Mischung aus Konterspiel auf fremden Plätzen und teilweise von Pressing geprägten Auftritten in der Schüco-Arena ist durchaus mühsam, ständige Wiederholungen sind angesagt. "Die Jungs nervt das vielleicht manchmal, dass sie das immer und immer wieder trainieren müssen, aber wenn man am Wochenende dafür belohnt wird, weiß man, warum man das macht", erklärt Kapitän und Torhüter Mathias Hain.

In dieser Entwicklung immer weiter voran zu kommen, ist von Heesens Ziel. Aus Rapolders 4-2-3-1 machte er ein 4-4-2, wandelt dieses bei Bedarf in ein 4-1-4-1 um. Mittlerweile, stellt er zufrieden fest, "weiß die Mannschaft, wie sie gegen einen Gegner mit Raute spielen muss". Ein sehr offensives 3-5-2 schwebt dem Lehrmeister (noch) ohne Lizenz schon des Längeren vor, der sagt: "Ich liebe es, auf Ballbesitz zu spielen."

Doch was macht noch den Unterschied aus? Wie formt von Heesen so eindrucksvoll sein Team? Die Verteilung der Arbeit ist klar: Die Trainingsformen für die Situationen, in denen Arminia den Ball hat, setzt der 45-Jährige als ehemaliger Offensivspieler selbst auf dem Platz mit seinen Akteuren um, wobei er auch dort oft in die Rolle des stillen Beobachters überwechselt. Passieren einfache Fehler bei den grundlegenden Dingen - erfolgt ein Anspiel auf den falschen Fuß, wählt ein Spieler einen verkehrten Laufweg, obwohl dieser tausende Male einstudiert wurde -, dann bringt ihn das auf die Palme. Warum Dinge so ablaufen sollen, wie er es erwartet und vorgibt, kann er immer bis aufs Detail begründen. Gerade das überzeugt.

Die Abläufe für die Defensive bringt meist sein Assistent Frank Geideck, einst linker Verteidiger bei der Arminia, dem Team näher. Schuler, heute auf dieser Position, verdeutlicht einen entscheidenden Unterschied anhand des Beispiels der Viererkette: "Bei anderen Mannschaften kommt es in der Abwehr oft zu Eins-gegen-eins-Situationen. Hier weißt du: Dir hilft dein Neben- oder Hintermann." Die Kette agiert miteinander, nicht nur nebeneinander. So sieht es das Konzept vor. Das meint von Heesen, wenn er von "Solidarität" spricht.

Dieser ist er sich auch von seinem Co-Trainer gewiss. Der Diplom-Sportlehrer besitzt die Mischung aus wissenschaftlichem Hintergrund und praktischer Erfahrung, ist völlig loyal und genießt auf dem Trainingsplatz und bei der Spielerbeobachtung ("Er hat das Auge") bei seinem Chef höchstes Vertrauen und Anerkennung.

Das vermittelt dieser auch seinen Akteuren - solange sie umzusetzen versuchen, was er vorgibt. "Wichtig ist, dass wir das trainieren, was wir spielen wollen und umgekehrt", lautet einer seiner Grundsätze. Fehler verzeiht er. Vorausgesetzt, sie wiederholen sich nicht.

Thomas von Heesen
Analytischer Blick: Thomas von Heesen möchte Fehler kein zweites Mal sehen.
© imago

Als Jonas Kamper beim 2:2 gegen Hertha BSC im eigenen Strafraum einen Ball annehmen wollte und damit die Berliner zum 1:1 einlud, sprach er dem Dänen nachher zum einen sein Vertrauen aus, meinte aber andererseits auch eindeutig: "Jonas wird nie wieder auf diesem Niveau im Sechzehner einen Ball annehmen." Erlaubt sich einer seiner Akteure solch einen Fauxpas zum zweiten Mal, "dann gibt es auf den Hintern", so von Heesen.

In diesen Situationen kann der "liebe Thommy" richtig böse werden, aber nie cholerisch. Deutlich wird er - nicht nur intern - durch den Inhalt seiner Worte. Als Artur Wichniarek im April in der Halbzeit des Wolfsburg-Spiels von Heesens Aufforderung, den besprochenen Anteil zu den Abläufen beizutragen, mit den Worten "Geht nicht, geht nicht!" beantwortete, erhielt dieser einen knallharten Konter: "Und du kannst im Sommer gehen!"

Dass der Pole doch noch bei der Arminia glücklich geworden ist, hat dieser, wie er selbst weiß, besonders der Personalnot im Sturm zu verdanken. Ohne diese hätte ihm sein Trainer wohl kaum eine Chance gegeben. Denn nicht jedes Problem lässt sich mit von Heesen bei der "Frühstückslektüre" beseitigen.

Stephan von Nocks

 

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